Frank Schott, Quedlinburg, DDR
Beim Aussortieren von Büchern, insbesondere großen Bildbänden und Nachschlagewerken, die seit Jahrzehnten kein Mensch mehr in der Hand hatte, fiel mir ein nicht abgeschickter Brief in die Hände. Ich hatte ihn als Schüler zu Beginn der 12. Klasse geschrieben, aber dann vergessen. Wie er ausgerechnet in einen Paris-Bildband gelangte, weiß ich nicht. Interessant ist er für mich nicht nur als Zeitdokument, sondern auch als Zeugnis meiner eigenen schwülstigen Sprache als Jugendlicher. Spannend ist, dass ich mich bislang überhaupt nicht daran erinnern konnte, vor meinem Besuch im März 2025 schon einmal in Quedlinburg gewesen zu sein. Als Datum ist der 23.9.1988 vermerkt. Ich befand mich seinerzeit im zweiten Abiturjahr, das ich bei den Spezialklassen für Chemie in Merseburg ablegte.

Am Mittwoch begann unsere Klassenfahrt. Für drei Tage ohne Schule nimmt man einiges in Kauf. Auch dass man um 6.00 Uhr aufstehen muss, um den 6.21 Uhr Zug nach Halle noch zu erwischen. Dort fand das freudige Zusammentreffen mit unserem Klassenlehrer, Dr. Bauer, statt. In der Wartehalle erfuhren wir, wie nützlich es mitunter sein kann, als Klassenlehrer einen Chemielehrer zu haben. Einzelne Schüler der mit uns fahrenden 12a wurden nämlich von ihrer Russischlehrerin angehalten, eine russische Zeitung zu erwerben, als Reiselektüre sozusagen.

Wir fuhren dann nach Quedlinburg, das ja vor allem seiner alten Häuser und Straßenzüge wegen berühmt ist. Auf den ersten Blick schien es eine gewöhnliche, verdreckte, heruntergekommene Kleinstadt wie Merseburg zu sein. Nach einem fünf- bis zehnminütigen Fußweg erreicht man das historische Stadtzentrum, das mit den vielen Fachwerkhäusern wirklich altertümlich wirkt. Die frisch getünchten Fassaden können einen aber nicht über den ständigen Verfall hinwegtäuschen. Sobald man die Einkaufsstraßen mit den renovierten Gebäuden im geschichtlichen Gewand verlässt und die kleinen, engen, für Autos manchmal unbefahrbaren Gassen betritt, wandelt sich die für das Auge so erfreuliche Stätte in ein Bild des Grauens.

Halb eingestürzte Häuser, eingefallene Decken, verwüstete und verschmutzte Wohnungen, Scherben und alle Arten von Unrat. Man sieht ganze Straßenzüge, die bis auf zwei oder drei noch bewohnte Fachwerkhäuser tot sind. Manchmal scheint es, als das Öffnen einer Haustür oder ein an die Wand Lehnen den Einsturz zur Folge haben müssen. Gegen 13.30 Uhr verließen wir die zerfallene Stadt in Richtung Gernrode.

Dort stiegen wir ein in die Harzquerbahn, einem fauchenden, dunklen Qualm ausstoßendem Ungetüm mit vorsintflutlichen Wagons. Eine aus Peking stammende Reisegruppe von zwei Männern und dem Dolmetscher sowie deren deutscher Führer sorgten für eine großartige Unterhaltung. Besonders unser Liebespaar hatte es ihnen angetan. Eine scharwenzelte mit Ute. Die Chinesen erzählten uns, dass an deren Schulen Lehrer Liebesbekundungen aller Art unterbinden würden. An den Hochschulen lässt sich das aber kaum noch verhindern.

Dann mussten wir auch schon aussteigen. Von einem Bahnhof war an der Station Sternhaus-Ramberg weit und breit nichts zu erkennen. Nur ein Unterstand befand sich dort. Der erinnerte jedoch mehr an das Wartehäuschen einer Bushaltestelle. Nach einem fünfzehnminütigen Marsch durch den Wald, auf das Vorhandensein von Menschen deuteten nur die Abfälle am Wegesrand, erreichten wir unser Herberge.
Dort wies man uns zwei Bungalows zu, einen mit acht und den anderen mit zweimal sechs Betten, und überreichte uns die historische Bettwäsche. Historisch deshalb, weil schon Generationen von Motten davon gespeist wurden. Zusammen mit den Colaflecken bot das Laken den Anblick einer Landkarte.
Unsere Hütten lagen an dem malerischen, aber entsetzlich kalten Bremer Teich, welcher nichts mit der bekannten Musikgruppe gemeinsam hatte, weil Mücken und Enten keine Bandmitglieder waren. Besonders einfallsreich ist hier die Versorgungsfrage gelöst. Da ein jeder einen anderen Geschmack besitzt und man es demzufolge nicht allen Recht machen kann, verzichtete die Leitung der Jugendherberge auf die Bereitstellung von Frühstück und Abendbrot. (…)

Der zweite Teil des Briefes ist verlorengegangen. Die Bilder stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Quedlinburg, was ich aus den vielen Fachwerkhäusern schließe. Es könnte aber auch eine andere historische Altstadt zur DDR-Zeit gewesen sein. Die Fotos sind jedenfalls um 1988 herum von mir aufgenommen worden.

Bericht des Autors über das Quedlinburg von heute:
https://botaniktrommel.de/quedlinburg/
https://botaniktrommel.de/die-altstadtsanierung-quedlinburgs/
