Christoph Sanders, Thalheim

Der Montag schwül und grau; in der Nacht zog Regen durch. Die Diskussion um die Kontrolle von Künstlicher Intelligenz nimmt Fahrt auf. Kommt mir irgendwie vor, als wolle man das Rad nach seiner Erfindung am Rollen hindern. (Vielleicht sind es aber auch ganz andere Motive?) In der Buchhandlung entdecke ich das angesagte Covermotiv der Herbstsaison: Frauen mittleren Alters tragen lange Kleider aus der Zeit um 1900 und blicken in die Ferne, manchmal an der Seite eines Mannes im Anzug. Der Inhalt dreht sich meist um die Vorkriegszeit. Die Händlerin, bei der ich nur Tee kaufe, lacht mit mir.

Der Dienstag tropisch-schwül mit gutem Radtraining. Beim Trödler eine Waschmaschine gekauft – Bestzustand, 1-A-Provenienz, Lieferung inklusive. Das Gerät meiner Eltern wird nun nach dreißig Jahren und zehntausenden Betriebsstunden auf kleinanzeigen.de gehievt. Wir nutzen beim Anpreisen KI-generierte Formulierungen wie „die Gebrauchsspuren erhöhen den Charme des Modells“.

Am Mittwoch entlädt sich gegen fünf mit großem Rauschen der Himmel. Leiser Beginn, dann schwillt das Geräusch an und hält circa zehn Minuten seinen Pegel. Weitere Fotosortierungen – die letzten Kartons mit „Autobahn 1996“ beschriftet. Einen Schwarz-Weiß-Film entwickelt – meine geliebte Minox 35 liefert die perfekte Belichtung. Der gleiche Kameratyp wie in meiner Dresden-Zeit. Dort gab es am Altmarkt ein riesiges Fotogeschäft, in dem ich für eine Mark das Stück ORWO-Kleinbildfilme kaufte (den NP 15 und NP 20, orange und grün, also alte Agfa-Isopan- und Isopan-FF-Emulsionen). Am Weißen Hirsch besorgte ich mir einen Weimar-Belichtungsmesser – die Eierschecke in der Bäckerei nebenan war sensationell und der Mohnkuchen eine Entdeckung. Wir könnten uns endlos in einer Epoche fixieren oder diese als Doppelbild im Hintergrund laufen lassen … Die neuerlichen politischen Sprachverrenkungen wegen der Spritpreise sind putzig. Seit Monaten „prüft“ das Kartellamt. Tja.

Der Donnerstag mit einem klassischen Herbstmorgen – es ist kühl, neblig, zwei Dohlen sitzen auf dem Kirchenkreuz (sie kennen also Jahreszeit und Stunde). Gegen 9:30 Uhr Durchbruch der Sonne. Kurze Ausfahrt zum Hermes-Shop – ich habe nach Wochen eine kleine Kamera aus meiner Sammlung verkauft. Sie funktioniert tadellos und kostet den aktuellen Gegenwert dreier Filme. Im Radio das Übliche zu AfD-Dämmerung und Spritpreis – Benzin ist das neue Brot, da versteht der Plebs keinen Spaß. Im Deutschlandfunk der erfrischende Harald Schmidt! Am lustigsten ist sein Schnellkurs „Demokratie im Theaterbetrieb“ – die Interviewer sollten wirklich aufhören, den Mann auf irgendwelche vorgefertigten Statements festzunageln. Schmidt ist immerhin so höflich, nicht mit der Keule einer Redaktionssitzung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der DLF-Programmdirektion zu kommen oder darüber zu sprechen, wie frei der „freie Journalismus“ in Deutschland denn nun wirklich ist. Verbringen weiterer Pakete. In den Discountern werden die Sonderangebotsregale schon nicht mehr richtig befüllt – man weiß genau, ab wann der Umsatz sinkt. Beim Sortieren finde ich in einem DM-Magazin von 1965 Artikel zur Benzinpreisdiskussion: „Das Bundeskartellamt ermittelt gerade gegen eine Mineralölgesellschaft wegen unzulässiger Druckausübung auf Tankstelleninhaber.“ Die Politshows wiederholen sich. Berlin West wurde vom russischen Sprit alimentiert und machte mit Axel Springer Frontstadt-Stimmung.

Auch am Freitag durch die Kartonlandschaft – die Stapel wachsen. Drei (oder waren es vier?) Diaprojektoren – das ist natürlich einer zuviel. (Wir brauchen Influencer, die einen kuschligen Diaabend im Winter hochjubeln!) Auf dem Dachboden finde ich eine Kiste voller Fotogeräte, deren Existenz ich größenteils vergessen hatte. Ich portraitiere eine meiner Töchter mit der Pentacon-Six – es sind nach wie vor im Jahre 1983 abgelaufene Orwo-Filme da … das taugt noch! Mal sehen, was ich dem Trödler schenke, und ob er es überhaupt haben möchte. Endzeit eines Überflusses. Eines ist sicher: wer in Diez an der Lahn Klassik-LPs mag, hat einen guten Monat gehabt. Nachts kam ein Schauer durch; der übliche Musikunterrichtstag wolkig und mild. Der Ofen brennt dennoch. Die Kakaopreise steigen.

Am Samstag Aufbruch zu einer Spessart-Tour mit älteren Herren. Für mich eine willkommene Ablenkung von der ständigen Sortiererei und den Umzugskartons. Drei Plattfüße und ein Sturzopfer in Gruppe. Der Kamerad ist in einer Kurve mit dem Pedal auf die Straße gekommen und dann aufgeschlagen. Die Verletzungen scheinen nicht so schwer zu sein, wie wir befürchteten. Ich selbst blieb ohne Panne und habe meine Schnupfenreste ausgehustet. Am Abend im DLF Samuel Becketts sehr, sehr gute „German Diaries“ aus dem Jahr 1937 als erträgliches Hörspiel. Kurz vor Mitternacht eines der Kinder mit dem Auto von einer Party abgeholt – einmal Vater immer Vater.

