Gregor Dill, Moabit
Letzte Woche habe ich mit einem Freund, der in der Nähe wohnt, eine nachbarschaftliche Laufgruppe gestartet. Wir haben beide Spaß am Laufen und ein ähnliches Tempo.
Sicherlich, das zeigt mir seine Statur, bin ich konditionell etwas im Nachteil. Das will ich ändern.

Alle Interessierten wollen sich ab sofort, so ist jedenfalls der Plan, jeden Mittwoch um 6:15 Uhr am „Platz der Nachbarschaft“ treffen – also rein in die Schuhe und ein paar Meter die Straße hoch. Dort stelle ich fest, dass ich heute der Einzige bin, der Lust und Zeit gefunden hat, die müden Knochen zu bewegen.

Allein und doch in die Umgebung gebettet, laufe ich los. Die Wolken sehen traumhaft aus: Teils groß und teils dunkel, teils satt und teils zart lassen sie die ersten Sonnenstrahlen durchblicken. Vorbei an Baustellen und morgendlichem Streben komme ich immer wieder an Wasserflächen entlang, die das schöne Wolkenbild spiegeln und wie durch einen Weichzeichner harmonischer erscheinen lassen. Nur ganz kleine, unaufgeregte Wellen, verursacht durch langsam wach werdende Fische oder Enten, leichte Strömungen oder durch sanfte Brisen, formen die Bewegungen. Sie prallen leise an den Ufern und Kaimauern ab, um schließlich weich in einer Woge auszulaufen.

Ich genieße meine Runde, bleibe hier und da stehen. Immer wieder ziehen agilere Läufer vorbei. Vielleicht verfolgen sie ambitionierte Ziele oder haben etwas weniger Zeit und können es sich nicht erlauben innezuhalten. Ab und an komme ich aber doch an jemandem vorbei, der wie ich ein Foto macht und so die Schönheit des Moments festhält. Wir tauschen einen Blick und wissen, was der andere sieht und schätzt.

Zum Ende hin werden meine Kreise enger. Ich passiere eine Infotafel an einem Schwarzen Maulbeerbaum. Entlang des Laufwegs kenne ich bereits zwei Anpflanzungen, bei denen es sich allerdings um weiße Exemplare handelt. Deren Früchte werden gerade reif. In diesem Jahr hängen die Zweige unglaublich voll – mein Sohn und ich naschen unheimlich gerne davon. Daher freut es mich, nun auch einen der schwarzen Verwandten zu entdecken – und dazu noch wertvolle Informationen zu bekommen, zum Beispiel die, dass Maulbeerblätter die exklusive Speise von Seidenspinnerraupen sind.

Raupen sind in Berlin derzeit ohnehin ein Thema – allerdings die des Eichenprozessionsspinners. Für die einen sind diese wegen ihrer Härchen, die Hautreizungen und Atemwegsbeschwerden auslösen können, das gefährlichste Tier überhaupt, für andere lediglich der Anlass, sich für kurze Zeit zu beherrschen und nicht wie gewohnt jede Eiche zu umarmen und zu herzen. Das weit verbreitete Wissen, dass auf die Raupen ungiftige Falter folgen, ist trügerisch, da sich die Brennhaare noch bis zu zwei Jahre in den verlassenen Nestern halten können. Das Nesselgift verursacht bei vielen Menschen Beschwerden wie Juckreiz und Ausschlag, schwere Reaktionen sind hingegen selten. Die betroffene Berliner Bezirke setzen gegen die Eichenprozessionsspinnerlarven das Bakterium Foray ES ein. Ich denke jedoch, dass so ein massiver biologischer Eingriff nie gut ausgeht, da er Einfluss auf unser Mikrobiom hat, die Artenvielfalt bedroht und den Naturkreislauf stört. Hier ist Achtsamkeit gefragt.

Darüber nachdenkend laufe ich in die Schrebergartenanlage am Geschichtspark des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit. In direkter Konkurrenz zu ihrem menschengemachten Pendant, dem Stacheldrahtzaun, zeigen die dortigen Rosen sowohl ihre sanfte als auch ihre dornige Seite. Allerdings duften die Blumen wesentlich besser als der Zaun, welcher, wenn ich es genau nehme, eigentlich gar nicht riecht – zumindest nicht aus meiner Entfernung. Ich widme meine Aufmerksamkeit sowieso lieber dem Lebendigen und Bunten ringsum und ich erfreue mich an Äpfeln, Erbsen und Himbeeren.

Die letzten Meter sind geschafft. 7:10 Uhr – und ich fühle mich gut.

Guten Morgen, liebe Familie. Der Tag hat begonnen.

https://www.umweltbundesamt.de/eichenprozessionsspinner
https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/schmetterlinge/nachtfalter/28380.html
