Helko Reschitzki, Moabit

Grauer Montag voller Regenschauer. Um nicht von der nachmittäglichen Verdauungsträgkeit am Halbschlafittchen gepackt und auf das Sofa gezogen zu werden, mobilisiere ich meine Restenergie und mache mich auf zum ehemaligen Amerikahaus in der Hardenbergstraße. Zunächst geht es in die Landeszentrale für politische Bildung. Die LpB wurden in den westlichen Besatzungszonen und der frühen Bundesrepublik ab 1946 im Rahmen des alliierten Reeducation-Programms ins Leben gerufen – Ziel war es, die tief sitzende Untertanenmentalität der Bevölkerung aufzubrechen. (Die neuen Bundesländer folgten 1991.) So wie damals soll auch heute durch Bildung und Informationen über politische, historische und gesellschaftliche Themen das demokratische Bewusstsein der Bürger gestärkt werden. Dafür erwerben die LpB beispielsweise Buchlizenzen und produzieren daraus Sonderauflagen. Diese werden dann gegen eine sogenannte Bereitstellungsgebühr zwischen 3 und 7 Euro an Bewohner des jeweiligen Bundeslandes abgegeben. Empfänger von Sozialleistungen, Azubis, Schüler, Bufdis, FSJler, FÖJler, Studenten sowie Inhaber der Ehrenamtskarte erhalten die Literatur umsonst. Die Landeszentrale ist, wie immer, wenn ich da bin, von etwa einem Halbdutzend Menschen besucht. Ich nehme meine vier Gratis-Quartalsbücher mit: Tatjana Tönsmeyers „Unter deutscher Besatzung. Europa 1939–1945“, Madeline Potters „Die Roma“, Stefan Wellgrafs „Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren“ und Stephan Rammlers „Cool down! Berlin als Reallabor für sozial gerechten Hitzeschutz“ (Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung). Ich bin mittlerweile so weit vom Diktaturbewohner zum Demokraten re-eduziert worden, dass es mir mühelos gelingt, die ebenso angebotenen, unterkomplex-manipulativen, ideologischen Mahnwerke zu übergehen.

Direkt neben der LpB befindet sich das C/O Berlin, ein von einer gemeinnützigen Stiftung getragenes Zentrum für visuelle Medien, in dem ich seit 2014 unzählige hervorragend kuratierte und präsentierte Ausstellungen der besten Fotografinnen und Fotografen der Welt gesehen habe. Ich verpasse dort inzwischen keine Schau mehr – heuer geht’s zur Walter-Schels-Retrospektive. Anlässlich dieser befindet sich im Raum mit den Schließfächern ein Automat, in dem man sein Gesicht halbieren kann. Daneben zappelt ein (später russischsprechendes) Kind, das „L’amour toujours“ von Gigi D’Agostino vor sich hin summt – ich hoffe, mit dem englisch-französischen Originaltext im Kopf. Döpdöp.

Viele der Bilder Schels’ gefallen mir – ein paar seiner Auftragsarbeiten für Werbekampagnen waren mir bekannt, ohne dass ich seinen Namen kannte. Am meisten sprechen mich die Tiermotive an – erhellend ist die Zusammenstellung dreier Fotos: ein Schimpanse, der neben einer sehr alten Frau und einem Säugling hängt, wobei der Affe letztendlich „am menschlichsten“ aussieht. Tief berührt bin ich von der Serie „Noch mal leben“, für die er in Hospizen in Hamburg und Berlin Menschen vor und unmittelbar nach ihrem Tod porträtierte. Seine Frau Beate Lakotta, eine Journalistin, sprach mit den Sterbenden über deren Ängste, Hoffnungen und die Erkenntnisse aus dem nun langsam verrinnenden Leben.

Direkt neben dem C/O, auf dem Gehweg vor dem an 365 Tagen im Jahr geöffneten Supermarkt „Ullrich am Zoo“, sieht man auch Leben langsam austrudeln – hier liegen und sitzen die Alkohol- und Drogenabhängigen, die es wohl nicht in der Bahnhofsmission gegenüber aushalten. Einer der Männer macht mit einem Besen den vollkommen verdreckten Platz sauber – vielleicht wird er dort gleich seinen Schlafsack ausbreiten.

Am Dienstag gehe ich am südlichen Schlachtenseeufer ins Wasser, in dem sich das Grau-Blau des Himmels spiegelt. Später beim Tischtennis ist mal wieder der Syrer da, der inzwischen nur noch sporadisch kommt. Ich frage ihn, wie es ihm seit unserem letzten Treffen ergangen ist – was er berichtet, ist sehr erfreulich: Er hat nicht nur seine Deutschprüfung bestanden, sondern auch einen festen Job gefunden! Er arbeitet bei der Bäckereikette Steinecke, hat aber seine Teilzeitstelle als Regaleinräumer bei Aldi behalten. Die Hoffnung, wieder wie vor seiner Flucht vor dem Krieg als Buchhalter tätig zu sein, hat er nicht aufgegeben, ist nun aber erst einmal froh, Geld zu verdienen. Er und sein ebenso malochender Bruder haben noch nie einen Cent Steuergeld in Anspruch genommen und wohnen nach wie vor gemeinsam in einer kleinen Wohnung.

Auch der Mittwochmorgen ist in europäisches Grau gekleidet. Am See ganz leichtes Tröpfeln. Heute geht es wieder am Nordufer ins Wasser. Ein Mann und eine Frau Anfang sechzig kommen in die Bucht gejoggt und machen akkurat Fitnessübungen; es sieht aus, als ob er eine Art Coach für sie ist (Typus Bürstenhaarschnitt-CIA-Mann in B-Movies). Wir nicken uns, wie es Agenten machen würden, dezent zum Abschied zu.

Am Donnerstag bin ich zu Beginn des Tischtennisnachmittags mit einer Mitspielerin allein. Sie ist ungefähr so alt wie ich. Anfangs plaudern wir wie immer – über ihren Urlaub, Norddeutschland und unsere Mütter. Dann sagt sie ganz unvermittelt, dass bei ihr vor Kurzem chronische lymphatische Leukämie diagnostiziert wurde. Sie sieht es als Glück im Unglück, dass sie am Institut für Zelltherapie in Halle/Saale in ein Programm aufgenommen wurde, das eine neue Behandlungsmethode gegen CLL erforscht und klinisch erprobt. Dafür werden den Patienten körpereigene Abwehrzellen entnommen und im Labor genetisch so verändert, dass sie nach der Rückführung in die Blutbahn bestimmte Oberflächenmerkmale der Krebszellen erkennen und diese gezielt angreifen. Die Ärztin, die sie dort betreut, hat bereits im Erstgespräch über therapieunterstützende Faktoren mit ihr gesprochen, denkt also über die bloße Maschinen-Medizin hinaus, was immens wichtig ist. Ich mache meiner Mitspielerin Mut und erzähle ein wenig davon, wie ich durch eine Ernährungsumstellung eine schwere Krankheit positiv beeinflussen konnte. Ich musste die Tage danach oft an sie denken.

Am Freitagmorgen ein lustiges, kleines Buchtgespräch mit der Balinesin und ihrem Mann über die springenden Fische im See – er, der immer sehr ernst ist, macht sogar ein Witzchen. Ich bekomme den Auftrag, während die beiden schwimmen, im Internet zu recherchieren, warum die Fische dort gerade hüpfen. Das hat mit dem Sauerstoffgehalt des Wassers zu tun, der im Hochsommer in den unteren Schichten knapp wird, sodass die Tiere nach oben flüchten. Sind sie erst einmal dort, nutzen sie das üppige Angebot an den über der Oberfläche fliegenden Insekten zum Fressen; größere Fische schießen zudem hoch, um beim Aufprall auf das Wasser Parasiten abzuschütteln. Wieder was gelernt.

Nach dem Mittag ein langer Spaziergang mit einer Freundin durch den Tiergarten. Sie sucht seit Monaten verzweifelt eine neue Wohnung für sich und ihren Sohn, die alte kann sie sich trotz zweier Jobs nicht mehr leisten. Sie ist ein großer Fan der Kampagne, die private profitorientierte Immobiliengesellschaften enteignen möchte. Dass es dadurch nicht ein bezahlbares Zimmerchen mehr geben wird, leuchtet ihr nicht so recht ein. Dass der Stadt die Milliarden für die dann fälligen Entschädigungen an Deutsche Wohnen & Co. schlicht fehlen, wird von ihr ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass genau jene politische Kraft, die mit dem Thema Vergesellschaftung in den Wahlkampf zieht, vor zwanzig Jahren daran beteiligt war, 100.000 kommunale Wohnungen an ebenjene bösen Konzerne für ’nen Appel und ’nen Ei zu verschleudern. Sie überlegt, nach Brandenburg oder Baden-Württemberg zu ziehen.

Am Samstag dann das Nachbarschaftsfest zwischen Schoeler- und Volkspark in Wilmersdorf. Obwohl das nur ein kleiner Kiez ist, kommen 5000 Leute – die Jüngsten liegen noch im Kinderwagen oder sind in einem Tragetuch gebettet, und auch die Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenheims an der Ecke sind erfreulich zahlreich erschienen, viele mit Rollatoren, andere im Rollstuhl mit Betreuer. Die Hautfarben unseres Planeten sind in all ihren Schattierungen vertreten. Ich bin auf dem Hof des Nachbarschaftshauses, in dem ich Tischtennis spiele und zum Yoga gehe, für eine Schicht an der Bar eingeteilt – wir mixen dort im Akkord sogenannte Mocktails, das sind alkoholfreie Varianten von Cocktails, in unserem Fall Piña Colada, Zitronen-Fizz und Mojito. Trotz des Andrangs geht die Arbeit gut und fröhlich von der Hand, lediglich die zahlreichen Wespen, die auf die Ananasstückchen und Grenadine scharf sind, sind etwas hinderlich. Ein älterer Spanier fragt mich, wie ich das schaffe, nicht gestochen zu werden, ich antworte, dass ich ein spezielles Rasierwasser zur Insektenabwehr aufgelegt hätte. Er fragt nach dem Namen, ich sage: „Muerte.“ Das will er sich nun besorgen.

Neben der Bar befindet sich die Bühne, auf der Livemusik dargeboten wird. Als ich komme, hört das swingende Salonorchester gerade auf. Die folgenden Rapper sind mir zu verpopt – aber klar, dass man auf so einem Familienfest nicht „Yo, yo, lass Wilmersdorf brennen, bitches“ bringen kann. Die Klezmer-Balkanbeat-Kapelle Neofarius lässt die grau-weißen Wallhaare der moschenden Altachtundsechzigerinnen fliegen, auch bei der Brassband The Ostrich Party gibt es kein Halten. Pünktlich zu Beginn des Sets der jungen DJane Bastet ist meine Schicht beendet – der Pflastersteintanzflur ist mein! Obwohl ich keine Dancingshoes anhabe, wirbel ich dort mit einem bunten Häufchen Partypiepeln zu Electroclash und Deephouse umher. Was bei Esperanto noch scheiterte, haut beim Vier-Viertel-Beat umso besser hin – das ist die Sprache, die wir alle verstehen: Die Chicas und Padrugas um mich herum juchzen, selbst der vorher etwas düster schauende alte Afrikaner lächelt und tanzt; einer Schwerstmehrfachbehinderten fährt der Bass so durch den Körper, dass man Angst haben muss, dass sie aus dem Rollstuhl wippt. So muss das sein. Wegen der Lärmauflage ist viel zu früh Schluss. Eine der ukrainischen Kriegsflüchtlingsfrauen wünscht sich noch schnell als Zugabe Sade – und wird erhört. Und so geht es mit den wundervollen, den Abend perfekt zusammenfassenden Zeilen „No more war, no more war, no more war / All we want is some peace in this world / No matter what color / You are still my brother“ hinaus in die Saturday Night.

Am Sonntagmorgen am See denke ich zum ersten Mal in diesem Jahr, dass nun wieder Gevatter Herbst da ist. Am Nachmittag geht’s trotzdem mit einem Freund auf eine unbedachte moabiter Cafédachterasse.

Walter Scheels‘ und Beate Lakottas „Noch mal leben“: https://www.walterschels.com/f/e/pdf/SPIEGELNochmalleben.pdf
Alternativen zur «Maschinenmedizin» – Vortrag von Prof. Christian Schubert: https://www.youtube.com/watch?v=Xqg814lXv1Q
