Frank Schott, Leipzig

Wer bringt der Katze das Jagen bei? Offenbar niemand. Unser getigerter Kater, der mit seinem schwarzweißen Bruder schon als Jungtier im Alter von wenigen Wochen zu uns kam, weiß von alleine, was zu tun ist. Während die Familie am Samstag gemeinsam den Eurovision Song Contest schaut, schleicht er sich mit einer Maus zwischen den Zähnen ins Haus. Großes Geschrei. Er wollte sich mit ihr zum Spielen ins Bad zurückziehen, aber mein Transsohn fegt hinterher, rettet die verschreckte Maus und setzt sie wieder aus.

Als ich im Montagmorgen von einem Spaziergang zurückkehre, herrscht erneut Aufregung. Dieses Mal hat der Kater einen jungen Spatzen mitgebracht. Auch dieser verängstigte Vogel lebt noch und wird gerettet. Da er verletzt ist, ruft meine Frau eine Bekannte an, die Vogelsitterin ist – sie päppelt verletzte Vögel auf, meist Opfer von Katzen oder Krähen, und entlässt sie nach der Genesung wieder in die Freiheit. Der Kater blickt mich enttäuscht an – des einen Glück ist des anderen Leid.

Ich war der Meinung, dass meine trübe Stimmung auf das Wetter zurückzuführen sei, doch heute liegt sie definitiv nicht daran: Zwar ist der Morgen noch kühl, doch der Tag verspricht warm und sonnig zu werden. Radfahrer auf dem Weg zur Arbeit brausen an mir vorbei – Berufsverkehr im Park. Gelegentlich huschen aus den Seitenwegen wie Hasen auf der Flucht Jogger über meinen Pfad. Der Boden ist feucht und schlammig; es finden sich immer noch Pfützen, obwohl es zuletzt an Christi Himmelfahrt geregnet hat. Der verblühende Bärlauch verströmt seinen scharfen, zwiebeligen Geruch.

Es ist schwer, im Park zur Ruhe zu kommen. Von überall her dröhnt und brummt es: Die Leute von der Stadtreinigung sammeln aus den Mülltonnen und Papierkörben den Partydreck vom Wochenende ein. Begleitet vom nervigen Gebrüll eines Rasentraktors schwärmen die Gartenbauer des Grünenflächenamts aus, um Beete herzurichten. Am Springbrunnen wird gebaggert und gesaugt – der umliegende Teich soll entschlammt und neu befestigt werden. Auch dieses Bauprojekt wird länger dauern als geplant. Ob hier ebenfalls der Winter als Ausrede herhalten muss wie bei den verzögerten Arbeiten auf der Bahnstrecke Berlin-Hamburg?

Ich denke an Politik, obwohl ich nicht an Politik denken möchte. Der ehemalige Gesundheitsminister Lauterbach ist noch immer nicht aus dem Panikmodus heraus. Laut aktuellen Zeitungsberichten fordern er und andere mutmaßliche Experten die WHO auf, nach dem Vorbild der Corona-Jahre den Klimanotstand auszurufen – im letzten Jahr seien in Europa 63.000 Klimatote zu verzeichnen gewesen, man müsse dringend handeln.

Die Zahl der 63.000 Toten geht mir nicht aus dem Kopf. Sind diese Menschen an oder mit Klima verstorben? Wird es jetzt tägliche Klima-Bulletins vom RKI geben? Hilft die FFP2-Maske auch gegen Klimawandel? Müssen Intensivbetten bevorratet werden? Doch vor allem würde ich gerne wissen, wie man diese Zahl ermittelt haben will – hatten die Verstorbenen Klimamarker im Blut?

Momentan verspüre ich aber nicht nur Wut auf die Dummschwätzer und Demagogen, sondern auch auf mich selbst: Ich fühle mich unvollständig. Seit acht Monaten schreibe ich Bewerbungen (ja, ich weiß, meine Ärztin will, dass ich während der Krankschreibung davon absehe), denn es muss beruflich ja irgendwie weitergehen. Aber niemand hat Interesse. Ich bekomme lediglich blumige, höchst verständnisheischende Absagen. Vielleicht sollte ich die Firmen wegen Altersdiskriminierung verklagen?

Am Himmelfahrtstag hatte ich ebenfalls mit meinen inneren Dämonen zu kämpfen. Die Situation begann harmlos: Ich koche für die Familie das Mittagessen, als mein Transkind beim Basteln ausrastet. Es fertigt individuelle Masken für Cosplayer, Menschen, die sich gerne verkleiden. Mit der Klebepistole passiert ein Missgeschick, die Maske geht beim Versuch, sie zu retten, kaputt. Das Kind schreit seine Wut und Verzweiflung raus.
Mein Gehirn schaltet in den Alarmmodus und lässt mich sarkastisch antworten: „Und da hilft es wohl, wenn Du die Eltern anschreist?“ Nun explodiert mein Kind erst richtig. Schon als ich es sage, weiß ich, dass ich alles falsch gemacht habe. Als hätte ich in den zwölf Therapiewochen in der Anstalt überhaupt nichts gelernt. Mein Versuch, um Entschuldigung zu bitten, wird brüsk abgewiesen.
Ich mache das, was ich immer in solchen Situationen tue: Ich laufe weg. Halt, das klingt vielleicht etwas hart. In der Anstalt habe ich es so formuliert: „Ich gehe aus der Situation, indem ich das Haus verlasse und einen Spaziergang mache, so dass alle sich beruhigen können.“ Aber eigentlich ist das Quatsch – ich laufe weg, weil ich Angst habe, die Kontrolle zu verlieren.

Ich gehe und gehe und gehe. An mir ziehen die unvermeidlichen Jogger und Wanderer, angetrunkene Männertagsgruppen und Familien beim Fahrradausflug vorbei. Ich schreite wütend aus. Meine Marschgeschwindigkeit liegt bei gut 6 km/h – ich will Kilometer schrubben. Ich gehe den Fluss entlang, komme am Stadion vorbei, an der Kläranlage vorbei, an den Kleingärten und Sportplätzen vorbei, am Auensee vorbei, an der Auenwaldstation vorbei. Ich gehe und gehe und gehe. Wenn ich jetzt stehenbliebe, würde ich mich vermutlich voller Selbsthass in einem Biergarten zuschütten. Ich erreiche Lützschena mit seinem Schloss – und kann nicht einmal hier innehalten. Ich gehe einfach immer weiter.

Mittlerweile hat die Familie angerufen, auch mein Kind, es sei alles wieder gut. Ich solle zurückkommen. Also gehe ich nicht die 15 Kilometer weiter bis nach Halle, sondern in Schkeuditz nach 6 Kilometern zum Bahnhof. Ausnahmsweise ist die Bahn pünktlich – ich verpasse sie um zwei Minuten. Die nächste fährt erst eine halbe Stunde später. In Leipzig holt mich meine Frau vom Bahnhof ab. Das schöne Wetter ist vorbei, es beginnt heftig zu regnen. Daheim bitten mein Kind und ich einander um Entschuldigung.

Was bleibt von dem langen Wochenende noch in Erinnerung? Die blühenden Kastanien, manche rosafarben, manche weiß. Auch der Rhododendron steht prächtig in der Blüte. So viel Farbe! Man muss nur hingucken. Vielleicht geht ein Teil dieser Leuchtkraft ja auf mich über und erhellt mein Gemüt.

Ehefrau und Transsohn geben mir Bescheid, dass sie jetzt mit dem Spatzen zum Tierarzt gehen werden, und danach zur Vogelsitterin.
Warum bleibe ich so teilnahmslos?

WHO-Pressemitteilung: www.who.int/europe/de/news/item/17-05-2026-climate-change-is-a-health-crisis—and-fixing-it-is-a-health-opportunity
Handlungsempfehlungen der Gruppe um Lauterbach: https://www.who.int/europe/publications/m/item/pan-european-commission-on-climate-and-health–call-to-action—progress-measures-dashboard
