Frank Schott, Leipzig
Als wir unsere Montagsrunde mit guten Wünschen für die Woche beenden, sage ich: „Macht doch mal etwas Verrücktes bis zu unserem nächsten Date“ – und stelle meine Idee für den nächsten Tag vor. Große Augen bei den anderen, aber mir anschließen will sich keiner. Ich verabschiede mich mit den Worten: „Wenn ich im Bewerbungsgespräch gefragt werde, was ich während meiner Auszeit gemacht habe, kann ich sagen: ‚Mehrtägige Radtouren mit mindestens hundert Kilometern; viel gelesen, unter anderem die Bibel; und außerdem lange Wanderungen unternommen, zum Beispiel eine von Leipzig nach Halle.‘“
Denn genau das ist meine Idee – ich will am Dienstag in das 41 Kilometer entfernte Halle wandern. Das erfordert noch etwas Vorbereitung. Nach dem Fußballtraining mit den Kids besorge ich mir zwei saure Äpfel, zuckerfreie Müsliriegel und eine 0,5-Liter-Flasche Wasser. Zuhause lege ich Wandersocken, Wanderhose und Wandershirt bereit, damit es am Morgen gleich losgehen kann.

Am nächsten Morgen begleite ich meine Frau nicht wie gewohnt auf ihrem Weg zur Arbeit. Ich sage ihr, dass die gut 40 Kilometer vermutlich anstrengend genug würden, da wolle ich auf die drei bis vier zusätzlichen Kilometer verzichten. Ich bekomme keinen Widerspruch.
Ich packe meinen kleinsten Rucksack (deswegen die Halbliterflasche), in den außerdem nur die Sonnenbrille, eine Powerbank und ein Buch kommen. Den Proviant verstaue ich in meinen Jackentaschen.
Um 7:25 Uhr marschiere ich los.

An der Pferderennbahn empfängt mich Frühnebel, der in der tief stehenden Morgensonne fantastisch leuchtet. Entgegen meiner Hoffnung ist es an den Flüssen des Auwalds aber klar, nur durch die Pforte zur Festwiese vor der Red Bull Arena sehe ich ein paar Schwaden. Das Licht ist einmalig. Auf dem Elsterflutbett haben es sich größere Verbände von Schwänen gemütlich gemacht. Natürlich in der warmen Sonne – für die Enten bleibt nur die Schattenseite.

Ich gerate mitten in den Berufsverkehr. Von vorne und von hinten schießen Räder mit und ohne Motor an mir vorbei, oft in einem ampelinduzierten Pulk, aus dem man versucht, die vorderen Positionen zu erstrampeln. Auch die Gassigeher und Jogger haben etwas Gehetztes und Verbissenes an sich – so, als müssten sie schnell eine lästige Pflicht erledigen, bevor sie weiter zur Arbeit hasten. Hinter der Landauer Brücke wird der Verkehr ruhiger; jetzt sind auch die Läufer und Hundehalter nur noch vereinzelt und sichtlich entspannter unterwegs.

Der Klang von Glocken weht über den Fluss herüber. Es ist acht Uhr. Ich komme an weiteren Sportanlagen vorbei – auf einer tobt sich eine Schulklasse aus. Dann der Auensee mit seiner um diese Zeit noch ruhenden Parkeisenbahn und einem Campingplatz mit Frühaufstehern beim Zubereiten des Frühstücks. Schließlich bin ich raus aus der Stadt.

Ich gehe immer links oder rechts der Neuen Luppe. Der Fluss ist hier nicht mehr aufgestaut und dadurch merklich schmaler. Enten und Schwäne bevölkern das Wasser. An einer kleinen Stromschnelle lauert ein Reiher auf die Fische, die sich beim Durchqueren des Hindernisses übermäßig viel Zeit lassen.

Gelb mischt sich in das herbstliche Blättergewand der Bäume, so wie das Grau in die Haare der herbstlichen Menschen. Meine Füße tragen mich weiter und weiter.

Ich folge weiterhin dem Fluss. Bald sind zwanzig Kilometer geschafft. Die menschlichen Behausungen liegen lange hinter mir. Vereinzelt sehe ich Radsportler. Hinter der B186 geht es für ein kleines Stück in den Wald. Da die Sonne inzwischen kräftig brennt, kommt mir das sehr gelegen. Ich muss zu einer Brücke, welche die Weiße Elster überquert.

Nun sehe ich auch wieder einzelne Häuser, vor allem aber höre ich Lärm. Der ist zunächst durch den Wald gedämpft, doch als ich schließlich die A14 unterquere, ist er kaum auszuhalten. Tonnenschwere LKWs lassen die Autobahnbrücke über mir vibrieren. Dahinter, im Flutgebiet der Elster, wird es noch schlimmer. Das Rauschen ist noch lange zu hören.

Hinter Ermlitz schlägt die App vor, einen Feldweg statt des asphaltierten Elsterradwegs zu nutzen. Also überquere ich eine weitere Brücke. Dort begegnet mir der erste Fußgänger seit mindestens einer Stunde – eine etwa siebzigjährige Frau starrt auf das Flutbett. Ich grüße, und wir kommen ins Gespräch. Ich erwähne den immer noch vernehmbaren Lärm der Autobahn. Sie sagt, sie höre das schon gar nicht mehr. Schlimm sei es nur bei Ostwind – der sei aber zum Glück selten.

Sie wohnt in Halle, ist aber hier aufgewachsen. Sie erzählt ein wenig von ihrer Kindheit. Früher gab es in dieser Gegend viel mehr kleine Gewässer – Mühlgräben, Nebenflüsse und dergleichen. Ihr Onkel hat eine Wiese besessen, vor uns war eine Furt für die Pferde. Als ich sage, dass ich aus Leipzig komme und noch bis nach Halle will, kommt ihr das doch ganz schön verrückt vor. „Sie wollen bis Ammendorf?“, fragt sie – in Ammendorf kann man die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. „Nein, ich will bis zum Hauptbahnhof“, sage ich. Ihre Augen werden größer. Dann wünscht sie mir eine schöne Wanderung und ich ziehe weiter.

Der Teil des Weges bis zum Raßnitzer See ist erstaunlich feucht und schlammig – vielleicht ist die Sorge der Frau um das Austrocknen der Gegend doch noch etwas verfrüht. An einer Brücke grüße ich einen Fahrradfahrer, der sich ein Päuschen gönnt. „Jetzt sehen wir uns ja schon wieder“, sagt er. „Stimmt“, grinse ich. „Wo geht’s denn hin?“. Er antwortet, dass er von Leipzig kommend eine 50-Kilometer-Runde dreht. Er hat sich das Schloss Schkopau angesehen, das sei nicht so toll. „Aber die Fahrt entschädigt, oder?“ Er nickt. Als ich von meinem Vorhaben berichte, reagiert er ähnlich verblüfft wie zuvor die Frau.

Ich passiere die Dörfer Röglitz, Weßmar, Raßnitz, Lochau und Döllnitz. Weinblätter verzaubern die Orte mit ihrem atemberaubenden Farbspiel. Enten und Hühner suchen in den Gärten zur Flussseite nach Futter. Große Tomaten, teilweise noch grün, leuchten in der Herbstsonne.

Nach dreißig Kilometern werden meine Beine schwer. Fracht- und Urlaubsflieger donnern zum Flughafen Schkeuditz. Mich stört der Lärm, aber Menschen, die in der Nähe der Flughäfen München oder Frankfurt leben, würden über diesen Minimalverkehr wohl nur schmunzeln. Ein Adler nutzt die Thermik und umfliegt in weiten Kreisen einen Kirchturm.

Nachdem ich das Auenland verlassen habe, geht es querfeldein unter der ICE-Trasse hindurch zum Osendorfer See. Das gehört schon zu Halle. Und ab jetzt wird es tatsächlich so öde, dass jegliches Vorurteil der Leipziger über die kleinere Stadtschwester bestätigt wird. Weil das Gelände des Kanuclubs abgesperrt ist, muss ich ein Stück Straße und einen schmalen Weg an einem hohen Zaun entlanglaufe.

Weiter geht es auf einem Trampelpfad durch eine Landschaft, die nach rekultiviertem Kohlebergbau aussieht. Um mich herum sind nur Birken und Sträucher – das ist ziemlich eintönig und ein bisschen deprimierend. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur müde? Verblüffenderweise passen meine Füße schon nicht mehr in die Wanderschuhe.

Es wird nicht besser. Ich erreiche ein Areal voller Kleingartenvereine, durch das monoton eine arg zerschlissene Asphaltstraße führt. Ein paar Autos kommen mir entgegen. Die Fahrer sind allesamt Rentner, die offenbar nach dem Mittagsschläfchen in ihren Garten wollen. Links von mir taucht ein kleiner See auf – es ist der einzig erfreuliche Anblick auf diesem Abschnitt.

Und dann wird es noch schlimmer. Die restlichen vier Kilometer zum Bahnhof führen direkt an der stark befahrenen Bundesstraße 6 entlang. Ich wechsle einige Male die Seite, weil die App das so empfiehlt. Da ich darin keinen Sinn erkenne, bleibe ich schließlich links im Schatten. Zumindest so lange, bis ich merke, dass hier ständig Ampeln kommen – drüben dagegen nicht. Also wechsle ich zurück in die Sonne.

Erschöpft wie ich bin, schaue ich auf dem Smartphone bereits nach Zugverbindungen. Die App sagt, in hundert Metern käme der Bahnhof, also buche ich für die nächste erreichbare S-Bahn. Mir verbleiben fünfzehn Minuten. Aber die App hatte offenbar Schluckauf – sprich: den Kontakt zum Satelliten verloren. Plötzlich sind es 700 Meter und nur noch zehn Minuten Zeit bis zur Abfahrt. Ich hole alles raus aus meinen geschwollenen Füßen und müden Kniegelenken und erreiche knapp vor der Abfahrt das Gleis. Da die S-Bahn bereits einfährt, kann ich mir nichts mehr zu trinken aus dem Automaten ziehen.
Wir Leipziger meinen oft spöttisch, das Schönste an Halle sei der Bahnhof, weil von dort die S-Bahn nach Leipzig fährt. Das kann ich so nicht bestätigen. Denn die S-Bahn nach Leipzig ist im Berufsverkehr überhaupt nichts Schönes – ich stecke mit hunderten Menschen in einem überfüllten Waggon. Immerhin finde ich einen Vorsprung, auf dem ich sitzen und meine Beine entlasten kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es eine tolle Wanderung war. Wenn man das Ganze nicht wegen der körperlichen Herausforderung sondern wegen der Umgebung unternehmen will, sollte man vielleicht in Schkeuditz Schluss machen. Eine weitere Erkenntnis für mich: Schuster bleib bei deinen Leisten. Ich hatte, so ganz im Stillen, mit der Teilnahme an einem sogenannten Mammutmarsch, also einer Extremwanderung über einhundert Kilometer in maximal vierundzwanzig Stunden geliebäugelt. Aber mit dieser Kondition, diesen Schuhen und … diesen Füßen … da fahre ich die hundert Kilometer doch lieber mit dem Rad.

