Christoph Sanders, Thalheim

Sonniger letzter Septembersonntag. Perfektes Wetter, selbst wenn man umzieht. Der Kauf von zwei Staubsaugern für das Haus war damals eine gute Investition – mühsam und staubig ist es dennoch. Wir tragen ununterbrochen Kartons. Keine Einbauküche, aber unendlich viele Bücher, Musikträger, Bilder – unsere Helfer staunen nicht schlecht. Ich entdecke weitere Fotokisten aus dem Jahr 2003 – schnell durchsehen! Bei jedem Berliner Umschlag strömt mich das Glück der Erinnerung an.

In der Nacht auf Montag sauschlecht geschlafen. Die vollen Müllsäcke stehen himmelblau vor der Türe. Warmschwüle Luft – gut für das Außenlager, aus dem heute die letzten Möbel rübergehen, danach folgt „nur noch“ Kram. Es gibt Menschen, die Sortieren, Stapeln, Schieben, Bauen und Montieren saugeil finden – ich gehöre nicht dazu! Ich bin die ganze Zeit in Panik, die Stücke meiner Sammlungen nicht heile wiederzufinden, und sehe mich dabei den vorwurfsvollen Blicken der Familie ausgesetzt – sie verstehen es einfach nicht. Die Mädchen schlafen schon im neuen Haus, die Herren einstweilen noch an der alten Adresse. Als ich ein Tape mit einer ElektroBeats-Sendung von 2003 abspiele, sagt mein Sohn, dass er keine Musik für Drogis hören will.

Am Abend genießen wir die Vorzüge des Internets und schauen Belgien gegen Frankreich. Unglaublich begabte Einzelspieler im französischen Kader. Zidane extrem würdevoll am Rande des Feldes – eine dolle Erscheinung. Man halte da mal den Nägelkauer Nagelsmann oder den blödsinnig grinsenden Klopp (mit ultrapeinlicher Kappe!) daneben …

Am Dienstag zum ersten Mal seit Tagen auf dem Rad, die schwüle Wärme nutzend. Dann bis Sonnenuntergang Möbel in die neue Doppelgarage gestellt. „Octavia“ und „Yeti“ steht dort auf den beiden Schildern an der Wand, vermutlich Autonamen. Wir werden nie ein Kraftfahrzeug in diesen Prachtraum mit drei Stromanschlüssen und zehn Neonleuchten stellen – die Einfahrt ist lang genug. Als nachts der Landregen kommt, schnell alles zugedeckt, was draußen steht. Es herrscht absolute Stille, nur der Kühlschrank singt Kompressorchoräle.

Am Mittwoch weiter im endlosen Ausräumen. Es sammelt sich in allen Ecken Unbrauchbares. Donnerstag, 1. Oktober. Der kilometerlange Parkplatz des Globus-Marktes ist voll, also auch die Konten. Deutlich erregter Alltagsverkehr. Am Morgen gibt die sozialdemokratische Partei ihren „Widerstand“ gegen die Kürzungen bei den Pflegereformen auf, und mittags wird die Zuckersteuer auf Brausegetränke gekippt. Mein Sohn gönnt sich zur Selbstbelohnung zwei Zweier-Packs Knoppers.

Die offenbar doch nicht so ganz verpflichteten Helfer haben die letzten beiden Tage gefehlt. So ist das. Mein Sohn mahnt schreiend zur Eile. Ich bin müde, aber gesund, und freue mich, fast alles aus dem Fahrradkeller gerettet zu haben, was Unkundige achtlos irgendwohin werfen würden. Dauerregen, mild. Am Abend groggy vom Geschleppe. Auf dem Laptop das gute, unterhaltsame 2:0 Deutschlands gegen Serbien. Der Herd ist nun abgeklemmt. Morgen sind die anderen Elektrogeräte dran – der Sohn wäscht noch schnell Klamotten mit ultrateurem Waschpulver.

Ein Freitag im Kastenwagen und Transporter. Ich bin Co-Pilot beim Parallel-Umzug meines Sohnes nach Aachen. Sein dortiges Studium beginnt Montag. Ein gelobtes Land für ihn – endlich haufenweise junge Menschen, so als habe es den Demografiebruch nie gegeben. Was für eine andere Stimmung sofort in so einer Stadt herrscht – in Thalheim schlurfen alte Schnäppchenjäger, gebrechliche Paare, Omis im Rollator-Speed und Boomer mit Rucksäcken auf heroischer Wanderung umher.

Der Sonnabend ein weiterer Chaostag. Schwüles Wetter, zwei Fahrten mit dem Transporter. Inzwischen beherrsche ich das allseits piepende und warnende Ding. Beste Neuerung ist die Rückfahrkamera mit Restlichtverstärker, welche den eingeschlagenen Winkel der Vorderräder kalkuliert. Meine Girls begeistern sich vor allem für die souveräne Sitzposition. Ich erkläre nebenher, was der Führerschein in gewissen Kreisen immer noch für ein Privileg darstellt und dass manch einer dank raffinierter Betrugssysteme an die begehrte Fahrerlaubnis kommt. Verständnisloses Nicken. Eigentlich will ich sie ja auch nicht mit den Realitäten der Arbeitsklassengesellschaft desillusionieren. Ich wünsche mir doch so sehr, dass alles mit der Verve angegangen wird, mit der Blomstedt und die Dresdener Beethovens Zweite einspielten …

Sonntag. Die letzte, kühle Nacht in den alten Mauern liegt hinter mir. Die leeren Zimmer sind durch den eloquenten Polen Marek ausgebessert. Er unterhielt sich bestens mit der aus Charkiw geflohenen Olga. Beide sind Profis in Sachen Schönheitsreparatur. Wir lieferten nach Wunsch Kaffee und Gebäck und waren glückliche, das heißt ahnungslose Auftraggeber.

Die beiden letzten Thalheimer Hoftauben sind nun auch flügge – wir verabschieden sie in ihr neues Revier.
