Frank Schott, Leipzig
Fragen über Fragen … Wesen, die nachts nicht schlafen, sind häufig Vampire. Bei solchen, die ebenso nachtaktiv sind und bei Vollmond besonders viel Energie verspüren, handelt es sich meist um Werwölfe. Aber wie nennt man jene, die der Schlaf nach einer Sonnenfinsternis flieht? Zu letzteren gehöre offenbar ich.
Doch dazu später mehr. Vorher die zweite wichtige Frage: Wie bezeichnet man eine Sonnenfinsternis, die während des Sonnenuntergangs stattfindet? Sonnenuntergangsfinsternis? Sonnenfinsternisuntergang?
Was für Fragen einem übermüdeten Verstand durch den Kopf schießen … Aber der Reihe nach.

Am Mittwochabend schiebt sich der Mond vor die Sonne und verdunkelt sie nahezu vollständig. Das Naturereignis bietet interessante Farbspiele. Während sich die Straßen langsam in Schatten hüllen, Straßenlaternen und Autoscheinwerfer angehen, liegen die oberen Teile der gen Westen gerichteten Häuserfronten noch im prallen Sonnenlicht. Meine Kamera kann die eigenartige Stimmung und das verwirrende Licht leider nicht richtig einfangen.

Einige Passanten bleiben wie ich stehen. Die meisten schirmen mit der Hand die Augen ab, einige wenige tragen Lichtschutzbrillen. Ein junger Mann beschwert sich ins Telefon, dass er nirgends eine solche Brille bekommen habe. Andere sitzen im Licht der Girlanden in den Freisitzen, als wäre es ein ganz normaler Spätsommerabend.
Obwohl ich nach dem astronomischen Ereignis und den langen Märschen durch die Stadt hundemüde bin, finde ich später keinen Schlaf. Eine Stunde wälze ich mich hin und her, ehe ich endlich hinwegdämmere.

Am nächsten Morgen bin ich ungewöhnlich früh wach, lange bevor der Wecker klingelt. Ich versuche wieder einzuschlafen, aber auch jetzt will es mir einfach nicht gelingen. Vermutlich habe ich eine Postsonnenfinsternisschlafallergie. Kurz vor halb sechs reicht es mir. Ich ziehe meinen geplanten Waldlauf vor und renne. Ohne gefrühstückt oder etwas getrunken zu haben.
Und das fühlt sich nicht nur richtig, es fühlt sich gut an. Noch sind wenige Autos unterwegs. Die meisten Menschen, denen ich begegne, und das sind nicht viele, führen, bevor ihr Tagwerk richtig beginnt, einen Hund Gassi. Die Sonne ist aufgegangen, aber hinter Häuserfronten und Baumreihen nicht zu sehen. Als ich loslaufe, ist das Licht schummrig.

Ich laufe und laufe und laufe und erreiche problemlos eine Geschwindigkeit, die mir seit Monaten nicht mehr möglich war. Ich schaffe den Kilometer in weniger als fünf Minuten. Nicht jeden Kilometer – zu querende Straßen, enge Kurven oder kleinere Anstiege verhindern das – doch fast jeden zweiten. Am Ende bewältige ich die ersten zehn Kilometer in überraschenden 52:48 Minuten, zuletzt benötigte ich jeweils fast eine Stunde für diese Distanz. Ich genieße das aufsteigende Licht, das Alleinsein, die schnellen, stampfenden Schritte. Als ich zu den unvermeidbaren Straßen zurückkehre, bin ich mitten im Berufsverkehr und muss auf Lücken lauern, um auf die andere Straßenseite zu gelangen.

Aber fürwahr! – das fühlte sich gut an. Jetzt unter die Dusche und dann geht’s wieder auf Tour: Der werktägliche frühe Gang schließt sich an – ich bringe meine Frau zu ihrer Arbeitsstätte.
Vielleicht sollte ich immer so früh joggen? Andererseits wären sechzig oder neunzig Minuten mehr Schlaf auch nicht schlecht …
Ich schiebe meine körperliche und geistige Verwirrung auf das gestrige Himmelsereignis. Offenbar gibt es Wesen, die am Tag nach einer Sonnenfinsternis ganz dringend, ganz früh, ganz schnell laufen müssen. Und zu denen gehöre dann wohl ich.
