Christoph Sanders, Thalheim
Sonniger und ruhiger Freitag. Am Morgen erste Staubfahnen über den Äckern – die neue Güllespeisung wird vorbereitet. Lkw mit 20-Kubikmeter-Fässern, Tanklaster voller Schweinekacke; es duftet bis spät in die Nacht. Immer noch Hitzewelle. Ich bin gespannt auf die politischen Entscheidungen, die darauf folgen werden – ein weiterer Aktionsplan oder Wasserrationierung? Am Vormittag an drei Rädern Pedale und Kurbeln abgebaut, die ich verkaufen, tauschen oder verschenken werde. Das Familienfotoalbum beendet – der Vorhang fällt hinter dem letzten Jahrhundert. Meine Kinder finden die Zusammenstellung gut – sie haben meine Eltern nur kurz gekannt. (Der Fluch, spät Vater zu werden.) Mit den Kids fünfundzwanzig Kinderhörspielkassetten aussortiert, die Schallplatten behalten wir. Angenehm milder Abend; die Brombeeren hängen warm am Strauch.

Ein ausgesprochen frischer Samstagmorgen. Die 13 Grad Celsius Lufttemperatur werden vom hitzeverwöhnten Körper bereits als kalt empfunden. Aus den beiden jungen Türkentauben sind nun Ästlinge geworden – bevor sie flügge sind, hocken sie zunächst einmal auf einem Ast. In der Zeitung die Meldung, dass ein pflichtbewusster Bürger auf dem Hub Leipzig großen Schaden verhindern konnte. Besonders lachen darf man über diesen Satz: „Am Ende kann und darf der Schutz so wichtiger Infrastruktur nicht dem Zufall und dem mutigen Verhalten eines umsichtigen Busfahrers überlassen sein.“ Bei mir erzeugen diese Drohnendauerberichte nur noch Unbehagen; ich vermute, die Bedrohungslage wird so übertrieben, weil ihre Grundlage, die Versorgung von Kriegshandlungen von deutschem Boden aus, auf völkerrechtlich wackligen Füßen steht – oder hat je ein Bundestag über die Fracht der sechs ukrainischen Maschinen abgestimmt? Über Thalheim zur Zeit keine Antonow in der Luft. Ein klarer, trockener Tag voller pausenlos rollender Lastkraftwagen.

Wunderbare Runde mit der Jüngsten im angenehmen Wald. Das Unterholz leuchtet sattgrün, nur ein paar Arten wie die Buchen deuten bereits im Wipfel die Herbstfarben an. Bienen und Wespen machen sich über die verblühende Digitalis (a.k.a. Fingerhut) und andere Spätblüher her. Über den Substack-Newsletter von Adam Tooze stoße ich auf die Filmdokumentation „The Consolations of History“ über Eric Hobsbawm. Der Historiker und Alt-Kommie nahm, um das Leid der frühen Industrialisierung zu belegen, die englischen Landstreicher der Frühen Neuzeit zum Vergleich – wir selbst werden bald schon das Leid der späten Industrialisierung miterleben können. In Frickhofen lange Schlangen, da das Arena Kebap Haus 8 zum Jubiläum das „Drehspießfleisch im Fladenbrot“ für 3 Euro anbietet. Das Automobil unserer Dorf-Vagantin hat wieder befüllte Reifen; ihr gelber Kugelgrill steht unten am Bach. Die fröhlich kackenden Jungtauben üben nun erste Flugbewegungen.

Der Sonntag beginnt schwülwarm und mit den Rufen der Tauben: „Ja, wir sind noch da!“ Sie üben nun den Sprung vom Ast auf das Dach und zurück; danach sitzen sie bei ihren Eltern und ruhen sich aus. Über ein altes Randonneur-Forum bekomme ich etwas Zubehör wie ein Paar superleichter Faltreifen verkauft, das ich sogleich verpacke. Dann Aussortierung von Büchern – die Kartons füllen sich nach und nach. Es ist gut, wenn man vorher eine thematische Struktur entwirft, weil man dadurch schneller Redundantes entdeckt – das Zeug, was sich so im Lauf der Jahre ansammelt, Geschenke etc. Herkömmliche Fahrradliteratur verticke ich leichten Herzens, weil das Thema für mich ausgelernt ist. Da interessieren mich inzwischen mehr die gut geschriebenen Texte als all die technisch-zeitgeschichtlichen Details, wer wann wo was gewann usw. Ich bin froh, dass ich mich von all dem trennen kann – die Zeit des Sammelns und Hortens ist vorüber. Vielleicht auch die der großen Touren – ich habe meine Welt erschlossen, wollte dem Gefühl des Radrennfahrers nahekommen und habe das in Grundzügen auch erreicht. (Hamburg–Berlin im Oktober ist das nächste avisierte Ziel.)

In der Familie große Nervosität, weil morgen die Ferien enden und alle wieder um sechs Uhr aufstehen müssen. Es beginnen neue Lebensabschnitte: Der Große zieht zum Semesterbeginn nach Aachen, der Teenie wird im Dezember volljährig und meine Kleinste kommt nun in die achte Klasse inklusive neuer Gruppendynamik – es bleibt für den Vater noch eine Menge zu tun. Abends Vorzeichen eines Gewitters, dann leider nur drei Regentropfen. Die Luft aber leicht – perfekt für die Nacht. Als ich mir noch schnell etwas Nachtisch vom Brombeerstrauch hole, höre ich den Igel rascheln.

Und auch der Montag beginnt sonnig und frisch. Beim Erwachen höre ich, wie das Rauschen der Straße in 700 Metern Entfernung im Gegensatz zu der Vorwoche stetiger und stärker wird. Da fällt mir ein, dass die Sommerferien vorbei sind – alle melden sich pünktlich zum Appell. Beim Trödler eine Debussy-CD mit Klavierstücken und ein DIN-Cinch-Adapter für alte deutsche Plattenspieler. Aus der Büchertelefonzelle Hanns Cibulkas „Ostseetagebücher“. Letzte Woche fand ich in einer anderen sein „Sonnenflecken über Pisa“, ein autobiografisch inspirierter Roman über einen Fernmeldesoldaten auf Sizilien vor der Landung der Alliierten. Präzise Beschreibungen der Personen und der Landschaft – der Krieg schärft die Sinne.

Die Papiertonne ist rappelvoll – und tonnenschwer! Prospekte, Fotos, Magazine (allein von dem der FAZ habe ich noch vierhundert …) Ein wunderschöner Sonnenuntergang, der vom Trio Orelon auf HR2 begleitet wird, das Grieg, Brahms und Röntgen-Maier spielt, als ich den Sohn vom 21:05-Uhr-Zug abhole. Es ist noch hell. Große Tage.

Die Hobsbawm-Doku: https://www.lrb.co.uk/podcasts-and-videos/videos/lrb-films-interviews/eric-hobsbawm-the-consolations-of-history
