Frank Schott, Leipzig

Ich habe momentan viel Zeit zum Nachdenken. Mit dem Nachdenken kommt das Grübeln. Und mit dem Grübeln kommen dunkle Gedanken und Leere. Anlass für meine Verzweiflung in dieser Woche ist das Unverständnis darüber, trotz einer passenden Qualifikation und gut gelaufener Vorstellungsgespräche von den Arbeitgebern wiederholt abgelehnt worden zu sein.

Wie so oft hellt ein Buch meine Stimmungslage auf. Erneut ist es Erich Fromms „Haben oder Sein“, in welchem ich prompt auf ein gutes Zitat stoße: „Bürokraten handeln aufgrund starrer Regeln, die auf statistischen Daten basieren, nicht in spontaner Reaktion auf die vor ihnen stehenden Personen. Sie entscheiden Sachfragen anhand der Fälle, die statistisch gesehen am häufigsten vorkommen, und nehmen dabei in Kauf, dass Minderheiten von fünf oder zehn Prozent Schaden erleiden. Der Bürokrat fürchtet die persönliche Verantwortung und sucht hinter seinen Vorschriften Zuflucht. Was ihm Sicherheit und Stolz gibt, ist seine Loyalität gegenüber den Gesetzen.“ Vielleicht sollte ich aufhören, mich im öffentlichen Dienst oder bei staatlich finanzierten Organisationen zu bewerben – trotz der dort gezahlten, für den Osten hohen Tariflöhne.

Neben dem Lesen hilft es, mich sportlich zu betätigen. Ich laufe durch den Park, morgens, wenn die Hitze noch nicht aufgestiegen ist, die Temperaturen mild und der Untergrund feucht und kühl ist. Außer gelegentlichen Joggern, Hundehaltern sowie Radfahrern, die zur Arbeit wollen, treffe ich kaum Menschen. Hier sind auch keine Pendler unterwegs. Die Pfade sind nicht asphaltiert, verlaufen nicht schnurgerade – einen Waldweg zu nehmen, wäre in den Augen vieler ineffizient und Zeitverschwendung.

Die Stadt ist eine einzige Baustelle. Bis zum Ferienende am 16. August soll möglichst viel abgearbeitet werden. Das Verlegen und die Wartung der Schienen laufen auf Hochtouren. An manchen Haltestellen sind so viele Linien gestrichen, umgeleitet oder auf Schienenersatzverkehr umgestellt worden, dass die Fahrgäste inzwischen einen Kompass benötigen, um sich zurechtzufinden.

Gleichzeitig werden die großen Plätze im Stadtzentrum zu Veranstaltungsräumen. Überall entstehen Bühnen, Getränkebuden und Sitzgelegenheiten. Der Wochenmarkt, der traditionell am Dienstag und Freitag vor dem Alten Rathaus stattfindet, muss umziehen. Die Händler versammeln sich nun um den defekten Springbrunnen vor der Oper. Die freie Wasserfläche in ihrer Mitte wirkt surreal; einige Kinder planschen mit den Füßen darin.

Unsere zwei Kater kommen inzwischen nur noch zum Schlafen oder Fressen ins Haus. Abends fällt es uns immer schwerer, sie zurückzulocken – draußen im Dunkeln gibt es noch so viel zu entdecken, dort ist ihr Jagdrevier. Vögel werden zurzeit aber nicht angeschleppt; der Nachwuchs hat das Nest wohl schon verlassen, vermute ich. Auch die Tributzahlungen in Form von Spitzmäusen haben abgenommen. Ich bin mir sicher, dass die beiden teilweise im Freien schlafen: auf warmen Terrassenböden, in schattigen Nischen oder auf kühlen Mauern. Die Katze reden zwar nicht mit uns, aber ich denke, sie sind wahrhaft glücklich.

