Helko Reschitzki, Moabit

Durch den Corona-Shutdown im März 2020 veränderte sich von einem Tag auf den anderen auch das Leben der berliner Wildtiere. Mit den menschenleeren Touristenplätzen und den geschlossenen Imbissen brach für viele von ihnen die Nahrungsgrundlage aus Essensresten weg. Während die standorttreuen Tauben verharrten und hungerten, reagierten mobilere Arten wie Füchse, Ratten und Krähen umgehend und verlagerten ihre Reviere in die Wohngebiete und Außenbezirke, wo durch das Homeoffice wesentlich mehr Haushaltsmüll mit organischen Abfällen anfiel als sonst. Da die Berliner, um einem Wohnungskoller zu entgehen, die städtischen Parks und Wäldchen tagsüber intensiv nutzten, passten sich die Tiere auch hier an, sodass sie zwar in der Nähe der Häuser blieben, ihre Streifzüge aber in die ruhigeren Nachtstunden legten. So wie sich damals die meisten sofort auf die neue Situation einstellten, nutzen momentan ein paar moabiter Kids die Gunst der Stunde und machen die für den Fahrzeugverkehr gesperrte Putlitzbrücke zur temporären Spielstraße. Von mir aus könnte das immer so bleiben.

Am Freitagmorgen begutachte ich am nördlichen Schlachtenseeufer die Folgen der heftigen Schauer vom Vortag. An den steilen Hängen des eiszeitlichen Schmelzwassertals hat der Niederschlag in den Rinnen, die sich dort bei Starkregen – in ihrer Ortstreue den Tauben gleich – immer an denselben Stellen bilden, seinen Weg nach unten gefunden. Dabei haben sich dieses Mal aber nur wenig Erde, Geröll und Pflanzenteile gelöst, sodass der Seegrund lediglich an ein paar Stellen in unmittelbarer Ufernähe muttererdig dunkel geworden ist.

Am Samstag gegen sieben in der locker besetzten U9: Circa 90 Prozent meiner Mitreisenden dürften Billiglöhner auf dem Weg zur Arbeit und davon wiederum 90 Prozent Migranten sein. Drei gerade eingestiegene und offensichtlich miteinander bekannte, über den Waggon verteilte Ex-Balkanbewohner grüßen einander kurz und durchaus herzlich mit kleinen, persönlichen Gesten, bleiben aber jeder für sich sitzen, schieben Mini-Kopfhörer ins Ohr und schließen die Augen. So verlängern sie ihre Privatzeit – die vor ihnen liegende gemeinsame Schicht ist noch lang genug, um alles Neue oder auch Alte haarklein zu besprechen. Da ich am Vormittag verabredet bin und auf die Uhr achten muss, bade ich heute wieder einmal in der Nähe der S-Bahnstation Schlachtensee am Südufer. Unter einem wolkenlosen, penatencremedosenblauen Himmel macht eine Frau auf einem Stand-up-Paddle-Brett Gymnastikübungen, allerdings ohne Paddel. Ich hoffe, dass meine Yogalehrerin so etwas nie zu sehen bekommt und dadurch auf dumme Gedanken gebracht wird. Zwei ältere Herren schwimmen vorbei. Der eine sagt: „Wenig los hier. Sind wohl alle im Urlaub. Ich hab gestern sogar gleich einen Termin bei meiner Lieblingsfriseurin bekommen, Snježana aus Kroatien.“ Der andere dreht sich auf den Rücken und schnauft.

Am Sonntagmorgen dann die Horror-Meldung vom Terroranschlag auf den Christopher Street Day: In der Nacht soll ein Mann nahe des Feiergeländes im Großen Tiergarten mit einem Kleintransporter gezielt in eine Menschenmenge gefahren sein – eine Frau wurde getötet, fast dreißig Menschen erlitten teils schwere Verletzungen. Der Täter ist flüchtig. Es gibt Gerüchte um einen Komplizen und um Messer- und Machetenangriffe nach dem Fahrzeuganschlag. Der Himmel über Berlin kommt mir so unwirklich vor wie diese Nachricht.

In der S-Bahn und auf meinem Umsteigebahnhof ist viel DB-Security zu sehen, aber keine Polizisten oder andere Einsatzkräfte – jedenfalls nicht in Uniform. Ansonsten scheint alles wie immer. Unter der Buchtbank gesellt sich zum ersten ein weiterer neuer Sperling.

Auf dem Rückweg esse ich ein paar Brombeeren und stoße auf die nächsten frisch umgestürzten Bäume: Im Wäldchen an den Gleisen der S-Bahn und der Wetzlarer Bahn liegt eine Birke, und auf dem Rehwiesenhang eine Esche – letztere ist mit Flatterband abgesperrt.

Am Nachmittag bin ich mit einem Freund auf der Weddinger Hanne-Sobek-Sportanlage verabredet – sein Sohn, der nun in die erste Mannschaft von Blau-Weiß Hohen Neuendorf aufgerückt ist, hat dort ein Testspiel gegen die höherklassigen Moabiter vom BAK 07, die körperlich überlegen sind und 2:0 gewinnen. Wir unterhalten uns im strömenden Regen über die Fußball-Weltmeisterschaft, die Spaltung der Gesellschaft, den CSD-Anschlag, Fitnessideen für ältere Herren, Hans Falladas Schreiboutput während seiner Morphiumsucht, den Tod meines Vaters und natürlich das Geschehen auf dem Rasen.

Nach der Rückkehr vom See sind in Moabit und später auch in Wedding latent Hubschraubergeräusche zu hören – am Morgen wurde eine Personenfahndung nach dem Attentäter herausgegeben. Bei den nach und nach hereintröpfelnden Details seines Lebenslaufs kommen bei mir sofort wieder Erinnerungen an den Massenmörder vom Breitscheidplatz hoch. Der plante seine Tat nur ein paar hundert Meter von unserem Haus entfernt im Moschee-Verein „Fussilet 33“. Damals fluteten Reporter den Kiez und wollten uns Anwohnern mit manipulativen Fragen Aussagen entlocken, die die Asylpolitik von Kanzlerin Merkel kritisieren. Im Gespräch mit einem belgischen Journalisten ging ich darauf gar nicht erst ein, sondern sagte, dass der flüchtige Täter bestimmt im Zuge einer möglichen Festnahme umkommen wird. Genauso passierte es dann auch. Das gleiche Schicksal ereilt nun den Attentäter vom CSD – am Abend vermelden die Agenturen, dass dieser laut Polizeiangaben gegen 18:00 Uhr in einer Gartenkolonie in Spandau mit einem Messer auf die Beamten des SEK zugelaufen sei und daraufhin von diesen niedergeschossen wurde; trotz Reanimationsversuchen verstarb er vor Ort. Wie beim Mörder vom Breitscheidplatz habe ich jetzt eine Menge Fragen.

Die Nacht hindurch Regen und eine Stunde nach Sonnenaufgang ein weiteres fantastisches Himmelsbild. Beim Gang über die immer noch für den motorisierten Verkehr gesperrte Putlitzbrücke komme ich mir einmal mehr wie die Haupthelden in „I Am Legend“ und „28 Days Later“ vor. Am See eine nette Begegnung mit einem älteren Pärchen, das sich zu mir auf die Buchtbank gesellt, um dort zu frühstücken. Sie haben Klappstullen, Kaffee und Obst dabei. Mir werden Kirschen angeboten – ich nehme sie an. Dann gehe ich in die Brammeln und bekomme einen Schrecken – dort, wo ich bislang allein Hand um Hand pflücken konnte, ist auf einmal der Endgegner vor Ort: Ein Ostasiate, der so alt ist, dass man ihm nicht mehr das Geschlecht ansieht – würde sie/er mir erzählen, dass sie/er 1957 in Kurosawas „Das Schloss im Spinnwebwald“ als Vierzigjährige(r) den Waldgeist gespielt hat, würde ich das sofort glauben. Die Ausstattung meines Mitpflückers besteht aus einem Stock zum Dornenzweig-Wegbiegen und einem Stoffsäckchen für die Früchte – höchstwahrscheinlich Erbstücke einer jahrtausendealten Dynastie von Brombeersammlern.

Wie jeden Morgen überfliege ich im S-Bahnhof Nikolassee am Zeitungsständer die Schlagzeilen. Hinter mir sagt eine leise Stimme: „Er ist tot.“ Es ist klar, dass damit der Attentäter gemeint ist. Ich drehe mich um. An der Wand lehnt ein vielleicht Achtzehnjähriger und raucht. Daraus entspinnt sich seine Zigarette lang ein angenehm differenziertes und besonnenes Gespräch über den Terroranschlag, die ritualhaften Trauerfloskeln und markigen Ankündigungen der Politik, und unser Bedauern, dass der Täter nicht lebend gefasst wurde und verhört werden kann. Das „Soll dich der Teufel holen!“ des Berliner Kuriers spricht uns wie vielen trotzdem aus der Seele.

Zurück in meiner Wohnung Irritation, weil der Wasserkocher nicht geht. Kurzer Check: Nichts geht, weder Lampen noch Steckdosen. Die Sicherungsschalter alle dort, wo sie sein sollen. Vielleicht wurde wegen der Balkonarbeiten der Strom abgestellt und ich habe es nicht mitbekommen? Ich will gerade runter zum Hausgemeinschafts-Aushang, um nachzusehen, da höre ich auch schon die aufgeregten Stimmen einiger meiner Nachbarn, die auch keinen Strom haben – angekündigt war da nichts. Unser Hausmeister wird benachrichtigt. Er kommt innerhalb einer halben Stunde. Im Schlepptau hat er einen TV- und Telefonmechaniker, der ebenso angerufen wurde – zwei berliner Handwerker, der eine in einer roten Latzhose, aus deren Brusttasche ein Spannungsprüfer schaut. Ich bin sofort beruhigt. Die beiden machen sich gemeinsam auf Ursachensuche. Ich bekomme von den anderen weitere Details. Dabei stellt sich heraus, dass nicht alle Wohnungen betroffen sind; ein logisches Muster ist aber nicht zu erkennen. Trotzdem bringt mich das auf die Idee, einmal eine der Steckdosen im Hausaufgang zu testen, in die die Reinemachefrau immer den Staubsauger einstöpselt – sie funktioniert. Ich lege meiner Nachbarin und mir eine Verteilerdose hin, wodurch wir das Abtauen unserer Kühlschränke verhindern können. Da ich der improvisierten Stromversorgung nicht ganz traue, bereite ich mir aus den am leichtesten verderblichen Lebensmitteln einen Salat (dass ich dafür auch rohe Champignons verwerte, soll sich Stunden später grummelnd rächen). Da ich es hasse, in der Wohnung zu hocken und
auf etwas zu warten, von dem ich nicht weiß, wann es eintrifft, fahre ich in den Wedding. Dort kaufe ich Randy Newmans „Land of Dreams“ als Gebraucht-CD – das Album hatte ich vor Ewigkeiten als Kassette; keine Ahnung, wo die abgeblieben ist. Ich sehe mir in der Kommunalen Galerie die herausragende Ausstellung „Die gesiezte Tochter. My Total Deconstruction of an Armenian Family“ mit Collagen und Texten von Beatrice Moumdjian an – düstere und helle Familiengeschichten, erzählt anhand von Detailschnipseln aus Fotos. So wird aus dem spontanen Zeitüberbrücken ein lohnender Ausflug.

In unserem Haus sind inzwischen Mitarbeiter des Stromversorgers und die Hausverwalterin eingetroffen. Es hat sich noch nichts getan. Warmes Wasser haben wir jetzt auch nicht mehr. Man hilft einander und lädt Smartphones auf; einem Nachbarn aus dem Vorderhaus konnten sogar die Aquarienfische gerettet werden. Nun muss ich doch warten – zum Glück mit Tee, ganz wie in der Redensart. Gegen 18 Uhr, nach gut neun Stunden, haben wir wieder Strom! Große Erleichterung. Trotzdem traue ich mich nicht, die Waschmaschine anzustellen. Lieber noch die Nacht abwarten – sicher ist sicher.

Am Dienstagmorgen weiterhin Strom. Aber viel zu früh für die Waschmaschine – Frühstück, Waschen, auf zum See. Die Sonne knallt ihr Licht über die Quitzowstraße, dass man meinen könnte, Lesser Ury hätte seine Gleißfarben über den Asphalt geschüttet. In der Bucht neben dem Sperlingszuwachs noch ein neuer Gefährte: Wie bereits am Sonntag kommt eine Ratte aus dem Schilf. Die will an die Reste der Haferflocken, die mehrere Mitschwimmer den Rallen hinstreuen. Sie traut mir nicht. Flitzt zum Fressen, schlingt, flitzt zurück. Immer wieder. Beobachtet mich, reagiert auf die minimalste Bewegung mit Flucht. Gut so. Bloß nicht an Menschen gewöhnen.

Just als ich mich auf den Rückweg will, kommt der alte Kunsthändler in die Bucht. Wir klönen uns fest. Er berichtet, dass er gerade dabei ist, sein letztes Kellerdepot versteigern zu lassen – „im Prinzip zu verschenken – keiner kauft mehr Barocktischchen“. Für ihn war der Knackpunkt, als die Billigwelt der Pressspanmöbel begann und die Leute ihren Kaffee lieber draußen hastig im Gehen statt zu Hause zu trinken: „Der Alltagsgenuss ist abhanden gekommen.“ Wir reden über unsere sich rasant ändernde Welt – was die Bilderflut für einen bildenden Künstler bedeutet, was das Dauernachrichtengeballer mit Gesellschaften macht. (Er und ich nutzen das Phone nur dosiert.) Ganz unvermittelt fragt er, was ich von der AfD halte – meine etwas ausholende, kleinteilige Antwort stellt ihn zufrieden. Er stupst mich an, macht mich auf die Ratte aufmerksam. Wir schauen ihr ein wenig zu. Er, Jahrgang 1942, erzählt von seiner Kindheit in Berlin und wie sie den amerikanischen Alliierten, „die dort oben im Wald hockten“, immer Draht geklaut hätten. Ich ergänze Storys aus der sowjetischen Garnisonsstadt, in der ich aufwuchs. Er fragt, ob ich froh bin, dass die Mauer gefallen ist. Ich sage, dass das der schönste Moment meines Lebens war und ich mich bis heute freue, dass ich einfach so durchs Brandenburger Tor gehen kann: „Wir Deutschen sollten mit diesem Ossi-Wessi-Scheiß aufhören und lieber glücklich sein, dass wir wieder ein Land sind.“ Er ist sichtlich angetan von meiner Antwort – alte West-Berliner haben auf das Thema eine andere Sicht als viele Westdeutsche. Wir verabschieden uns mit Handschlag.

Im Vorderhof läuft mir der Hausmeister über den Weg. Ich bedanke mich dafür, dass er und die anderen so schnell für Strom sorgten. Er sagt, dass das doch selbstverständlich sei. Ich antworte, dass es das nicht ist. Ursache für das alles war „eine hundertzwanzig Jahre alte Sicherung in einem der uralten Verteilerkästen“. Wir kommen auf den Terroranschlag am Jahresanfang zu sprechen, durch den zigtausende südberliner Haushalte und tausende Betriebe tagelang ohne Strom waren. Dagegen hatten wir ja Glück. Als mir meine Nachbarin die Verteilerdose zurückgibt, sage ich ihr genau das – sie ist ganz irritiert und immer noch grummelig darüber, „dass das alles so lange gedauert hat“. Völlig unterschiedliche Wahrnehmungen.

