Helko Reschitzki, Moabit

Da ich auf meiner S-Bahn-Alternativstrecke sowieso in dieser Richtung unterwegs bin, fahre ich am Sonntag vom See direkt zum Flohmarkt an der Museumsinsel. Es sind kaum Händler vor Ort. Das liegt einerseits daran, dass die Leute gebrauchte Dinge fast nur noch über das Internet kaufen, und andererseits am Wetterbericht, der Regen angekündigt hat, weshalb viele Kollegen auf den Aufbau ihres Standes verzichtet haben, wie mir einer der beiden Buchdealer erzählt. In meinen Rucksack wandern die Musicalische Compagney und die Capella Cantorum Berlin mit der Ersteinspielung von Johann Crügers „Concert-Chorälen“, das Tagebuch der österreichischen Krankenschwester Nora Kinsky, die im Ersten Weltkrieg Kriegsgefangene in Russland betreute, sowie eine Reclam-Anthologie mit Erzählungen des russischen Symbolismus. „,Wolodja‘, sagte die Mutter beim Morgentee, ,so geht es nicht weiter, mein Kind, du richtest dich ganz zugrunde, wenn du auch bei Nacht nach den Schatten greifst.‘ Der blasse Junge senkte traurig den Kopf.“ (aus Fjodor Sologubs „Schatten“, 1896). Da bin ich doch Zielgruppe.

Im Hausaufgang sprechen mich nacheinander zwei Nachbarinnen auf die Balkonarbeiten an, die um anderthalb Monate verlängert wurden. Ich werde gefragt, ob ich glaube, dass der neue Abschlusstermin gehalten wird, ich sage: „Auf gar keinen Fall!“ Obwohl ich so etwas nicht wissen will, wird mir berichtet, was bei dieser oder jenem bereits schieflief bei der Sanierung. Immerhin klärt sich der Geruch auf, der mich vor ein paar Tagen die Küche nach einem Leck oder verendeten Tieren durchsuchen ließ – das ist die alte Legierung der Brüstung, die abgeschliffen wird.

Nach dem späten Mittagessen putze ich das Bad. Dabei höre ich als perfekte Ergänzung der letzten Pandemia-Podcastfolge bei Infektiopod Dr. Christiane Piepels Bericht über den aktuellen Ebola-Ausbruch in der DR Kongo. Die bremer Infektiologin war bis vor kurzem für Ärzte ohne Grenzen in Mongbwalu im Einsatz, dem Epizentrum in der Provinz Ituri. Bewundernswert sachlich schildert sie die dortige, die Vorstellungskraft schier sprengende Lage. Ihre Gesprächspartner, obgleich selbst vom Fach, sagen oft, was ich beim Hören auch ständig denke: „Krass!“ und „Danke.“ Am Abend erreichen die prognostizierten Schauer Berlin.

Am Montag treffe ich in der Schlachtenseebucht den alten Kunsthändler wieder. Er fragt, ob ich in der vergangenen Woche noch das Denkmal für den durch einen Pferdesturz umgekommenen Polizisten gefunden habe, was ich bejahe. Wir freuen uns gemeinsam darüber, dass dort jemand frische Blümchen hingestellt hat. Dann möchte er meine Einschätzung zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wissen, woraus sich ein gutes Gespräch über die allgemeine Lage im Lande entwickelt. Er als fünfundachtzigjähriger Westberliner hat einen aus eigenem Erleben geschulten Jahrhundertblick, und ich kann meine DDR-Erfahrung einbringen. Wen wir am kommenden Sonntag ankreuzen werden, wissen wir aber beide noch nicht. Ich sage, dass es zumindest in meiner Bezirksverordnetenversammlung in Mitte nur besser werden kann – der letzte gewählte Bürgermeister (von den Grünen) wurde dabei erwischt, wie er per SMS (!) jemanden bestechen wollte, woraufhin sich dieser an die Presse wandte. Ein AfD-Abgeordneter musste zurücktreten, weil er eine dunkelhäutige Frau biss. Auch der bundesweit bekanntgewordene Skandal um die Belästigungs-Intrige einiger grüner Parteikolleginnen gegen Stefan Gelbhaar nahm hier seinen schmierigen Lauf. Der von mir am Samstag aus dem Wasser gefischte Kescher hängt noch am Zaun.

Später telefoniere ich mit meinem Bruder, der am Vorabend bei der Kommunalwahl in Niedersachsen in Lüneburg Stimmen auszählte. Er berichtet von einer unfassbar schlechten Organisation, die das Einhalten jeglicher Zeitvorgaben unmöglich machte, sodass in manchen Lokalen bis zur Feststellung des Ergebnisses die halbe Nacht verging; auch er hatte wenig Schlaf, bevor er wieder zur Arbeit musste. Interessant ist, dass dort immer mehr Wählergemeinschaften und parteilose Kandidaten antraten – was wir beide sehr begrüßen. Wenn man genau hinschaut, haben wir hierzulande ja eine Parteien- und keine Demokratiekrise. Bei der Oberbürgermeisterwahl in der Hansestadt gibt es eine Stichwahl zwischen einem parteilosen Unternehmer, der für das Bündnis Die Unabhängigen antrat, und der grünen Amtsinhaberin, die nicht als Kandidatin ihrer Partei, sondern als Einzelbewerberin ins Rennen ging – eine Taktik, die bislang aufging, aber eben auch viel über besagte Krise aussagt. Ich danke meinem Bruder für seinen Dienst an der Demokratie.

Der orangene Sonnenaufgang kündigt einen klebrig-schwülen Dienstag an. Nebel weht über die Rehwiese in Nikolassee. Die um die alte Eiche kreisenden Krähen ziehen mich in eine krabatsche Scherenschnittwelt.

Ich schicke einer Freundin, die mich vor einem Monat nach über dreißig Jahren im Internet aufstöberte, einen Fotogruß vom Schlachtensee. Anfang der Neunziger zogen wir um die besetzten Häuser der Rostocker Südstadt und sahen im alten Mau Element of Crime. Die begannen gerade vorsichtig auf Deutsch zu singen, wir übten das Fliegen in der Freiheit. Sie arbeitet jetzt in einem Ministerium, war letzte Woche auf dem Balkan, ist nun auf dem Weg ins Baltikum. Die Welten wurden weit.

In der Bucht sind wieder die vier Stockenten, die fünfte, einzelne, fehlt. Die Vögel geben lange kein Geräusch von sich, werden dann aber von einer Sekunde zur anderen sehr laut. Dabei drehen sie sich so um, dass sie alle in eine Richtung schauen. Ich deute das so, dass von dort etwas im Anflug ist, und zücke das Smartphone. Tatsächlich fliegt ein paar Sekunden später ein Graureiher direkt über die Gruppe – wenn auch aus der entgegengesetzten Richtung kommend, sodass sie ihm wie eine Abschiedsdelegation hinterherschauen. Als er weg ist, verstummen sie.

Am Mittwochmorgen zieht von Westen eine horizontweite Regenfront auf die Stadt zu, während von Osten das erste Sonnenlicht die Gebäude auf dem Westhafengelände in ein ganz weiches Van-Gogh-Gelb taucht.

Kurz nachdem ich aus dem Wasser komme, ist es, als ob jemand gleichmäßig ein schwarzes Tülltuch über den Schlachtensee zieht. Dann beginnt es so heftig zu regnen, dass die Jogger unter Baumkronen flüchten. Ich ziehe meine Regenjacke an und spanne den Schirm auf.

Am Donnerstag treffe ich am See auf die nette Frankfurterin. Sie sagt, dass sie ans andere Ufer schwimmen wird, da man ja nicht weiß, wie lange die Wassertemperatur so etwas noch zulässt. Ich erzähle ihr, dass ich bei einstelligen Graden für jedes Lebensjahr einen Schwimmzug mache. Sie erwidert, dass sie es genauso handhabt. Der See funkelt.

Am Freitag schwimme ich erstmalig am südlichen Ufer im Regen – eine neue Perspektive. Nachmittags hole ich in Lichterfelde einen Freund ab, der mich zum Fliegeberg begleitet, den Otto Lilienthal 1894 aufschütten ließ, um von hier aus mit dem von ihm erfundenen Normalsegelapparat Flugexperimente durchzuführen. Ihm zu Ehren wurde der Hügel 1932, sechsunddreißig Jahre nach seinem Tod, zur Gedenkstätte umgestaltet, in deren Zentrum eine bronzene Weltkugel stand. Diese wurde während des Weltkriegs eingeschmolzen und 1955 durch eine aus Stein ersetzt. Im Zuge einer Sanierung kam 1990 wieder eine Bronzekugel dorthin. Bei unserem langen Hin- und Rückweg wird mir noch einmal bewusst, dass unsere Stadt eine Ansammlung von Dörfern ist. Berlin gibt es gar nicht.

Als ich wieder in meinem Dörp auf der Insel Moabit ankomme, sehe ich, dass jemand zwischen zwei der Westhafenspeicher ein Seil gespannt hat und auf diesem balanciert. Hier geht es jetzt ums Nicht-Fliegen.

Die Infektopod-Folge mit dem DR-Kongo-Bericht von Dr. Christiane Piepel: https://infektiopod.de/infektiopod-110-ebola-update-aus-drc/
