Walter Kintzel, Parchim
An die Natur zurückgegeben
„Ach, Luise, das ist ein weites Feld.“ (Theodor Fontane)
Interessant ist es immer, wenn sich zwei Wissenschaften miteinander „vermählen“ – im vorliegenden Beispiel sind es sogar drei: Geschichte, Botanik und Naturschutz.

Die Niedermühle bei Klein Pankow, um die es hier gehen soll, lag nahe der Elde und damit im historischen Grenzgebiet der Bistümer Havelberg und Schwerin. Da der Fluss ursprünglich in weiten Teilen als deren Diözesangrenze fungierte (die 946 erstmals erwähnt und 1150 bestätigt wurde), spiegelt sich diese Lage auch in der Geschichte der Niedermühle wider.
Die Niedermühle war eine Wassermühle, die durch den kleinen Gehlsbach angetrieben wurde, der in der Nähe in die Elde mündete und einst mehrere Mühlen bewegt hat: die von Stuvendorf (verkauft 1274) und die von Cesemowe (verkauft 1320), und bis in unsere Zeit hinein die Wilsener Mühle und die Niedermühle bei Klein Pankow. Erwähnenswert ist auch die Quaßliner Mühle (1300 bis ca. 1900), die an einem Bach lag, der in den Gehlsbach mündet. Die Altvorderen waren schon weise und nutzten die alternativen Energien, auf die wir uns jetzt zurückbesinnen!

Wie in Riedels Codex Diplomaticus Brandenburgensis dokumentiert, übereignete Busse Gans zu Putlitz am 10. April 1387 dem Kloster Marienfließ in Stepenitz sein Dorf Wendisch Pankow (welches im Laufe der Jahrhunderte zu Klein Pankow wurde und heute ein Ortsteil der mecklenburgischen Gemeinde Siggelkow ist) mit allem Zubehör – jedoch außer dem Blanken See und der Mühle. Damit ist ersichtlich, dass Mühle und See einst zu dem Dorf gehörten.
Es begann eine wechselvolle Geschichte: 1468 ging die Mühle zu Pankow an den mecklenburgischen Herzog Heinrich IV.; im Dreißigjährigen Krieg lag die Mühle wüst, wahrscheinlich seit 1636. 1931 kam die Mühle in die Zwangsversteigerung und galt 1937 laut Mecklenburg-Schwerinschem Staatskalender als „unbrauchbar“.

1958 erwarb die LPG in Klein Pankow die Mühle, danach folgte die Freigabe zum Abriss, woraufhin auf dem Grundstück eine Entenfarm ihren Betrieb aufnahm. 1980 endete die Entenzucht und es entstand dort ein Kinderferienlager, das bis 1989 in Betrieb war.
Nach 1990 entfiel (wohl auch wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse) die Nutzung, sodass es zu Vandalismus und Zerstörung der Gebäude sowie illegaler Bauschuttablagerung kam.

2018 wurde unter dem Titel „Entsiegelung und Renaturierung einer Ruinenfläche“ eine Firma beauftragt, alles abzutragen – dazu gehörten neben den Lagergebäuden mit einem Heizhaus auch Wirtschaftsbauten und ein Wohnhaus. Diese waren vollständig zurückzubauen und die Abrissmaterialien fachgerecht zu entsorgen; das betraf ebenso die Fundamente. Darüber hinaus mussten der Bauschutt sowie die Restmüllablagerungen beseitigt werden.

Die Ziegel des zum ehemaligen Heizhaus gehörenden Schornsteins konnten ohne Verunreinigung durch andere Materialien als Steinhaufen verbleiben. Dieser wurde durch Lesesteine überdeckt und so zum Lebensraum für Schwanzlurche und Insekten.

Die entsiegelte Fläche war laut Auftrag einer freien (ungelenkten) Sukzession zu überlassen. Darunter versteht man die schrittweise, biologische Rückkehr von Pflanzen und Bäumen auf einem kahlen Areal, ganz ohne das Zutun des Menschen. Eine Neuansaat mit bestimmten Mischungen gehörte nicht zur Planung und Maßnahme.

Mehrere Exkursionen zusammen mit Helmut Kiesewetter (beide aus der Fachgruppe Geobotanik im Altkreis Parchim) zeigten auf der Renaturierungsfläche eine ungewöhnliche Artenkombination, die für Botaniker nur schwer zu erklären ist. Grund hierfür ist das dichte Nebeneinander von Pflanzen, die eigentlich völlig gegensätzliche Lebensräume bevorzugen.

Im Ergebnis der botanischen Kartierung konnten 98 Pflanzenarten festgestellt werden. Darunter befanden sich bemerkenswerte krautige Arten wie die nach der „Roten Liste“ Mecklenburg-Vorpommerns vom Aussterben bedrohte Kornrade, das stark gefährdete Schwarze Bilsenkraut sowie die gefährdeten Pflanzen Heide-Nelke, Herzgespann, Kleinblütige Malve und Nordischer Wundklee.

Der Japanische Staudenknöterich war ebenso wie die vier Baumarten Sal-Weide, Schwarz-Erle, Robinie und Essigbaum in die Sukzessionsfläche eingewandert.
Des Weiteren wurden unter anderem Armenische Brombeere, Bittere Schleifenblume, Chinesische Hundszunge, Färber-Hundskamille, Virginischer Tabak, Wiesen-Flockenblume, Wilde Malve, verschiedene Mohnarten und Nachtkerzen nachgewiesen.

Viele dieser Arten produzieren langlebige Samen, die häufig auch die Eigenschaft zur Fernausbreitung besitzen. Damit haben sie die Potenz, Areale mit Bodenverletzungen schnell zu besiedeln.
Nun erhebt sich noch die Frage nach der Herkunft der Pflanzen. Man kann davon ausgehen, dass einige Samen bereits seit Jahrzehnten im Boden schlummerten.
Wahrscheinlicher ist aber eine andere Hypothese: Durch den unbeabsichtigten Transport von Bodenresten aus anderen Baustellen und Renaturierungsflächen gelangte Saatgut auf Wirtschaftsfahrzeugen hierher. Dieses keimte und leitete die Sukzession ein.
Wir Botaniker wollen das Renaturierungsexperiment weiterhin aufmerksam begleiten.
