Frank Schott, Leipzig
Ich verspüre wieder das Grau, bin getrieben, rastlos. Muss mich bewegen. Rennen. Radfahren. Meinen Körper vorwärts treiben. Ich dusche, esse etwas, gehe drei, vier, fünf Kilometer und beginne von vorn. Weitere 45 Minuten auf hoher Stufe den Hometrainer knechten.
Ohne Aufgabe, ohne Job zu sein, macht etwas mit mir. Und wenn alle sagen, das sei in Ordnung, ich solle mir Zeit lassen und die Unbeschwertheit genießen, fühle ich mich umso unnützer. Nicht ständig, nicht jeden Tag. Aber wenn das Grau kommt. So wie heute.

Tropfen perlen von den Blüten und Blättern. Es hat geregnet. Wie auch am Samstag, als ich, sobald es aufgehört hatte, durch den feuchten Wald joggte, Pfützen umkreiste oder darüber hinwegsprang, wenn es keinen Weg gab. Und schlammbespritzt zurückkehrte – mit braun-grauen Zeichnungen auf den Beinen, die wie eine abstrakte Tätowierung aussahen.

Eines meiner Kinder hat sich am Dienstag ein farbenfrohes Tattoo stechen lassen. Sieben Stunden lang; Kosten zwischen 600 und 700 Euro. Das Geld – ein kleines Erbe, Gespartes, von den Eltern angelegt – rinnt ihm durch die Finger. Ich mache mir Sorgen um das Kind. Aber vielleicht macht es alles richtig? Was ist schon Geld, wenn man etwas Bleibendes schaffen kann, eine Erinnerung? Was weiß der alte Mann denn schon vom Leben? Kann nicht einmal bedenkenlos eine Auszeit genießen und sorgt sich, weil sein Kind Freude hat?

Keine Freude hingegen bei unseren Katern. Stattdessen skeptische Blicke, kurze Ausflüge, viel Schlaf. Hundewetter ist eben nichts für Katzen. Am Vortag, es regnete nicht, große Erregung. Peitschende Schwänze, gespitzte Ohren, warnendes Mauzen. Ein Igel treibt sich in unserem kleinen Garten hinter dem Haus herum, sucht einen Weg zwischen den Zäunen und Hecken, ahnt nichts von der lauernden Gefahr. Aber unsere Bewacherkatzen haben sich in ihrer Aufregung verraten, dürfen nicht hinaus, solange der Igel unterwegs ist. Irgendwann lässt ihr Interesse nach und sie kuscheln sich in ihre Lieblingsecken. Als wir sie später wieder ins Freie lassen, ist der Igel verschwunden und vergessen.

Am Mittwoch höre ich beim Gang durch die Stadt einen alten Handwerker fluchen, der gerade ein in Renovierung befindliches Haus betritt: „Lehrlinge. Mit zwei e. Leerlinge. Zu nichts nütze.“ Das haben Handwerker und Meister sicher seit Äonen über den Nachwuchs gesagt
Zu nichts nütze. Damit bin ich wieder bei mir. Ich denke, ich werde nach dem Duschen einen weiteren ausgedehnten Spaziergang machen. Und dann vielleicht noch einmal auf den Hometrainer steigen. Und so lange treten, bis der Kopf absolut frei ist.

