Helko Reschitzki, Moabit

Laut den erhaltenen Quellen wurde der Schlachtensee im Jahre 1242 zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Damals hieß das Gewässer noch „Slatse“ und lag neben einem Dörflein namens „Slatdorp“. Für die Herkunft des Namens gibt es drei Erklärungen: Die erste leitet sich vom mittelniederdeutschen Wort „slaht“ bzw. „slat“ ab, das eine Uferbefestigung aus Holzpfählen bezeichnet. Die zweite vermutet den Ursprung im slawischen „solt“, das für Sumpf steht. Die dritte geht auf das ebenfalls slawische „slaty“ zurück, was „goldgelb“ bedeutet und auf die Farbe der Wasseroberfläche verweisen soll.

Wenn ich dieser Tage am Ufer entlanggehe und die Sonne den See gülden erstrahlen lässt, ist klar, welche Deutung ich bevorzuge.

Sonntagfrüh zeigen gleich zwei Begebenheiten hintereinander eine in sich schlüssige Logik. Da ist zunächst der ältere Herr, der auf dem S-Bahnhof Steglitz den Müllbehälter nach Flaschen durchsucht und an seinem Rollstuhl ein Zitat von Karl Marx angebracht hat (wobei das dazugehörige Bild der Berliner Mauer noch eine krasse Lebensvorgeschichte vermuten lässt). Gefolgt von der Familie (Mama, Papa, zwei Töchter, die eine etwa vier, die andere vielleicht neun Jahre alt), die doch tatsächlich in der S1 den Gassenhauer „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nischt wie raus nach Wannsee“ anstimmt – denn jenau da geht es für die hin, die nicht wie ich schon am Schlachtensee aussteigen, und genau deswegen sind alle ein wenig aufgekratzt in diesem rappelvollen Waggon an diesem Prachtbadewettermorgen in Berlin.

Am See sind sehr viele Menschen, und alle haben dieses herrliche Sommergrinsen im Gesicht. Sie tragen Schleifen im Haar und Strohhüte, Schippen, Eimerchen und Windmühlen, allerlei seltsames Schwimmgetier, müde Kleinkinder und noch müdere Hunde. Am Wasser breiten sie Decken aus, auf die sie Picknickkörbe stellen. Mit Saft, Schorlen, Kaffee und auch schon dem ersten Prosecco des Tages prostet man sich zu. Da ich Alternativen zur Alternative meiner Ersatzbadestelle kenne, finde ich ein schönes Plätzchen für meine Sachen und meinen Po. Nach dem Schwimmen komme ich mit einem Freiburger ins Gespräch, der mit seiner Frau eine Woche Urlaub in Berlin macht. Am Vortag sind sie durch den Grunewald geradelt. Er sagt, dass er immer wieder vergisst, wie grün die Stadt ist, und erzählt, dass er Anfang der Achtziger in Wedding direkt an der Mauer eine Ausbildung zum Pfleger gemacht hat und danach irgendwie im Breisgau gelandet ist. Ich berichte, wie das Ende der DDR und der Neuanfang in der Bundesrepublik für mich war. Ich frage ihn, ob seine „grüne Stadt“ wirklich grün ist und ob man es zum Beispiel bei Hitze dort gut aushält. Er: „Da hat sich vieles entzaubert im Lauf der Zeit.“ Ich: „Wo nicht.“ Seine Frau arbeitet in der Schweiz, beide pendeln regelmäßig hin und her – man merkt immer sofort, wenn man über der Grenze ist, selbst in der Bahn. Für die Rückreise haben sie einen Nachtzug gebucht, in der Hoffnung, dass es um die Zeit keine Probleme auf der deutschen Seite gibt.

Am Montag liegt am nördlichen Ufer der nächste große, umgestürzte Baum. Der trockene Boden daneben zeigt einen langen Riss; das Loch unter der Wurzel gleicht einem Schlund. Eine biblische Szene.

Ich bin ja nun kein Förster oder Bodenkundler, aber dass es den Bäumen und Sträuchern in der Gegend nicht so toll geht, sehe selbst ich. Auch die alte Eiche auf der Rehwiese ist seit Mai 2025 wegen der Gefahr herunterbrechenden Totholzes weiträumig abgesperrt.

Auf meiner Buchtbank sitzt bereits ein Mann. Wir reden das, was man dort immer so redet, wenn man jemanden noch nicht kennt, lobpreisen den See, die Tiere, die Abgeschiedenheit mitten in einer Millionenstadt. Dann sagt er den Satz: „Und wir können sogar noch so spät hierher – mein Sohn musste heute schon um fünf auf seinen Lastwagen.“ Ich: „Einer muss ja das Land am Laufen halten – leider wird das von der Politik und den Medien kaum mal in irgendeiner Art gewürdigt.“ Er: „Ganz genau. So wie auch die Krankenschwestern, Pfleger, Kassiererinnen, Bauarbeiter fast nie wahrgenommen werden.“ Daraus wird ein außerordentlich interessantes Gespräch. Er ist Jahrgang 1967, studierter Historiker und als Wessi mit einer Ossifrau verheiratet. Kennengelernt haben sich die beiden 1988 in Potsdam bei einem Treffen von zwei christlichen Partnergemeinden. Zudem hat er Verwandtschaft in einem Dorf in Sachsen-Anhalt, das er auch oft zu DDR-Zeiten besuchte. Er hat noch alle Begriffe parat: BHG, Konsum, LPG, weiß vom damaligen Leben bestens Bescheid. Seine Tochter ist oft in Israel; gerade waren er und seine Frau sie dort besuchen. Die Lage stellt sich vor Ort natürlich noch viel komplizierter dar, als man es von außen ahnt. Wie vertrackt die ganze Situation mit Palästina und darüber hinaus ist, verstand er durch das Buch „Ein anderer Krieg“ von Dan Diner, das er mir sehr empfehlen könne. Witzigerweise hatte ich genau das am Vorabend beim Sortieren meines Sachbuchregals in der Hand gehabt. Er sagt, dass eine der Ursachen des aktuellen Politikdesasters darin liegt, dass von den Entscheidern kaum jemand Geschichtskenntnisse besitzt und dadurch im Gegenwartsdenken verhaftet ist. Das war früher anders – ein Richard von Weizsäcker, dessen Bruder nur wenige Hundert Meter entfernt von ihm beim Überfall auf Polen erschossen wurde, hatte zu jeder Zeit die Folgen eines Krieges im Kopf, die ganze Generation, Ost wie West – das bestimmte ihr Handeln, ihr „Nie wieder Krieg!“, das momentan so sehr fehlt. Das Schöne an Gesprächen mit Fachleuten ist, dass man nicht alles ausformulieren muss. Als ich erwähne, dass ich gerade ein Buch über die große Sturmflut in Norddeutschland lese, sagt er: „1962.“ Ich: „Genau.“ Er: „Schmidt, der einfach das Grundgesetz überging und die Bundeswehr einsetzte; da halfen sogar die Amis mit.“ Ich: „Und die Briten, Belgier und Niederländer! Heute würde sich jeder hinter Gesetzen verstecken. Oder denk an die RAF-Zeit: Als Schleyer entführt wurde, holte Schmidt selbstverständlich die Opposition mit in den Krisenstab; da war der Staat wichtiger als Parteipolitik. Und inzwischen haben wir die Brandmauer.“ – „Tja, heute haben wir die Brandmauer.“ So geht es noch eine ganze Weile hin und her und am Ende tauschen wir unsere Telefonnummern aus – vielleicht gerade weil wir bei so einigen Themen nicht ganz einer Meinung waren.

Am Dienstag bekommt das schöne Gespräch mit dem Historiker noch so eine Art Fortsetzung. In der Bucht sagt ein Mann zu mir, er hätte am Vortag mitbekommen, was der andere Mann und ich miteinander beredet hätten – vieles, was die aktuelle Politik betrifft, sehe er genauso, manches auch krasser. Er erzählt ein wenig von sich: Aufgrund einer ärztlichen Fehlbehandlung wurde er vor sieben Jahren schwer krank. Niemand konnte ihm helfen, schlimmer noch, niemand wollte es. Also half er sich selbst, las eine Menge Texte diverser Alternativmediziner, experimentierte mit Biofeld-Therapien, Kräutern, Pilzen und Nahrungsergänzungsmitteln. Es ging ihm ein wenig besser. Dann kam Corona. Er war von Anfang an wachsam, wurde schnell den offiziellen Erzählungen gegenüber misstrauisch, die oft nicht zu den behördlichen Daten passten. Er ließ sich nicht impfen, ging auf die Spaziergänge der Maßnahmenkritiker, wurde bei einem dieser stillen Proteste festgesetzt. Nun verlor er auch den Glauben an den Staat. Er ist in Sachen Fauci-Tagebücher auf dem Laufenden, verfolgt die Sitzungen der Enquete-Kommissionen, hat natürlich in den RKI-Files gelesen. Im Prinzip meine Geschichte – nur dass mich die Polizei auf der Jagd durch Moabit nicht zu fassen bekam. Und im Gegensatz zu ihm habe ich noch ein μ Hoffnung.

Verstetigung von zwei Verhaltensmustern aus meiner teilnehmenden Beobachtungsstudie: Immer mehr Leute lesen papierne Bücher in der Bahn, und immer mehr Mitschwimmer packen ihre Kleidung, Schlüssel und Smartphones in aufblasbare Schwimmsäcke, die sie dann im Wasser hinter sich herziehen. Ich frage den Bucht-Sachsen, ob ihn seine Boje tragen würde. „Der Auftrieb reicht gerade so aus – keine Ahnung, wie das ist, wenn man in Panik gerät.“ – „Good luck!“

Am Donnerstag werde ich beim Schlagzeilencheck daran erinnert, dass der 13. August ist. Heute vor fünfundsechzig Jahren wurde mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen, Familien und Freundeskreise für achtundzwanzig Jahre auseinandergerissen. Hätte es die DDR weiterhin gegeben, müsste ich immer noch acht Jahre warten, bis ich meine Verwandtschaft in Lübeck hätte besuchen dürfen … Und genau da ist es umso schöner, dass mir am See Hand in Hand die Frankfurterin (von der Oder!) und der Kieler entgegenkommen – die hätten sich ohne den Fall der Mauer wohl niemals kennengelernt …

Und dann sehe ich nach langer Zeit mal wieder die Schwanenfamilie – und alle fünf Jungen sind noch am Leben! Und die beiden netten alten Umweltschützer, die mit mir den Seezuwachs bestaunen, geben mir ihre Visitenkarte, auf dass wir uns mal auf ein Kännchen Tee bei ihnen verabreden. Und der bestinvestierte Euro in diesem Monat war bislang der am Samstag auf dem Flohmarkt für die CD „Wir heben ab“ von Ben Becker, von der hier in Dauerrotation das Lied läuft, das er für seinen verstorbenen Westberlin-Kumpel Martin Kippenberger geschrieben hat, der ihn, die damals minderjährige Punkgöre, immer ins SO36 ließ: „Und es wird Abend über Berlin. Wenn du unter dem Dom stehst, wenn du nach oben siehst, wenn du die Augen schließt, kannst du sie fliegen sehen – die Kanarienvögel. Jetzt bist du einer von ihnen. Und der Himmel färbt sich orange über Berlin. Wenn du ganz genau hinsiehst, dann mit dem Pinsel den Strich ziehst, der wie die Zeit über alles hinwegfliegt, während du dich zurücklehnst und dir denkst, wie schön das ist, dann sei dir gewiss: Du wirst nicht vermisst, weil du hier bei mir bist.“ Schnief.

Helmut Schmidt und die Sturmflut: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/sturmflut-1962-helmut-schmidt-organisiert-grosse-rettungsaktion,sturmflut1418.html
NDR-Live-Interview mit Schmidt vom 17.02. 1962: https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:bf3fb5b644f6da1e/
Über Kippenberger: https://kunstwelten-sabrinatesch.de/2020/02/martin-kippenberger-kippi-der-mit-der-kippe-kuenstler-von-innen-und-aussen/
