Christoph Sanders, Thalheim

Sonnig-frischer, ereignisarmer Mittwochmorgen. Große Stille. Der Installateur kommt kurz vorbei und bestätigt die Funktionalität der Warmwasseranlage. Ich mache eine weitere Bücherverschenkkiste voll, wobei ich nach wie vor überlege, welche Fotobände ich noch behalten möchte. Ich bin ja ein Fan von Werbefotografie, vor allem für Automobile – es ist ja geradezu virtuos, wie da Menschen bei gestellten Alltagsverrichtungen um Skulpturen arrangiert und somit vollkommen künstliche Welten geschaffen werden. Im Radio wird vermeldet, dass Spotify künftig KI-generierte Songs „kennzeichnen“ will – was auch immer das fürs Baustellenradio bedeutet. Ich setze weiterhin auf die in Scheiben gepresste Musik und nehme vom Trödler das Klavierwerk zu vier Händen von Claude Debussy mit den Labèque-Schwestern mit. Ansonsten die üblichen Besorgungen und Verrichtungen mit dem Rade. Der Beinmuskel baut weiter auf – ich muss dankbar sein, dass er es tut. Irgendwann werde ich wieder eine Treppe hochspringen können. Am Abend die Sonnenfinsternis – fahles Winterlicht legt sich über einen stummen Sommerabend.

Der Donnerstag dank Ostströmung merklich frisch – so kann das Haus auf unter 20 Grad gedimmt werden, bevor unser Leitstern wieder brennt. Beim Erwachen wird das leise Gezwitscher aus dem Unterholz unseres Gartens von Reifengeräuschen und dem Sound mahlender LKW-Getriebe übertönt. Nur die Türkentauben setzen sich darüber hinweg. Im Laufe des Vormittags schnell ansteigende Wärme – ein weiterer staubtrockener Sommertag. Für mich das gewohnte Bergtraining in den heimischen Hügeln. Schön, dass sich durch das Dehnen bei der Runde an der Bahnstrecke vorgestern die Gelenkblockade verflüchtigt hat. Auffällig viele Boomer auf ihren Motorrädern, die sonst erst samstags (in Massen!) das Tal befahren. Aber ab 35 Grad ist Sense unter der Lederkombination, die, wie es scheint, absolute Pflicht ist. Selten sieht man einen Abweichler in Shorts und Karohemd und ohne schwere Stiefel. Das gibt dann von den anderen böse Kommentare wegen möglicher Sturzfolgen.

Der Teenie hat Muffensausen vor der Zeichenprüfung im Kunst-Leistungskurs und will jetzt auf der Stelle einen Zeichenkurs. Ich: „Da liegen einhundertzweiundvierzig Stifte in der Schublade und Papier ohne Ende in mehreren Stärken. Leg dir einen Apfel auf die glänzende Tischplatte, nimm die ganzen unausgefüllten Mal-Lernbücher und leg los!“ Aber so funktioniert das natürlich nicht. Beim Weitersortieren der Fotos stoße ich auf ein Bild, auf dem Art Blakey eine Vogue-Blondine auf dem Schoß sitzen hat. Also höre ich ein Album seiner Bigband, und anschließend Dr. John, den ich beim Radiohören entdeckte – ich musste mir nur den Titel merken. Am Abend nochmal raus in diesen herrlichen Wind, der den Himmel sternschnuppenklar macht. Der Teenie hängt sich eine Reproduktion von Degas’ Pferderennbahn bei aufgehender Sonne auf. Und auch hier wird sie wieder aufgehen – aber nun geht sie erst einmal unter.

Am Freitag meteorologisch alles wie erwartet: die Frische ist davon. Pünktlich um vier beginnt das Rauschen der Reifen. Adam Tooze bereitet mit seinem neuen Chartbook (#466) hervorragend die Geschichte des Rheins als Transportstraße auf – allein auf Substack leistet er mehr als dreißig deutsche Zeitungs-, Fernseh- und Radioredaktionen zusammen. Zur möglichen Zweiteilung des Stroms, die kürzlich der Geschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Binnenschiffer vorgeschlagen hat, heute keine weiteren Meldungen. Dafür der Schlüssel für eine Beobachtung vom Waldrand, als neulich ein Mann und dessen Sohn aus einem Sprinter stiegen, das Feld durchstreiften, hier und da Kartoffeln entnahmen, um am Ende mit einem vollen Sack zurückzukehren. Das waren wohl Proben, um die Ernte abzuschätzen – im Radio wurden riesige Ausfälle angesagt. Letztes Jahr wurden Kartoffeln noch vernichtet.

Auf dem Rad bei 35 Grad nur eine kurze Fahrt bis Niederhadamar, dem Geburtsort des Melander Graf zu Holzapfel (geborener Peter Eppelmann), der im Dreißigjährigen Krieg eine sagenhafte Karriere machte. Alle Wiesen der Umgebung sind bis auf den letzten Halm heruntergemäht. Der Milchbauer von Steinefrenz hat bereits einhundert frische Futterballen bereitgelegt, die er vermutlich zugekauft hat. (Kaum jemand macht sich klar, wie viel Wasser für unser geliebtes Südgemüse und -obst verballert wird, von der Massentierhaltung mal ganz abgesehen.) Der Elbbach mit niedrigem Wasser, die Steine treten immer deutlicher hervor – aber er fließt! In Görgeshausen kam um 17 Uhr nur noch braune Brühe aus den Hähnen des Brunnens, aus dem man traditionell Wasser abfüllt. In anderen Dörfern sind die Zapfstellen schon seit einer Woche zu. Die Tage werden merklich kürzer – um 20:39 Uhr geht die Sonne mit einem breiten roten Teppich unter. Danach Abholung meines Sohns vom Zug sowie der Damen vom Kino – Fahrdienste in der Provinz.

Samstagmorgen. Die Trinkflaschen stehen im Spülgestell, eine kleine Tube Sonnencreme und das Trikot liegen auf dem Stuhl, das Rad ist gerichtet. Alles ist bereit für meine Fahrt an den Rhein – vielleicht sehe ich ja Saurierskelette.

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