Helko Reschitzki, Moabit

Wie jeden Morgen schlurfe ich auch am Dienstag über die Putlitzbrücke zum Westhafen. Ich bin ausgeruht, aber nicht hellwach – im Prinzip mein Lieblingszustand. Links und rechts neben den Geländern sind dicke Wolken zu sehen – wie die Tage zuvor gehe ich durch unzählige Grauschattierungen. An meinem Umsteigebahnhof Westkreuz entdecke ich am Bahnsteig gegenüber ein riesiges Plakat und bin schlagartig elektrisiert: Auf gelbem Hintergrund steht dort „Kraftwerk im Bauhaus Dessau“, dazu pixelartig stilisiert die berühmten Bandrobotermenschen. Es handelt sich um die Ankündigung zweier Konzerte, die Ende letzter Woche stattfanden. Kraftwerk im Bauhaus – viel besser lässt sich das, was im letzten Jahrhundert kulturell von Deutschland aus über den Globus strahlte und bis in die heutige Zeit unser Wohnen und die Popmusik prägt, nicht zusammenfassen. Einerseits Kraftwerk – junge westdeutsche Musiker, die als Kinder der Nazigeneration keine eigene, unbelastete Identität hatten. Die nicht den Rock und Pop der Briten und Amis kopieren, sondern etwas Neues erschaffen wollten. Die sich drei Alben lang langsam an die LP „Autobahn“ herantasten, deren langer, deutsch gesungener Titelsong bis heute ein Monolith ist. Die in ihrem Kling-Klang-Studio in Düsseldorf Sounds fanden, ohne die es keinen Hip-Hop, kein Techno, keine elektronische Tanzmusik und keinen modernen Pop gäbe. Die von Afrika Bambaataa, New Order, Depeche Mode, Coldplay, Dr. Dre, Jay-Z, Timbaland, The Prodigy, Underworld, Scooter, Missy Elliott oder Miley Cyrus gesampelt, von OMD, David Byrne, Simple Minds, Rammstein und U2 gecovert wurden. Die David Bowie, Brian Eno, Iggy Pop und Laibach explizit beeinflussten (Mute veröffentlichte 1994 eine Compilation, auf der slowenische Bands Kraftwerk feiern). In den Favelas tanzt man bis heute auf die Rhythmen von „Boing Boom Tschak“, aus denen der Funk Carioca entstand. Die Mitglieder von Kraftwerk sind die einzigen deutschen Musiker, die in die
Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurden. Und dann das Bauhaus, das in den zwanziger Jahren das Wohnen neu erfand – klare Räume voller Licht und Luft; Architektur und Möbel auf ihre reine, nützliche Struktur reduziert. Form folgt Funktion. Und dabei die radikale Demokratisierung des Alltags im Sinn hatte – gutes, durchdachtes Design sollte kein Luxus mehr sein, sondern bezahlbarer Standard für die Allgemeinheit. Ein soziales Versprechen – mit Küchen, in denen alles in Griffweite war, und mit Einbaumöbeln, die den Raum maximal ausnutzten. Zuerst umgesetzt im kommunalen Wohnungsbau der Arbeitersiedlungen, später in jedem IKEA-Katalog zu finden. Das Bauhaus gehört neben BMW, VW, Mercedes, Aspirin, Nivea, Adidas und Kraftwerk zu den großen Exporten „Made in Germany“ – ganz gleich, ob aktuell irgendwelche Kulturkämpfer ausgerechnet in dieser Architektur- und Alltagsdesignikone einen „Irrweg der Moderne“ sehen wollen. Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so sehr über ein Plakat gefreut habe.

„Neonlicht, schimmerndes Neonlicht …“ Meinen Lieblingssong der Düsseldorfer vor mich hinsummend, geht es weiter zum Schlachtensee. Während ich mich abtrockne, kommen zwei ältere Damen in die Bucht. Die eine streift Schuhe und Strümpfe ab, watet im Flachen und befindet, dass es zu kalt zum Baden sei. Darauf ich: „Das legt sich, wenn man erstmal schwimmt.“ Nun die andere: „Wir gehen immer nur dann rein, wenn es über 20 Grad sind.“ Ich: „Das sind garantiert noch 20 Grad.“ Die Frau im Wasser: „Niemals.“ Icke: „Ich hab ein Thermometer mit. Wenn Sie möchten, schmeiß ich das rein.“ Sie möchten, ich schmeiße. Wir schauen nach – 21 Grad. Woraufhin sie mir ein kandiertes Stückchen Ingwer schenken, sich hurtig ausziehen und in den See hineinschreiten.

Am Mittwoch hören zwei junge Arbeiter beim Pflasterverlegen vor der Polizeiwache in der Alemannenstraße (Direktion 4 – Abschnitt 43) per Boombox einen Raptrack, der mit „Das ist für dich, Deutschland“ beginnt. Ein Stück die Straße hoch hat DJ Universum, der den gesamten Tanzflur im Blick hat, das Motiv der ersten Kraftwerk-LP aufgestellt.

Ein paar Kilometer weiter endlich wieder Wasservögel in der Bucht! Eine mir unbekannte Frau und ich rätseln, ob die drei jungen Mandarinenten artrein oder Stockentenhybriden sind. Ihr Mann gesellt sich dazu. Beide stammen aus Sachsen und sind Rentner. Er erst seit ein paar Wochen, hat Jahre über das normale Eintrittsalter hinaus gearbeitet. Das sieht man ihm nicht an, er ist gut durchtrainiert. Ich frage nach. – „Das kommt vom Kampfsport und vom Job.“ Er ist für die Telekom auf Masten geklettert und dabei im Lande rumgekommen. Kennt das Hinterland, die deindustrialisierten Gegenden im Osten, wo der Wind über verfallene Fabrikgelände pfeift und keiner mehr lebt außer ein paar Alten. Er nimmt seit Langem den wachsenden Frust wahr, die zunehmende Entfremdung der Bürger von der Politik, die Schere zwischen Land und Großstadt.

Der Bitterfelder, der gerade seine Schwimmrunde beendet, hört uns und kommt neugierig herüber, weil er den Dialekt des Mannes nicht genau einordnen kann. Kurzer Herkunftsabgleich. Zwei Sachsen, ein Anhaltiner und ein Mecklenburger reden über Politik, nehmen dieselben Dinge wahr, die Veränderung, die gerade stattfindet und die man noch gar nicht so richtig benennen kann. Verabschiedung der beiden Rentner, die gerade auf Berlinbesuch sind, herumreisend ihren Ruhestand genießen. Der Bitterfelder erzählt, dass er auf meinen Tipp hin die ihm bislang unbekannte Pannach-&-Kunert-LP „Sånger Mot Rädslan“ im Internet gefunden und sich diese angehört hat – sie hat ihm sehr gefallen, klar.

Da ich hinterm Schilf in ihrem toten Winkel stehe, trifft am Donnerstag ein junges Stockentenweibchen beim Buchtanflug fast meinen Kopf. Sie bekommt gerade noch so die Kurve – da haben wir beide Glück gehabt. Als ich nach dem Baden auf der Bank meinen Tee trinke, kommt sie herangeschwommen und nimmt mit mir immer wieder Blickkontakt auf – Enten können sich Gesichter einprägen. Auf dem Rückweg sehe ich einen Kormoran, der sein Gefieder trocknet – die silbrig glänzenden Wellen geben dem Anblick die Anmutung eines VHS-Experimentalfilms. Nach dem Tischtennis ein langes Gespräch mit der Moldawierin über Krankheit, Tod und den besten Zeitpunkt, um Beziehungen zu beenden; als unser österreichischer Mitspieler hinzukommt, reden wir über pro- und präbiotische Ernährung und die Abschaffung des Kapitalismus.

Am Freitag treffe ich das alte, lichterfelder Umweltschützerpaar in der Bucht – beide fragen sofort, ob ich auf meinem Hinweg auch die Schwanenfamilie gesehen hätte, was ich bejahe. Unsere starke Vermutung in der letzten Woche, dass von den fünf Jungen eines nicht überlebt hat, wurde nun bestätigt – oder wie es Friedrich (wir sind seit dem Morgen per Du), der technisch denkende, lang schon pensionierte Elektroingenieur ausdrückt: „Ein Verlust von zwanzig Prozent.“ Wir reden noch ein wenig über Kunst, dann müssen sie los, da sie mit einer Freundin die Paul-Signac-Ausstellung im Barberini anschauen wollen. Am Nachmittag gerate ich in einen sturmgepeitschten Starkregen, habe es aber zum Glück nicht weit zum Schultheißcenter, wo ich mir bei Woolworth einen Kochtopf und bei dm Putz- und Lebensmittel kaufe.

Der heftige Regen hat von den Eiszeithängen eine Menge Muttererde in den Schlachtensee gespült, wodurch man am Samstag ganz deutlich die Spuren sieht, welche die von den Mitschwimmern und mir noch nicht identifizierten Wassertiere seit einiger Zeit auf dem Grund hinterlassen.

Ein düsterer Morgen voller Wolken, Wind und somit Wellen. Es sind die üblichen Mitschwimmer da und jene, die nur am Wochenende kommen. Der Bitterfelder und seine Frau berichten, dass sie, nachdem ich ihnen ein wenig von meinen dortigen Besuchen erzählt hatte, am Nachmittag zuvor in das Russische Haus in der Friedrichstraße wollten – dieses aber geschlossen war. Am Dienstag hatte der deutsche Bundesinnenminister zusammen mit unserem Außenminister das bevorstehende Aus für das ehemalige UdSSR-Kulturinstitut bekannt gegeben und die Kündigung des Vertrages angekündigt. Die dahinterstehende Begründung, dass die Einrichtung eine Geheimdienstzentrale des Kreml sein soll, passt perfekt zur Gesamtgeschichte des Vorfalls auf dem Hub Halle-Leipzig, wo vor einem Monat ein Busfahrer eine mit Sprengstoff bestückte Drohne über dem Rollfeld entdeckt, per Fußtritt zu Boden befördert und so die Explosion einer ukrainischen Antonow, die regelmäßig Rüstungsgüter ins heimatliche Kriegsgebiet bringt, verhindert haben soll. Minister Dobrindt bedauerte, dass er Beweise schuldig bleiben muss, da Russland es einem „zwar sehr, sehr leicht mache, einen Verdacht zu haben“, aber auch „sehr, sehr schwer, den Beweis zu führen“, weshalb die offizielle Tatzuordnung auf einer vertraulichen Gesamtschau polizeilicher Ermittlungen und nachrichtendienstlicher Daten beruhe, deren Offenlegung die Quellensicherheit gefährden würde. Nicht einer, mit dem ich dieser Tage zufällig sprach, glaubt davon auch nur ein Fünkchen, nicht einmal die treuesten der treuen Tagesschau-Zuschauer.

Nachdem wir uns vierzehn Tage nicht über den Weg gelaufen waren, treffe ich auf den ehemaligen Fahrzeugingenieur. Wir quasseln uns fest, reden anderthalb Stunden. Wie ich auch hat er vor ein paar Jahren seine Ernährung umgestellt und ist seitdem viel fitter (und hat nebenher als vorher stark Übergewichtiger 25 Kilogramm abgenommen). Er trinkt wie ich keinen Alkohol mehr, worüber der Körper selbst bei vorher kleinen Mengen dankbar ist. Wir tauschen uns über die Geschmacksexplosion aus, die man erlebt, wenn man gesünder isst und alles intensiver schmeckt, obwohl man viel geringere Gewürzmengen benötigt; und darüber, was man lernt, wenn man sich ganz neu mit dem Kochen beschäftigt; und dass man seltsamerweise kaum noch das Bedürfnis hat, Brot und Fleisch zu essen. Wir sind begeistert über das wachsende Angebot an Bio-Lebensmitteln, die viel preiswerter sind als früher und nun auch in der Provinz zu bekommen sind. Justament als ich ihm von der Ente erzähle, die am Donnerstag mit mir Kontakt aufgenommen hatte, kommt diese in die Bucht geschwommen und steuert geradewegs auf mich zu, wobei sie etliche Mitschwimmer passiert. Der Ingenieur ist fasziniert – wie wenig man doch über die Tiere um einen herum weiß …

Auf dem Weg zur S-Bahn gerate ich wieder in einen heftigen Schauer. Ich habe einen Schirm dabei, der sich diesmal auch nicht umstülpt oder wegzufliegen droht wie am Vortag. Festzuhalten ist noch, wie früh es nun dunkel wird. Und wenn die Nacht anbricht, ist diese Stadt aus Licht.

Kraftwerk bei „Na Sowas!“ (ZDF, 29.03. 1982): www.youtube.com/watch?v=84YCcDY4coU&list=RD84YCcDY4coU&start_radio=1
Kraftwerk „Autobahn“: https://www.youtube.com/watch?v=x-G28iyPtz0&list=RDx-G28iyPtz0&start_radio=1
„Krautrock – The Rebirth of Germany“ (BBC-Four-Dokumentarfilm): https://www.youtube.com/watch?v=QP5dOKTB3ng
Kraftwerk in der Hall of fame: https://rockhall25.wpenginepowered.com/wp-content/uploads/2025/10/Kraftwerk_26746_RNRHF_2021_Highres-11.pdf

U2 covern Kraftwerks „Neon Lights“: https://www.youtube.com/watch?v=pFtXIGBjUyM
David Byrne und das Balanaescu Quartet covern „The Model“: https://youtube.com/watch?v=g4Y5BSVOJPs&list=RDg4Y5BSVOJPs&start_radio=1
„Trans Slovenia Express“: https://www.youtube.com/watch?v=3c6nRc6P6X8&list=RD3c6nRc6P6X8&start_radio=1

„100 Jahre Bauhaus – Der Code“ (Teil 1 der Deutsche-Welle-Dokumentation): https://www.youtube.com/watch?v=IJq_EHy9WTc

