Gregor Dill, Moabit
WASSER AUS BERLIN 💧💧💧💧💧
Zwischen Flasche, Hahn und dem, was darunter liegt

Im Supermarkt steht Wasser in Reihen.
Still.
Medium.
Sprudel.
Glas oder Plastik.
Aus der Nähe oder weit gereist.
Mit Etikett, Herkunft und Preis.
Man nimmt eine Flasche und sieht ziemlich genau, was man kauft.

Zu Hause reicht eine kleine Bewegung – der Hahn öffnet sich, das Wasser läuft.
Klar. Kühl. Vertraut.
Fast unsichtbar bleibt, woher dieses Wasser eigentlich kommt.

Unter uns beginnt der Weg
Berlin nimmt im Wesentlichen von dem, was unter der Stadt und ihrem Umland liegt.
Grundwasser.
Gesammelt über die Zeit.
Gefiltert durch den Boden.
Bewegt durch Sand und Kies.
Gefördert aus Brunnen.
Zwischen diesem unsichtbaren Vorrat und dem Glas in der Küche liegt das Wasserwerk.

Doch „Berliner Wasser“ ist keine einzige gleichförmige Existenz. Im Westen liegt ein anderes Bett als im Osten, im Norden andere Brunnenfelder als im Süden.
Tegel.
Beelitzhof.
Friedrichshagen.
Stolpe.
Jedes Wasser hat einen Weg hinter sich, und jeder Weg hinterlässt etwas.
Mineralien.
Härte.
Geschmack.
Temperatur.
Aufenthaltszeit.

Was am Hahn meist gleich aussieht, trägt in sich unterschiedliche Landschaften.
Nord. Süd. Ost. West.
Vielleicht beginnt genau hier das Interessante.

Wer innerhalb der Stadt den Wohnort wechselt, wechselt manchmal auch das Wasser. Was nicht dramatisch ist, aber oft spürbar genug, dass manche Menschen sagen:
Das Wasser fühlt sich weicher an.
Das Wasser fühlt sich härter an.
Der Kaffee schmeckt anders.
Der Tee schmeckt anders.
Der Wasserkocher verkalkt schneller.
Manches davon lässt sich messen, manches bleibt persönliche Wahrnehmung. Beides darf nebeneinander stehen.

Und dann die Flasche
Auch die Flasche aus dem Supermarkt hat einen Brunnen.
Eine Quelle.
Eine Landschaft.
Nur ist ihr Weg anders.
Fördern.
Abfüllen.
Verschließen.
Lagern.
Transportieren.
Verkaufen.
Tragen.
Man sieht meist nur die letzten beiden Schritte.

Regen fällt senkrecht
Vor dem Brunnen kommt der Regen.
Er fällt auf Dächer,
Straßen,
Parks,
Gärten,
Bäume,
offenen Boden.
Ein Teil verdunstet.
Ein Teil fließt weg.
Ein Teil wandert irgendwann tiefer.
Durch den Boden.
Durch die Schichten.
Es kann lange dauern, bis aus Regen Grundwasser wird.

Jahre im Boden, Sekunden zwischen dem Hahnaufdrehen und dem befüllten Glas.
Ein Aquifer trägt Jahrzehnte, eine Dusche dauert Minuten.
Ein heißer Sommer kann in wenigen Wochen sichtbar werden.
Manchmal zeigt sich erst später, was fehlt.
Wasser trägt Zeit in sich.

Berlin trinkt Landschaft
Am Wasserhahn hängt keine Fabrik, sondern:
Sand.
Kies.
See.
Regen.
Grundwasser.
Brunnen.
Technik.
Und dazwischen sehr viel Zeit.

Darum ist ein Glas Leitungswasser keine beliebige Flüssigkeit; es ist ein kleiner sichtbarer Ausschnitt aus einem Korridor.
Ein Süßwasserkorridor, der durch die ganze Stadt läuft.
Unter Straßen.
Unter Häusern.
Unter Parks.
Für uns unsichtbar und trotzdem immer da.

