Helko Reschitzki, Moabit
Ein denkbar schlechter Dienstagsstart: Blut im Stuhl, beunruhigend viel. Da der Gastroenterologe, bei dem ich vor Jahren mal zur Endoskopie war, bereits um 7:30 Uhr öffnet, nutze ich meinen kleinen Panikschwung und mache mich gleich nach dem Duschen zu ihm auf den Weg. Die Empfangsschwester tippt meine Schilderungen in den Computer und gibt mir dann – oh Wunder! – einen Gesprächstermin für den nächsten Tag. Inzwischen liegt die Wartezeit dafür im Bereich von Wochen, die für Untersuchungen beträgt oft Monate. Da ich eine Überweisung brauche, fahre ich direkt zur Gemeinschaftspraxis meiner langjährigen Hausärztin. Diese ist seit Kurzem im Ruhestand – einen festen Nachfolger habe ich noch nicht gefunden, aber eine ihrer Kolleginnen oder ein Kollege wird mir gewiss helfen. Dort ist heute jedoch „wegen Büroarbeiten“ geschlossen – zum Quartalsende muss der restliche Papierkram abgearbeitet werden, klar. Zu Hause packe ich meine Badesachen ein – auf zum Schlachtensee! Weil ich die Ursache der Blutung nicht kenne, gehe ich nur bis zu den Oberschenkeln ins Wasser – die gute Energie fließt trotzdem. Entspannte Entenbeobachtungen.

Am Nachmittag Eskalation eines Gesprächs in einer Tischtennispause, als eine Mitspielerin von massiven Störungen nach ihrer Covid-19-Impfung berichtet und eine andere Mitspielerin sie dafür heftig angeht. Dass die Geschädigte sich aus voller Überzeugung hat impfen lassen, zählt da nicht – das Narrativ steht. Ein Mitspieler und ich springen dem Opfer bei und berichten von Studien zu genau diesem Störungskomplex sowie den geleakten RKI-Krisenstab-Protokollen, von denen die andere selbstverständlich noch nie etwas gehört hat. Der gesellschaftliche Sprengstoff des Themas wird nach wie vor vollkommen unterschätzt.

Mittwochfrüh ist wieder alles voller Blut. Ich gehe zur Akutsprechstunde des jungen Docs, mit dem ich mal als Urlaubsvertretung meiner Hausärztin zu tun hatte. Ich zeige ihm ein Handyfoto der Angelegenheit und sage, dass das vielleicht durch das Setting der Toilettenschüssel dramatischer aussieht, als es ist, mich aber trotzdem sehr beunruhigt. Er meint, das sei wie bei Skiunfällen, wenn sich ganz schnell rundherum der Schnee rot färbt – ein schönes Bild. (Ich glaube, das habe ich – ohne Ski – schon mal in einem Tarantino-Film gesehen). Angenehmerweise stellt er keine Spekulationen an, sondern mir Überweisungen aus: eine für den Gastroenterologen und eine (falls nötig) für einen Proktologen. Ich frage, ob ich weiterhin essen und schwimmen darf – aufgrund der Exploration bekomme ich für beides das Okay. Meine Seerunden, vor allem die bei niedrigen Temperaturen, interessieren ihn – er hat 2025 einen Eisbadekurs absolviert und steht voll im Stoff, was die aktuellen Studien dazu angeht: „Etwas Besseres können Sie nicht für sich tun.“ Er ist Kanute – wir reden über Gewässer im Wandel der Jahreszeiten; mein Satz: „Auch Seen haben ein Immunsystem.“ freut ihn sichtlich.

In der Gastropraxis Ausfüllen eines (kein Witz) siebenunddreißigseitigen Aufnahmebogens auf einem Tablet. Die Fragen sind oft falsch gestellt, also nicht korrekt zu beantworten – so entstehen Behandlungsfehler. Anschließend Befragung durch eine toughe, beinahe furchteinflößende Schwester, also eher ein medizinisches Verhör. Danach geht es um einen Untersuchungstermin. Da gerade jemand kurzfristig abgesagt hat, fragt sie: „Wie sieht’s aus mit morgen, um …“ Ich unterbreche: „Nehm ich!!! Zeit egal.“ Nun lächelt sie das erste Mal: „Sie sind klug.“ – „Ich bin doch nicht bescheuert und warte drei Monate.“ Sie loggt mich ein. Dann teilt sie mir mit, dass eine der Leistungen neuerdings privat zu zahlen ist – nach meiner kleinen sarkastischen Bemerkung dazu folgt von ihr ein Monolog über den Niedergang des Gesundheitssystems; ich mache zustimmende Geräusche. Ihr Chef kommt und liest sich alles durch, was sie in den PC getippt hat. Das Einzige, was ihn noch interessiert, ist, warum ich meinen Hausarzt gewechselt habe – ich sage: „Pensionierung der alten Ärztin, Wechsel ins andere Behandlungszimmer, nichts weiter.“ Was die beiden kolossal amüsiert, warum auch immer. Abgang Doktor und Belehrung durch die Schwester über das weitere Vorgehen: „Ab sofort nichts Festes mehr essen. Hier steht alles drauf und hier ist das Abführmittel. Viel Erfolg!“ Ich kaufe Gemüse für eine TCM-Kraftbrühe.

Am Donnerstag nehme ich nach Anweisung das Abführmittel – und wohne im Laufe des Vormittags endlich einmal die Mietkosten für die Toilette ab. Um 14 Uhr fahre ich in die Gastropraxis. Ich habe Hunger.

Nach einer Stunde Wartezeit bin ich dran. Ich entkleide mich und schlüpfe in die Behandlungsbuxe, die hinten offen ist. Natürlich ziehe ich sie zunächst falsch herum an, was viele Männer machen, wie der Assistent sagt – „Frauen nie.“ Zugangslegung, Blutdruckmanschette, Narkose. Ein herrliches Gefühl – ich verstehe Süchtige. Später werde ich, noch vollkommen benebelt, in den Aufwachraum gebracht, wo ich mit drei anderen Patienten vor mich hindöse. Mir fällt auf, dass ich vollständig bekleidet bin. Ich frage eine vorbeikommende Nurse, ob ich mich alleine angezogen habe. – „Nein, das waren meine Kolleginnen.“

Bei der Auswertung teilt mir der behandelnde Arzt mit, dass er die Untersuchung abbrechen musste, da sich im Darm noch Getreidekörner befunden hätten – der Fluch des schnellen Termins; normalerweise dauert das Abführprotokoll eine Woche und verhindert genau so etwas.

Ein wenig konnte er trotzdem sehen – vor allem setzte sofort eine Blutung ein. Er verweist mich an die Kollegen, die geeignetere Kameras für den Eingangsbereich hätten. Auf dem Nachhauseweg Schlenker zum Proktologen. Auch dort ist geschlossen – man darf nichts Akutes zum Quartalswechsel haben. Nach sechsunddreißig Stunden Spontanfasten schmeckt die frisch gekochte Kartoffelsuppe himmlisch. Früh ins Bett.

Am Freitag dann endlich wieder zum See – auch der Gastroenterologe sah überhaupt keinen Hinderungsgrund, dass ich ins Wasser gehe. (Nur Fliegen darf ich zehn Tage lang nicht – das werde ich hinbekommen.) Die Bucht ist voll – ich glaube, die Vögel wollten sich dafür bedanken, dass ich sie am Montag nicht bei der RKI-Studie zum West-Nil-Virus verpfiffen habe. Anschließend zum Hausarzt, damit mir die Schwestern eine neue Überweisung für das aktuelle Quartal ausdrucken. Über die mitgebrachte Schokoladen freuen sie sich – im Gegensatz zu mir sind sie ja immer in diesem System gefangen, da tut Aufmunterung not. Ich merke noch den gesamten Tag die Nachwirkungen der Darmreinigung, Narkose und Untersuchung – Körper und Hirn sind anders als sonst.

Am Samstag fühlt sich passend zum Himmel über Moabit nach wie vor alles ein wenig wattig an. Am See laufen mir zum ersten Mal seit Wochen der Bitterfelder und seine Frau über den Weg. „Und das ausgerechnet am 3. Oktober!“, wie ich sie begrüße. Er war in der DDR politischer Häftling und ging mit 24 nach West-Berlin, sie hatte ich immer als Westlerin eingeordnet, keine Ahnung warum. Eine gute Gelegenheit, nach ihrer Herkunft zu fragen. – „Ich lebte mal hier und mal dort, vor allem aber lange in New York.“ Mehr Westen geht nun wirklich nicht. Ich frage, ob beide eine emotionale Beziehung zum 3. Oktober hätten. – „Nö.“ – „Nö.“ Uns dreien ist der 9. November wichtiger. Der Bitterfelder erzählt, wie er sich in der Nacht des Mauerfalls gegen den Strom der Ostler durchgekämpft hat, um seine Familie wiederzusehen. Was für ein Wahnsinn! Das und New York sind perfekte Cliffhanger für unsere kommenden Gespräche. Auf dem Flohmarkt nehme ich weitere Russen-Chor-CDs mit – ich bin bereit für Friedensverhandlungen.

Am Abend bei der Hausarbeit aus dem DLF-Archiv die erste Folge einer RIAS-2-Sendung von 1986 über Can. Journalistin Gabriele Meierding interviewte damals die vier Stammmusiker und montierte daraus eine äußerst klug geschriebene und zudem sehr angenehm gesprochene Sternstunde der Radiounterhaltung, dass ich ganz nostalgisch werde – für genau so etwas hing ich als Jugendlicher nächtelang am Recorder. Wie sang die gemeinhin unterschätzte Hardrockband Die Puhdys so treffend: „Feindmusik im Radio, die uns am Leben hielt“. Weil ich seit der Darmreinigung keinen Stuhlgang mehr hatte, esse ich Backpflaumen.

Die Backpflaumen wirken bereits am nächsten Morgen – die guten, alten Hausmittel … Während ich auf dem S-Bahnhof Westkreuz auf die S3 warte, mache ich ein Foto des orange-lila Himmels. Zwei Minuten später stürmt ein Mann auf mich zu und fragt, was ich da gerade fotografiert hätte – Typ schlauer, paranoider Professor in Hollywoodfilmen: Halbglatze mit langen, nach hinten abstehenden Locken, FFP2-Maske sowie ein Parka, aus dem ein Kabel kommt, an dem ein Gerät hängt, das er in meine Richtung hält. Wahrscheinlich beamt er mich bei einer falschen Antwort direkt in eine andere Galaxie. Ich wünsche ihm einen guten Morgen und sage, dass ich den prächtigen Sonnenaufgang fotografiert habe und er, falls das seine Frage sei, nicht mit auf dem Bild ist. Dabei zeige ich unter dem Dach hindurch auf die Himmelsfarben. Er folgt meinem Finger und sagt, dass das wirklich schön sei und er öfter mal hochschauen sollte, worin ich ihn bestärke. Er wiederum macht mich auf die feuchte Luft aufmerksam – und so plaudern wir noch ein wenig dahin. Nette Verabschiedung. Und ein Extralob an die Bahn, die, wie ich nebenbei bemerke, nun an ihren Abfallbehältern Flaschenhalter angebracht hat, was den Armen das Mülldurchwühlen erspart. Win-win.

Die feuchte Luft erklärt sich durch den immer dichter werdenden Nebel, den wir durchfahren. Die Eiszeitsenke Rehwiese ist schwadendicht.

In den Gerippeästen der vierhundertsechzigjährigen Eiche legt DJ Specht ein Drum-and-Bass-Set auf. Inner city life / Inner city pressure.
Der Kieler und die beiden Sachsen sind vom Nebel auch schwer beeindruckt. In der Bucht sehe ich zum ersten Mal überhaupt fliegende Mandarinenten, die ich bislang nur hockend, watschelnd oder schwimmend kannte. Wie schon der Freitag und Samstag wird auch der Sonntag ein ruhiger Tag – mein Körper braucht die Erholung. Mir kommt zugute, dass ich inzwischen meist das langsame Denksystem nutze (nach Daniel Kahnemans „Thinking, Fast and Slow“), also eher nicht zu Gedankenkarussellfahrten neige, keine Symptome recherchiere oder ungeduldig bin. Alles wird rational abgearbeitet. Einige in meinem Umfeld, denen ich von den Blutungen und Untersuchungen berichte, sind da anders und malen mir schlimmste Krankheiten und Ärztepfusch aus, erzählen vom Siechtum anderer. Sehr destruktiv und vollkommen sinnlos – ich darf so etwas in Zukunft gar nicht erwähnen. Bei der Küchenarbeit höre ich die zweite Folge der RIAS-2-Sendung über Can. Dass Czukay, Schmidt, Karoli und Liebezeit 1968 zusammenfanden, und später auch noch Malcolm Mooney und Damo Suzuki dazustießen, kann nur auf Weisung von ganz, ganz oben geschehen sein – was für Typen, was für Musik! Das Album „Rite Time“, an dem die Band 1986 während des Interviews gerade in Karolis Outer Space Studio in einer ehemaligen Olivenölmühle in den französischen Alpen herumtüftelte, war eine der ersten Schallplatten, die ich gleich nach dem Mauerfall kaufte. Cool.

Die Rias-2-Sendung über Can: https://www.deutschlandfunkkultur.de/the-can-die-geschichte-einer-gruppe-teil-1-kulturrevolution-102.html DE
Can „Vitamin C“ (1972): https://www.youtube.com/watch?v=JXsd5W8ofDw&list=RDJXsd5W8ofDw&start_radio=1
