Helko Reschitzki, Moabit

Am Donnerstag treiben nach langer Zeit mal wieder Blüten und große Blätter in der Bucht. Die Mitschwimmer rätseln, was das soll. Ich äußere die starke Vermutung, dass das die Balinesin war, die ich einmal bei einer Blumenzeremonie im Wasser beobachtete und mit der ich mich irgendwann auch darüber unterhielt. Am Montag folgt die Bestätigung, als sie und ihr Mann sich zu mir auf die Bank setzen und ich nachfrage. „Als vor ein paar Tagen Vollmond war, habe ich hier ein Reinigungsritual vollzogen.“ Ich: „Am Mittwoch.“ Sie: „Ja.“ Dass da Vollmond war, weiß ich, weil an dem Tag viele Inder Guru Purnima begingen – ein traditionelles Fest am Vollmondtag (Purnima) des hinduistischen Monats Ashadha, der in diesem Jahr auf den 29. Juli unseres gregorianischen Kalenders fiel. An diesem Tag ehren Schüler ihre Gurus, die Verleiher des Wissens und Vertreiber der Dunkelheit (Gu = Dunkelheit/Unwissenheit, Ru = Vertreiber). Für mich ein schöner Anlass, meiner Yogalehrerin mit einem großen Glas Atemtee und der CD „Kirtan – Turiya Sings“ von Alice Coltrane Danke zu sagen, was sie überraschte und freute. Für die Musik wird sie sich einen CD-Player von ihrer WG-Mitbewohnerin borgen.

Und die Kids nutzen die letzten beiden Tage, an denen die moabiter Putlitzbrücke noch für den motorisierten Verkehr gesperrt ist, um uns mit Kreide mitzuteilen, was sie innerlich bewegt: „Trams – si, Autos no!“ und Palästina soll frei sein, ja, die ganze Welt. „Frieden“ steht da auf Kyrillisch und dann noch „Kde je moje pivo“, was Tschechisch ist und „Wo ist mein Bier“ heißt. Und ohne die CDU wär’s schöner, und Wahlkampftipps gibt es ebenso. Und auch das Wichtigste wird nicht vergessen: „V liebt V!“ – und man kann V nur wünschen, dass V auch V liebt. Am Samstag sind die beiden stillen Spielstraßenwochen dann vorbei, und die Autos rollen wieder.

Grund für die Sperrung waren Bauarbeiten für den neuen, am Ende 42 Meter hohen Schornstein des Heizkraftwerks – da das Gelände für den Kran wegen der Sicherheitsabstände zu eng war, musste die Straße mitgenutzt werden, um drei Kaminsegmente zu montieren.

Den Freitagmorgen, man muss schon sagen Vormittag, verklöne ich in meiner Schlachtenseebucht. Vor ein paar Wochen tauchte dort ein neuer Schwimmer auf. Der machte gleich einen netten, guten Witz auf meine Kosten, den ich ganz brauchbar parierte. Seitdem werfen wir uns immer ein paar Späßchen hin und her, wenn wir uns sehen. Neulich ergab es sich, dass wir länger und ernsthafter miteinander klönen konnten – dieses Gespräch setzten wir nun fort. Er ist Jahrgang 1962 und reißt gerade, nach dreißig Jahren, seine letzten Wochen bei einem der größten europäischen Fahrzeughersteller ab. Ein gebürtiger West-Berliner und immer dort geblieben; den See kannte er noch aus den Jahren vor dem Mauerfall als „vollkommen dreckigen Tümpel, in den man wirklich nicht reinsteigen wollte“; er hatte ihn im Prinzip vergessen. Bis ihn jüngst eine Kollegin dorthin mitnahm und er ganz überrascht vom sauberen Wasser war. Vom Filterkonzept, das das Tümpeldasein beendete, kommen wir auf weitere wissenschaftliche Themen. Es ist sofort klar, dass er ein Zahlenmensch ist. Weshalb er schon lange keinen Fernseher und kein Radio mehr besitzt, da dort haarsträubend falsch mit Werten herumgeworfen wird, die jeden beleidigen, der genau zuhört und ein Grundverständnis für Statistik, Mathematik und Sprache hat. Ich: „Dann war die Coronazeit auch für dich keine leichte, oder?“ Er: „Ach, hör auf! Da passte ja nun gar nichts zusammen mit den Werten.“ Er hatte seinen Weg, mit dem Wahnsinn umzugehen, ich schildere ihm den meinen. Mein Konzept, meine individuelle Ansteckungsgefahr selbst zu berechnen und in medizinischer Hinsicht auf die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Krankenhaushygiene zurückzugreifen, findet er smart. Als ich ihm erzähle, dass ich wegen einer Studie, die eine Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen erst ab 15 Minuten nachwies, immer nach zehn Minuten Fahrt den U-Bahn-Waggon wechselte, muss er lachen. Die hiesige Klimaberichterstattung amüsiert ihn wiederum so gar nicht, klar, auch da fliegt vieles an Messwerten, Modellierungen, Prognosen oder Szenarien durcheinander. Es folgen Geschichten über seine Besuche der Ostverwandtschaft im anderen Teil der zerschnittenen Stadt, ich bringe meine persönliche DDR-Sicht ein. Ein interessantes Gespräch mit sehr herzlicher Verabschiedung nach zweieinhalb Stunden.

Und gerade als ich mein klammes Handtuch an den Rucksack binde, um mich auf den Heimweg zu machen, ruft es vom Uferweg: „Huhu, ich bin’s – heute aber ohne Mann!“ Die alte Umweltschützerin – da bleib ich gern noch etwas länger. Ihr Mann ist gerade in einem Bildhauerkurs, „aber total untalentiert – ich hoffe, dass er sich nicht verletzt!“ Ich erfahre, dass sie selbst Künstlerin ist, und oute mich als Kollege. Von unserer kurzen Fachsimpelei über Bilder angeregt, erzählt die Dame in ihrem Schlepptau, eine Psychotherapeutin im Ruhestand, vom Zürcher Ressourcen-Modell – einer Sammlung von Fotokarten, die sie erfolgreich in der Arbeit eingesetzt hat, um das emotionale Erfahrungsgedächtnis der Patienten zu aktivieren. Ich frage, wie sie es einschätzen, dass nun nahezu jeder mit dem Smartphone täglich zig Bilder produziert; was das mit unserer Wahrnehmung, dem Unterbewusstsein, der Kunst und der Therapie machen wird. Sie haben dazu – wie ich – noch keine Meinung.

Im Eingangsbereich des S-Bahnhofs Nikolassee treffe ich dann auf zwei Zeugen Jehovas – ich nutze die seltene Gelegenheit und frage sie, ob die Grafiken im „Wachturm“ inzwischen von künstlicher Intelligenz generiert werden; ihre Gemeinschaft hätte ja quasi die KI-Bilderästhetik seit jeher verwendet. Leider wissen sie es nicht.

Am Samstag muss ich erst einmal warten, bis sich ein Gewitter verzogen hat, bevor ich an den See fahren kann. Schwimmen inmitten dicker Regentropfen, die Beeren sind frisch gewaschen.

Der Sonntag ist dann einer dieser wunderschönen Sommertage, an denen bereits am frühen Morgen die halbe Stadt fröhlich pfeifend in Richtung eines Badegewässers unterwegs ist – der Mann in meiner Bucht reißt im Namen von uns allen beim Reingehen ins Wasser seine Arme hoch und begrüßt die Sonne, die Luft und die Wolken.

Am Dienstag hält plötzlich auf freier Strecke die S-Bahn. Als der Fahrer durchsagt, dass sich die Weiterfahrt um ein paar Minuten verzögern wird, greifen die beiden Mädchen, die mir gegenüber sitzen, und ich synchron in unsere Rucksäcke, um jeweils ein Buch herauszuholen – die vielleicht Achtjährige den Donald-Duck-Band „Wettrennen zum Mars“, die etwas Ältere ein Fantasybuch aus der „Dreamslinger“-Reihe von Graci Kim und icke Boris Pilnjaks „Der Salzspeicher“ – ein witziger Moment. (Es wird immer noch gelesen!)

Am Schlachtensee zunächst Freude über unser Schildkrötometer, das verlässlich die heiße Temperatur und die Knallsonne anzeigt. Danach laufe ich dem Kieler und dessen rügener Freundin über den Weg. Die beiden fischen gerade mit einem langen Zweig nach etwas im Wasser. Ich frage, ob sie ihr Frühstück angeln würden – „Nein, da schwimmt irgendsoein seltsamer Schleim herum. Du kennst dich doch immer gut aus – weißt du, was das ist?“ Ich nehme den Stock: „Das ist eindeutig der Kot einer Moosqualle und stammt aus dem Weltall. Vorsichtig daran riechen ist in Ordnung, aber bitte nicht in den Mund nehmen.“ Mit meiner Expertise sind sie sehr zufrieden.
