Christoph Sanders, Thalheim

Frisch rasiert genieße ich den Sonntagstoast mit Sanddorn-Ingwer-Konfitüre. Hier leichte Luft, Friede, Ruhe. Im Aufwachradio höre ich vom Terroranschlag auf den CSD in Berlin. Einen treibenden Faktor für diese Gewalttaten sehe ich in einem Gefühl der Unzugehörigkeit. Danach ein sehr schöner Bericht über den deutsch-türkischen Extremläufer Savas Coban, der die Türkei umrundet und dabei in achtzig Tagen achtzig Ultramarathons absolviert hat. Am Ende der 5.000 Kilometer stellte er fest: Ich bin beides, Deutscher und Türke – ein Deutsch-Türke. Im Laufe des Tages windig, wolkig und dann regnerisch – sehr gut! Grandioses Finale der Tour de France auf der Champs-Élysées – der Ehrgeiz der Champions erzeugt immer wieder unvorhergesehene Aktionen. Im Süden Frankreichs nähern sich gewaltige Waldbrände Bordeaux. Die Vororte sind bereits in akuter Gefahr, kreisende Böen machen das Großfeuer unberechenbar. Die Autobahnen sind gesperrt, der Zugverkehr unterbrochen – der marokkanisch-lusitanisch-spanische Warenverkehr wird hunderte Kilometer umgeleitet; bald dürfte der Paprikapreis steigen. In der Region stehen riesige Kiefernwälder auf Sandböden. Vermutlich müssen die Forste künftig anders gepflanzt werden – mit großen Schneisen zum Beispiel. Die Erderwärmung als ein nichtlineares Kostenrisiko der Zukunft. Immer noch leicht müde von der gestrigen 130-km-Westerwaldtour. Früh zu Bett, kurze Lektüre, tiefer Schlaf.

Am Montagmorgen streift uns strichweise Niederschlag. Ich nutze eine der Schauerpausen, um Langholz, aus dem einst eine Schaukel gebaut werden sollte, zu zerkleinern. Die Motorsäge erledigt das in zehn Minuten – geschätzter Verbrauch: 100 Milliliter Zweitakt-Sprit nebst Kettenöl. Herrlich, unter Spanwolken aus Sperrmüll Brennholz zu machen, so etwas nebenher erledigen zu können. Im Radio zum Terroranschlag auf den CSD immerhin sehr klare Worte von Güner Balcı, der Neuköllner Integrationsbeauftragten – ansonsten muss das Thema Inlandsislamismus schnell unter den Teppich, bevor die in Sachsen-Anhalt etwas davon mitbekommen. Meldung von einem medialen Nebenschauplatz: Es gibt laut offiziellen Angaben pro Tag eintausend neue Ebolafälle in Kenia. Auch um zehn ist im Haus noch alles ruhig. Ich ordne ein paar Sachen, verklappe Langspielplatten und schwinge mich auf das Rad, um frische Nahrung zu besorgen.

Sonnig-wolkiger Abend. Ich stoße auf dreißig vergessene Fotofilme der Jahre 1995/96 aus meiner Berliner Zeit – die letzten Farben der DDR, dazu das Erdreich, die nächste Häutung der Stadt. Der Bereich um den neuen Hauptbahnhof gruselig, das Gebäude ebenfalls. 13×18 Zentimeter, gute Qualität – ich werde mehr Alben kaufen müssen.

Die Waldbrände im Département Gironde weiten sich aus. Mich macht wütend, dass die Feuerwehr am Boden allein gelassen wird – Frankreichs Maschinen stehen im Wartungsstau und die EU muss jahrelang auf Neubestellungen warten. Aus Frankfurt fliegen täglich hunderte High-Tech-Urlaubsflieger ab – eine vollkommen falsche Allokation von Ressourcen. Nachdem ich gesehen habe, wie die Frau, die mit ihrem Hund in einem Mitsubishi lebt, den REWE-Container durchwühlt, überlegt die Familie, was wir ihr ans Auto legen können – wir einigen uns auf Bananenbrot und Hundefutter.

Am Dienstag Familienausflug zur Rembrandt-Ausstellung in der Heritage Kassel. Zu meinem Glück hat sich mein Sohn den Rücken gezerrt, weshalb sein heutiges Sportprogramm ausfällt und er keine Ausrede mehr hat, um zuhause zu bleiben. Angenehme Fahrt, da noch keine Hitze. Die Sonderausstellung dunkel verhangen, ohne Tageslicht. Mehrheitlich Boomer füllten den länglichen Raum. An den Wänden Gemälde, Druckgrafiken, Werke der Werkstattmitarbeiter, ergänzend Bilder aus der Zeit. Beim Meister stupende Sicherheit und Improvisiertheit in der Ausführung. Er arbeitet ganz ohne Ideal oder Wunsch nach großer Schönheit. Es geht ihm um Wahrhaftigkeit im Ausdruck, Erzählung und psychologische Genauigkeit. Unglaublich, wie lebendig die Augen seiner Figuren sind. In den Radierungen gipfelt Rembrandts Könnerschaft. Meine Teenies halten knapp durch; der Kleinen wird flau, der Junge macht etwas Stress – nichts, was ein paar Kalorien im Schloßhof nicht wieder ins Lot bringen. Auf der Rückfahrt Döner-Pause in Marburg. Statt Rollatoren auffallend viel Jugend auf der Straße plus volle Gasthäuser – wo ist die Krise? Aus der örtlichen Bücherverschenktelefonzelle nehme ich „Im Banne Ernst Haeckels“ sowie Xenophons „Anabasis“ (zweisprachig) mit.

Am Mittwoch wieder den Berg rauf für Einkäufe: Rossmann und Lidl. Die Kassiererin wusste, warum fünf Bananen billiger als ein halber Liter deutsches Bier sind. Der Bücherfang „Im Banne Ernst Haeckels. Jena um die Jahrhundertwende.“ sehr gut! Der Zoologe Haeckel (1834–1919), der Darwins Evolutionstheorie im deutschsprachigen Raum populär machte und Begriffe wie „Ökologie“ prägte, löste in den 1890er Jahren eine enorme Wissenschaftsbegeisterung aus. Dank bahnbrechender neuer Erkenntnisse der Geologie (Autor Johannes Walther war Geologe und ebenso wie Heackel in Jena tätig) gelang es ihm, Stammbäume der Evolution zu zeichnen, durch die man plötzlich verstand, dass die Erde in Schichten aufgebaut ist, die von den vergangenen Epochen und ihren erdgeschichtlichen Katastrophen zeugen. Man begriff, dass Kalkablagerungen einstige Meeresböden sind, die sich über Jahrmillionen hinweg gebildet hatten. Die größte Herausforderung der Wissenschaftler bestand darin, zu vermitteln, dass die Erde nicht in sieben Tagen um das Jahr 4000 v. Chr. erschaffen wurde – ein Datum, das Theologen als Schöpfungsbeginn errechnet hatten. Das brachte alte religiöse Wertmuster zum Implodieren. Doch Haeckels biologisches Weltbild barg auch Abgründe: Mit dem „Biogenetischen Grundgesetz“ behauptete er, dass das ungeborene Kind im Mutterleib noch einmal die gesamte Evolution im Schnelldurchlauf wiederholt (z.B., dass der menschliche Embryo zeitweise Kiemenspalten wie ein Fisch hat). Er verstand die Evolution als eine Leiter, bei der sich das Leben von niederen, primitiven Formen zu höheren Stufen emporarbeitet. Das übertrug er fatalerweise auf Humangesellschaften, indem er manchen Völkern und Individuen unterstellte, auf einer früheren, niedrigeren Entwicklungsstufe stehengeblieben zu sein. Haeckels sozialdarwinistischen Theorien ebneten später u.a. den Weg für die Eugeniker der Nazis, die diese vermeintlich minderwertigen Stufen durch „gezielte Auslese“ zu verhindern oder zu vernichten suchten. Interessant sind seine Berührungspunkte mit Reformeinrichtungen wie Monte Verita – es sind die Jahre vor 1914, welche die Moderne begründen, selbst wenn die Ästhetik dieser Epoche noch statisch und rückwärtsgewandt ist. Schnelle Dusche, Salat und Hefeweizen.

Am Donnerstag heißer Wind und sehr gewittrig. Die Wolkenbänke jedoch nordwestlich, wir werden nur gestreift, die Luftmassengrenze liegt höher im Norden. Schöne Radrunde mit warmen Brombeeren am Bahndamm. Sortierung des Sperrmülls, der morgen abgeholt wird. Kaum ein Teil darunter, das nicht irgendwem noch hätte dienen können , aber auch durch das Reinstellen bei Kleinanzeigen.de ließ sich dieses Problem nicht lösen. (Wozu bewahre ich eigentlich noch eine zweite Brotschneidemaschine auf? Vermutlich, weil ich Kinder habe …) Am kommenden Samstag startet das große Turnier zum einhundertjährigen Bestehen des Reitvereins Niederzeuzheim in der Nachbargemeinde Hadamar – die ersten Teilnehmer treffen ein.

Savas Coban: https://www.deutschlandfunk.de/denk-ich-an-deutschland-der-extremsportler-und-autor-savas-coban-100.html
Rembrandt-Ausstellung: https://www.heritage-kassel.de/besuch/ausstellungen/rembrandt-1632-entstehung-einer-marke
