Frank Schott, Leipzig
Ein Tag, an dem ich mich am liebsten vor einen Laster stolpern möchte.

Am Montag hatte ich gerackert und fünf Bewerbungen geschrieben. Jedes Anschreiben individuell. Den Lebenslauf teilweise „vereinfacht“, um ja nicht zu überqualifiziert zu wirken. Bis heute Mittag kamen bereits vier Absagen. Zugegeben, nur zwei beziehen sich auf die Bewerbungen vom Montag, die anderen resultieren aus Anschreiben der Vorwoche. Der Rest wird folgen. Und auch dort wird man mir höflich formuliert mitteilen, dass ich es leider nicht draufhabe.
Niemand stellt einen alten Sack wie mich ein, es sei dann als Regaleinräumer, Hausmeister oder sonstiges Faktotum. Bisher habe ich mir verzweifelt Mut zugeredet, aber das ist Augenwischerei. Der Zug ist abgefahren. Ich kann maximal noch auf Dauerkrankschreibung und vielleicht Frührente spekulieren.
Oder auf den Bus. Oder den Laster – auf die Bahn ist ja kein Verlass.

Die lange, erschöpfende und belebende Wanderung vom Dienstag war die Ausnahme – Hoffnungslosigkeit und Frust sind nun wieder die Realität. Dankenswerterweise plagen mich in beiden Knien starke Schmerzen. Die sind wie Alkokol – für eine Weile betäuben sie den Geist.
Da ich zuhause mit dem Kopf gegen die Wände schlagen würde, bin ich einen Großteil des Tages zu Fuß unterwegs. Trotz der Schmerzen. Ich kann auch nicht lesen, nur Billigware aus dem Thrillerkabinet bekomme ich verdaut. Erich Fromm würde mich mit seinen klugen Worten zur „Kunst zu lieben“ nur noch weiter herunterziehen. Alles schöne Worte. Gib, dann wird Dir gegeben. Alles so schön biblisch.

Die Realität sieht so aus: Gib und dir wird in die Fresse geschlagen, ins Gesicht gespuckt, in den Arsch getreten. Der Gute ist der Dumme. Aggressiv musst Du sein! Das erlebe ich heute gleich zweimal in der Stadt.
Situation eins: Ein Fußgängerüberweg, mit Ampeln, am stark befahrenen Ring. Manchmal nutzen auch Radlfahrer trotz eigener Spur an der nebenan liegenden Kreuzung den Übergang. Heute rast ein Mann, etwa Ende dreißig, sofort bei Grün auf die Menschenmenge auf der anderen Seite los. Ein älteres Ehepaar kann nur knapp ausweichen. Der Radfahrer schreit: „Verpiss Dich, das ist ein Radweg.“ Als der Mann protestieren will, schwingt er die Faust nach ihm, verfehlt ihn aber. „Ich schlag Dir die Brille vom Kopf“, brüllt er. Nicht nur ich, auch andere Passanten wollen eingreifen, da stürmt er schon davon.

Situation zwei: Bei uns ist die Straße aufgerissen. Irgendwas mit Wasserleitungen, was weiß ich, hier ist ja ständig alles aufgerissen. Es sind Umleitungen ausgeschildert. Es gibt noch den Bürgersteig, aber dort sind überall Freisitze. Ein Wirt weist sogar mit einer handgemalten Botschaft darauf hin, dass Radfahrer doch bitte absteigen mögen. Weil meine Frau im anliegenden Optikergeschäft ist, stehe ich circa fünfzehn Minuten an dieser Stelle. Sechs von zehn Radlern fahren ungerührt mitten durch die Gehwegbewirtschaftungen. Wer Rad fährt, hat recht – wer keins hat, muss ausweichen.

Quintessenz dieses verkorksten Tags: Sei einfach ein Arschloch. Die anderen sind es auch. Und, Erich Fromm, ja, dumm gelaufen – der Mensch ist nicht edel, hilfreich und gut. Wer versucht, es zu sein, wird abgewatscht. Und wer es tatsächlich ist – also edel, hilfreich und gut – für den stehen schon irgendwo ein Kreuz und ein paar rostige Nägel bereit. Die Welt ist kaputt.
Aber, hey, liebe Leser, natürlich ich bin nicht vor den Laster gestolpert. Ich mache weiter. Oder wie ich zu einer Mitkämpferin sagte, die wegen eines Bergs von Problemen und Depressionsschüben eine Zeitlang in unserer Montagsrunde fehlte: „Schön, dass Du da bist.“ Und wir beide dann: „Denn Aufgeben ist keine Option.“
