Helko Reschitzki, Moabit

Der Montag beginnt frisch mit um die 13 Grad Lufttemperatur. Der Gang in den Schlachtensee ist mit etwas Überwindung verbunden. Da das Wasser ungefähr 10 Grad wärmer ist als die Luft, ist das Schwimmen dann aber angenehm. Ich genieße den leichten Wellengang und die Gesichtsschwappungen. Als ich nach dem Abtrocknen und Anziehen meinen Tee trinke, setzt sich der fünfundachtzigjährige Kunsthändler zu mir auf die Bank. Wie ich konstatiert auch er den Herbstanfang. Er berichtet, dass er letzte Woche „nach ewigen Zeiten“ mal wieder aus seinem beschaulichen zehlendorfer Kiez herausgekommen ist – und dann ausgerechnet auf dem touristenbelatschten Kudamm zu tun hatte. Er beschreibt mir seine Irritation über die dortigen Menschenmassen und all die Trashläden, die die gehobenen, inhabergeführten Geschäfte verdrängt haben, die aggressiven Reklamen und die allgemeine Hektik.
Die Anweisungen des Parkscheinautomaten verwirrten ihn ebenso wie die bauchfreie Mädchenkleidung; am meisten verwunderten ihn aber die seltsamen Verrenkungen der Passanten – erst als er sie mir vorspielt, erkenne ich, dass er das Selfieschießen meint. Trotz aller Komik, die das, natürlich, auch hat, fühle ich ihm seinen Kulturschock nach. Auf dem Hinweg beobachtete ich beim Warten auf die Ringbahn eine Nebelkrähe auf einer Oberleitung. Ich stellte mir vor, dass die Drähte Notenlinien wären und Kamerad Corvus ein Notenzeichen. Hüpfte er umher oder gesellten sich Artgenossen zu ihm, ergäbe das eine – wohl ziemlich dissonante – Krähensinfonie. Als vor knapp zweihundert Jahren die ersten Eisenbahnstrecken eingeweiht wurden, waren einige Beobachter von der Geschwindigkeit so überwältigt, dass sie in Todesangst davonliefen. Da hat es den Kunsthändler besser getroffen.

Am Dienstag ist es wieder wärmer – ein Bonussommertag. In der Bucht treffe ich das erste Mal seit der Fußball-WM auf den Bitterfelder, dessen Frau sowie Tochter nebst deren Englisch sprechender, mutmaßlicher Kommilitonin. Allseitige Wiedersehensfreude, die zwischen uns Alten etablierten, humoristischen Dialoge grooven umgehend los, auch die jungen Damen nehmen sofort den Sound auf. Wir werden rüde durch die Frau auf der anderen Bank unterbrochen, die uns Müllfallenlassen unterstellt. Die Mitstudentin will dagegenhalten – wir Stammschwimmer bremsen sie, da wir wissen, dass die Lady krank ist. Ich hörte schon des Öfteren, wie aus ihr unterschiedliche Stimmen drangen; meist Anklagen in schnell wechselnden Tonlagen, Beschimpfungen mit finstersten Inhalten wie Kindsmord. Eine dieser in ihr wütenden Persönlichkeiten will sie immer vom Schwimmen abhalten; umso mehr bewundere ich, dass sie an den See kommt und es ins Wasser schafft. Der Bitterfelder hat dann leider eine Zoomkonferenz, sodass sein Trupp aufbricht.

Wer feste feiert, kann auch Festplätze aufräumen – am Nachmittag Arbeitseinsatz im Nachbarschaftshaus, wo wir die Aufbauten des Straßenfestes vom Samstag demontieren, einrollen, wegschleppen und einlagern. Anschließend ist noch Zeit für ein paar Tischtennisdoppel, dann gibt es Pizza für uns Helferinnen und Helfer. Dabei lerne ich ein paar mir noch unbekannte Nutzer des Hauses kennen. Ein guter Ort.

Am Mittwoch einer dieser Himmel, bei dessen Anblick man vom Glauben abfällt oder zum Glauben findet. Was zu der traurigen Nachricht passt, die gerade um den Erdball fegt: Die wundervolle Dolly Parton ist tot. Ich kann es mir noch gar nicht vorstellen, dass diese Stimme der Vernunft in einer Welt voller Irrsinn für immer verstummt sein soll. Präsident Trump lässt für sie landesweit die US-Flaggen auf Halbmast setzen – sie ist der erste Popstar, dem diese Ehre zuteilwird. Da sie nie vergaß, dass sie in einer armen Familie als eines von zwölf Geschwistern aufwuchs und ihr Vater weder lesen noch schreiben konnte, initiierte sie die Imagination Library. Diese sorgt dafür, dass alle dort angemeldeten Kinder von der Geburt bis zu ihrem fünften Geburtstag jeden Monat kostenlos ein Buch nach Hause geschickt bekommen – völlig unabhängig vom Einkommen der Eltern. Seitdem wurden 332.411.218 Bücher versendet. Sie spendete hunderte Millionen Dollar für die Erforschung von Behandlungen gegen Leukämie und Kinderinfektionskrankheiten, die Impfstoffentwicklung sowie direkt an medizinische Einrichtungen. Bis zum Schluss behielt sie ihren herrlichen Humor – ihr letzter Wunsch war, sie wolle „in einem wunderschönen Bett aus weicher Baumwolle ruhen, denn nach einem Leben in schweren Strasssteinen verdiene sie es endlich, bequem zu liegen und sich auszuruhen“. Ihre Selbstironie, Warmherzigkeit und coolen Punchlines werden uns fehlen, ihre Musik aber wird ewig leben.

Der Schlachtensee hat wie das Empire State Building und der Times Square sein allerschönstes Strasskleid angezogen und funkelt Dolly einen letzten Gruß hinüber. In der Bucht treffe ich witzigerweise direkt wieder auf den Bitterfelder und dessen Frau. Zunächst wundern wir uns gemeinsam über die Wellen, die heute, was außergewöhnlich ist, vom Ostwind getrieben werden – beim Schwimmen ist es so, als ob alles irgendwie seitenverkehrt wäre. Nach dem Abtrocknen erzählt mir mein alter DDR-Landsmann ein wenig mehr aus seinem Leben: In den Siebzigern als junger Mann unter dem Dach der evangelischen Kirche in der Umweltbewegung aktiv (er lebte ja im Zentrum der Zerstörung) und 1980 wegen versuchter Republikflucht für anderthalb Jahre in den Knast gekommen. Es folgte die Maximalschikane: Zurückentlassung in die DDR inklusive Alltagsterror durch die Staatsorgane. 1984 die erlösende Ausreise nach West-Berlin, Neuanfang im Wedding. Wir reden über die allgemeine Lethargie mit den wenigen Hoffnungsblitzen und den grau-braunen Dreckschleier, der unser damaliges Vaterland überzogen hatte. Wir kommen auf Biermann zu sprechen, zu dessen Konzert er im Herbst nach Leipzig fährt. Das führt uns zu Renft und Pannach und Kunert, die er nach seiner Übersiedlung des Öfteren in kleinen, verräucherten Klubs sah. Wir schätzen das Werk der beiden Liedermacher sehr und finden es toll, dass sie auch den Westen realistisch sahen und nicht verklärten.

Während wir später zu dritt noch andere Themen bereden, schiebt der Historiker, den ich neulich kennenlernte, sein Rad in die Bucht. Die drei machen sich kurz bekannt und stellen fest, dass sie gleichermaßen vom linksterroristischen Stromnetzanschlag in Südberlin betroffen waren – es folgen gute Witze über die Temperatur in Schlafzimmern und die üblichen über unseren tennisspielenden Bürgermeister, dem das auf ewig anhaften bleiben wird (falls sich in ein paar Jahren noch jemand an ihn erinnern sollte). Ich frage nach einem Update zur Täterschaft. Man weiß zwar, dass die „Vulkangruppe“ hinter der Aktion steckt, konnte aber Einzelnen bislang nichts nachweisen – wie sagt einer aus der Runde: „Da wird man glatt zum Verschwörungstheoretiker …“ Verabschiedung Team Bitterfeld, mit dem Historiker Fortsetzung des Gesprächs vor zwei Wochen. Keine Ahnung, worüber wir gerade plauderten, auf jeden Fall fällt irgendwann zu Beginn von ihm der Satz: „Und wir kümmern uns dann darum, dass in Berlin nicht die Cholera ausbricht.“ Momentchen! Mit Geschichtswissenschaftlern verbinde ich nun vieles, aber keine akute Seuchenbekämpfung. Es stellt sich heraus, dass er nach dem Erststudium noch Biologie draufsattelte, Prüfung über Bakterien. Er ist seit Jahren Umweltmanager bei der Stadtreinigung, sein Team kümmert sich um Rattenbekämpfung, Wasserfilteranlagen usw. Ich: „Dann bist du quasi der John Snow Berlins.“ Er: „Haha, genau.“ Es folgt das absolute Freakgespräch über Seuchen, Hygiene, Mikrobiome, Bakteriophagen. Zwischendurch schütteln wir immer mal wieder den Kopf darüber, dass der Zufall uns beide zusammenführte, für so etwas findet man ja kaum mal ein interessiertes Gegenüber. Er ist überrascht, dass ich die hiesigen Coronamaßnahmen hart kritisiere, versteht dann aber sofort meine Punkte. Beim Komplex Covid19-Impfstoffe kommen wir nicht so schnell auf einen Nenner, vertagen das Thema aber, da es eine kleinteiligere Betrachtung verdient – es gibt ja auch noch anderes zu bereden, zum Beispiel, dass die BSR-Leute jetzt den Umgang mit KI-Tools erlernen. Am Ende sitzen wir anderthalb Stunden beieinander, wofür er seine Bürozeit verschoben hat – schön, wenn so etwas geht.

Wo am Vortag noch eher dezenter Dolly-Glitzer den Schlachtensee befunkelte, hat die Sonne am Donnerstag die Regler bis ganz nach oben auf gleißend geschoben. In der großen Bucht, wo ich davon ein Foto machen möchte, stehen eine Frau und ein Mann in Bademänteln, die sich unterhalten. Wir wünschen einander einen „Guten Morgen“, die Frau sagt: „Man kann kaum in das Licht schauen, so hell ist das.“ Ich antworte: „Ja, ein Morgen wie auf einer Discokugel.“ Was bei den beiden (warum auch immer) einen Fröhlichkeitsflash auslöst – der Mann fängt sogar an zu tänzeln. Sunny, thank you for the sunshine bouquet …

Nach dem Schwimmen fadet dann DJ Universum Bobby Hebbs Klassiker in „Farewell My Summer Love“ – nach sechsunddreißig Tagen ist meine Brommelsaison beendet; die letzte Beere ist eine süße. Danke, liebe Sträucher – ich hoffe, wir sehen uns 2027 in neuer Frische wieder.

Dolly Parton „I Will Always Love You“: https://www.youtube.com/watch?v=aDqqm_gTPjc&list=RDaDqqm_gTPjc&index=1
Man kann sich vor Dolly immer wieder nur verneigen: https://www-billboard-com.translate.goog/lists/dolly-parton-good-deeds-timeline/?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=wapp&_x_tr_hist=true
Das Wachmännerblasorchester des Buckingham Palace spielt Dolly zu Ehren „9 to 5“: https://www.youtube.com/shorts/r4BDOl_omkw
… und die Glocken der Kapelle der Wake Forest University „I Will Always Love You“: https://www.youtube.com/watch?v=JNWIP3CXqjY
John Snow und die Wasserpumpe: https://www.esanum.de/feeds/medizin-gesellschaft/posts/der-echte-john-snow-retter-londons-vor-der-cholera
Pannach & Kunert „Der rote Karl“: https://www.youtube.com/watch?v=njW_2k-3DVU&list=RDnjW_2k-3DVU&start_radio=1
Pannach & Kunert „Hinterhof-Gör“: https://www.youtube.com/watch?v=XKERJT1hFiA&list=RDXKERJT1hFiA&start_radio=1

