Christoph Sanders, Thalheim

Der Mittwoch grau, mild, luftig. Im Keller einen Gelbe-Tonne-Sack gefüllt. Ansonsten gilt es, den eigenen Abfall zu minimieren – man kann Autos inzwischen fünfzig Jahre fahren, Fahrräder vermutlich hundert; meine Räder sind bald dreißig alt, es gibt nur wenige Verschleißteile. Gestern besorgte ich mir vom Trödler zwei hervorragend gefertigte Chrom-Vanadium-Stahl-Maulschlüssel aus den 1970ern, ganz im Geiste Walker Evans‘ und dessen Fotoserie „Beauties of the common tool“. Aus dem Ladenradio verkündete jemand 0,3 % Wirtschaftswachstum als strahlende Zukunft, da lachte der Händler laut auf, zeigte mir einen Hundert-Euro-Schein von 2002 und sagte, dass inzwischen immer mehr seiner Kunden damit zahlen würden: „Weißt Du, was das ist? Das sind die Notgroschen unter der Matratze. Den Leuten geht es gerade ans Eingemachte.“ Ich werde diesem wertvollen Wirtschaftsindikator die Treue halten, wo sonst könnte ich sinnvolles Recycling betreiben und gleichzeitig unsere Welt von unten sehen. Am Nachmittag Befüllen der grauen Tonne und endlich was für den eigenen Blog fertigbekommen.

Der Donnerstag warm und behaglich. Radpause. Zum Mittag gibt es Bio-Rumpsteak mit hessischen Strauchbohnen – meine Kinder grunzen vor Genuss. Weiterarbeit an meinem großen Albenprojekt, heute geht es ans Kapitel „Telefonzellen“ – als Ergänzung zu meinen Fotos habe ich die Gegenseiten mit zeitgenössischen Werbetelefonierern aus dem FAZ-Magazin garniert; Anfang der Neunziger waren ISDN und Fax das heiße Ding. Wie viel von den drei Kartons voller FAZ-Magazine im Hause verbleibt, mag meine Frau entscheiden; sie fand neulich, dass die Artikel so gut seien, dass man sich damit die Rentenzeit vertreiben könne.

Bei schwülem, gewittrigem Wetter mit dem Auto in die Nachbarstadt. Auf dem Rückweg eine Nachbarin von der Bushaltestelle mitgenommen. Sie arbeitet im Gewerbegebiet in der Nudelfabrik, 5:30 Uhr beginnt die Schicht. Für Ostern und Weihnachten werden besondere Nudelformen hergestellt, sie beliefern unter anderem Norma und Netto. Sie und ihre Familie stammen aus Sri Lanka und haben sich bei uns an der Ecke ein sanierungsbedürftiges Haus gekauft. Ihre beiden Töchter sind mittlerweile ausgezogen; diejenige, die an einen Landsmann verheiratet wurde, hat Sorgen, da er verschwunden ist. Wir unterhalten uns über die Früchte am Wegesrand: „Je früher man die Pflaumen erwischt, desto weniger Maden sind drin!“ In den Nachrichten die Meldung über eine massive Sicherheitslücke bei der Telekom, Vodafone und O2-Telefónica. Schon beim bloßen Anklingeln werden unverschlüsselt die individuellen Gerätekennungen übermittelt, was insbesondere für Geheimdienste interessant ist, die darüber Spionagesoftware aufspielen und Bewegungsprofile erstellen können. Mein Sohn fragte, ob das auch für Prepaid gelte – man solle sich da keine Hoffnung machen, fürchte ich. Wäre ich Hacker, würden mich eher Banking-Apps interessieren.

In der Nacht auf Freitag plötzlich aufkommender Wind – die Südseite des angekündigten Gewitters, die uns aber nur leichten Regen bei tropischer Luft bringt. Die Brombeersaison ist nun endgültig vorüber – letzte Sommertage; die Witterungskatastrophen haben sich gen Nepal verzogen. Man taumelt weiter. Krise an der Ausmistungsfront: Die Obi-Kartons lassen sich nicht ordentlich stapeln und sacken unter Belastung in sich zusammen – schnell zu Aldi! Schlangen vor den Pfandautomaten – noch ist das frische Monatsgeld nicht da, noch kleben auf der teuren Milch die „minus 30 %“-Aufkleber. Ich habe Glück und erwische einen Zehner-Schock Kartons, von denen sich je vier stapeln lassen, ohne zusammenzusinken. Auf dem Weg zum Musikunterricht gleich mal eine Kiste wertvolles Kulturgut zur Bücherverschenktelefonzelle gebracht.

Die Nacht ist durch die schwere Verdauung einer Pizza Quattro Formaggi erheblich beeinträchtigt – dabei komme ich mit Käse eigentlich prima klar; wahrscheinlich waren es der Teig und die Beimischungen – gute Pizza ist selten. Beim Essen habe ich noch mal besser verstanden, was Menschen so am Abend machen: Zufuhr von Zucker, Alkohol und Nikotin. Diejenigen, die sich zum Abschluss ein fettes Kuchenstück gönnen, müssen irgendwann sehr body-positive werden. Aber wenn sich einige nur so belohnt fühlen, dann sollen sie …

Strahlender, frischer Samstagmorgen. Auf zur Koblenz-Sayntal-Runde, die dank der vielen 20 bis 30 Kilometer langen Flachstücke meine Vorbereitung auf das Zeitfahren Hamburg–Berlin im Oktober ist.

Um zehn ohne weitere Magenprobleme aufs Rad. Knapp 150 Kilometer via Koblenz durch die Täler von Lahn und Sayn. Mittelwarm, windig, sonnig und immer hart am Schauer vorbei. Nette Visite bei meinweiß in Bad Ems, wo mir das Ehepaar Jacobi von der Aufbereitung eines Yohji-Yamamoto-Mantels berichtet, wobei Kunde aber nicht verstehen kann, weshalb ein Schneidermeister die Arbeitsstunde mit 75 Euro ansetzt.

Danach schaffe ich es noch rechtzeitig nach Koblenz, um in der dortigen Musikalienhandlung nach einer weiteren Schulterstütze für die Violine zu schauen – ich wähle auf Verdacht ein schwedisches Modell. Das alte Ehepaar, das den Laden führt, ist das letzte seiner Art – von den verbliebenen elf Facheinzelhändlern in ganz Deutschland haben im vergangenen Jahr drei weitere geschlossen. Anschließend geht’s zum nächsten Freakshop. Ein Althippie bietet dort edle Plattenspieler und Lautsprecher an. Ich kann widerstehen, mir einen Tonabnehmer mit Micro-Schliffnadel zu Ohren führen zu lassen – ich habe doch alles, was ich brauche! Vor dem Laden verramscht er Schallplatten – der Erlös kommt Koblenzer Clubs zugute. Innen befindet sich ein Regal mit Modellbauflugzeugen – das größte ist eine Super Constellation aus Leichtpappe. (Erstaunlich!) Wir fachsimpeln über die Typen; ich erzähle Geschichten aus meiner Kindheit in der Nähe einer britischen Airbase. Es ist seine persönliche Sammlung, sie steht für 600 Euro zum Verkauf. Am 31. Dezember macht er den Laden dicht – diese Lifestyle-Hobbys scheinen wohl allgemein nicht mehr zu laufen. Er wird weiterhin Flieger basteln – wie ich liebt er es, aus einem Chaos von Einzelteilen etwas Ganzes zu formen. (An einer der Wände hängen auch drei Rennräder.)

Beim Sport-Discounter Decathlon kaufe ich ein paar Verschleißteile sowie eine Schachtel mit fünf Mandelnougatriegeln, die mir auf den nächsten 80 Kilometern sehr helfen. (Bei Aral hieß es nur: „Das Vollkornbaguette mit Chicken Teriyaki und marinierter Paprika-Aubergine haben wir schon lange nicht mehr …“) Später aus dem REWE in Selters im südlichen Westerwald ein Caesar Salad mit Bulgur, Roter Bete, Rucola, Frischkäse, gekrönt von einem Bio-Ayran – wahnsinnig erfrischend! Mit dem windigen Spätsommer sind die Motorräder deutlich seltener geworden. Das Sayntal ist sattgrün wie immer. Keine Magenprobleme und kein Hungerast – eine vollauf gelungene Runde.

Walker Evans „Beauties of the common tool“: https://fortune.com/article/beauties-of-the-common-tool-walker-evans/
