Christoph Sanders, Thalheim
Ein kühler, stürmischer Dientag. Wieder einstellige Temperaturen. Umso stärker leuchtet das Grün. Morgens chaotische Schulkinder. Der Sohn kommt enttäuscht vom Zahnarzt zurück – er war acht Minuten zu spät da und sein Termin schon gelöscht. Böse Stimmen behaupten, das kommt daher, dass er im Freiwilligen Sozialen Jahr nicht mehr privat versichert ist. Vormittags zum Auto-Service AZBA, abends müde zu Bett. Am Mittwoch während der Musikstunde ein Rundgang durch Limburgs Nordende. Zwischen den Zubringern eine Enklave aus Vertriebenensiedlung und Neuem Wohnen, angrenzend die letzte, etwa zweihundert Meter lange Platanenallee der Stadt – über achtzig gesunde, huntdertjährige Bäume wurden dort in diesem Jahrtausend gefällt. Wenn Anwohner keine Eigentümer sind, geht das wohl leichter. Kauf eines Fladenbrots auf dem Bereket-Markt und ausgiebige Betrachtung eines Eldorado. Ansonsten bereiten sich alle auf den Feier- sowie den Brückentag vor. Faule Deutsche.

Der Himmelfahrtstag beginnt in absoluter Ruhe – um 8:30 Uhr bin ich immer noch der Einzige, der wach ist im Haus. Ich gönne allen die deep recovery. 8 Grad, windig und graublau. Im Deutschlandfunk ein gutes Interview mit der Historikerin Marie-Janine Calic über den Balkan – ein politisches Trümmerfeld in dem es gärt. Die EU nimmt keiner mehr ernst – China, Russland und die USA beginnen das Vakuum zu füllen. Die Vorwürfe an die jeweiligen Regierungen erinnern an afrikanische und zentralasiatische Staaten: Nepotismus, Korruption und Nationalismus … eigentlich das alte Clan-Denken. In Deutschland hat man dreihundert Jahre gebraucht, um sich 1870 halbwegs davon zu lösen. (Und unsere Religionskriege waren auch nicht ohne!) Eigenartig ist, dass Demokratie immer noch als ein selbtverständlicher Mechanismus propagiert wird. Längere sonnige Abschnitte mit gewaltigen Himmelsgebilden. Im Feiertagsmodus.

Am Freitag weiterhin frisch, grau und windig. Im Gegensatz zu mir sitzt die Päonie immer noch in den Startlöchern. Ich richte für meine kleine Reiterin ein Rad aus dem Armenkaufhaus. Es befindet sich noch im originalen Auslieferungszustand des Jahres 1993 – bis auf die aufgeweichten Gummis und ein abgesprengtes Rücklicht ist alles funktionsfähig. Schmieren, putzen, fertig. Zarte Weckangebote an die Familie, anschließend Verbringung aussortierter Kleidung usw.

Um 15 Uhr Treffen mit meinem Radsportbruder in Bad Hönningen, einem bundesrepublikanischen Muster-Kurort. Wir genießen in einem der vierundzwanzig Lokale eine sehr mäßige Suppe. Zum Glück hat er Hausmachertrockenwurst dabei, somit wird es Nahrung. Die Pizzerien öffnen leider erst abends. Starker, nervender Verkehr auf einer meiner Hausstrecken – Brückentag und der Tag vor dem Wochenende, also allseits Konsumfahrten plus „Ausflüge“. Dass der Spritpreis gegen Mittag um 25 Cent fiel, macht ab da nichts besser. Der Konsum ist eine Droge und sie werden an ihre letzten Reserven gehen, um ihn zu zelebrieren, so mein Bruder. Er berichtet von Unsicherheit und politischem Druck in den Behörden. Routinierte Mitarbeiter spielen auf Zeit – sie wissen, wie das geht; Grünschnäbel werden schnell nervös, starren auf Besoldungsstufen. So sieht ein Land am Abgrund aus. Auf den Marktplätzen Elektrobike-Rentner; die Kugel Eis für 2 Euro. Während der Rheinrunde windig und frisch, zum Glück kein Regen. Um 20 Uhr zufrieden zuhause – die 200 Kilometer kommem langsam in Reichweite. Um 23 Uhr mit letzter Kraft den politisch korrekten Teenie von der Kirmes in abgeholt.

Am Sonntag schafft es der Ebola-Ausbruch im Kongo immerhin auf Platz 7 der Nachrichten. Als ich höre, dass das im Grenzgebiet zu Uganda passiert, muss ich gleich an diese irrsinnige TV-Reportage „Les Routes de l’impossible“ auf France 5 denken, in der tausend Menschen nach wochenlanger Wartezeit im Hafen ohne einen Heller unter tropischer Sonne gen Westen schippern, die Mütter immer mit der Angst, „dass der Fluss nachts ihre Kinder frisst“. Dass du, wie die Passagiere auf dem Hantavirus-Kreuzfahrtschiff, mit dem Jet ausgeflogen wirst, wird dir als Kongolese eher nicht passieren.

Gespräch mit meiner Jüngsten über die wundervollen Pflanzen-, Pilz- und Tierzeichnungen in den alten Büchern und Magazinen – ob jemals wieder ein Verlag so etwas in Auftrag gibt? Nach dem letzten japanischen Sencha (morgen muss neuer her!!!) Gartenrunde – ich vermelde acht Sträucher mit vollständig bestäubten Johannisbeeren.

Da ein Freund nach Nebelkrähen fragte, Vogelbeobachtungen in der Umgebung: Bei uns ist die Dohle aktiv, die tiefschwarze Saatkrähe, der Kolkrabe und dessen Verwandter, der kleiner und schlanker ist, was ihn im Flug kreuzförmig wirken lässt; auch ist sein Ruf anders. Nebelkrähen habe ich hier noch nie gesehen. Weil die Baumhecken am Waldesrand nur in die Höhe zurückgeschnitten werden, gibt es Rückzugsgebiete für Singvögel; wenn ich abends den Schwalben zuschaue, sind auch reichlich Insekten in der Luft. Es wirkt alles im Lot. Man könnte den Eindruck bekommen, dass gewisse Debatten nur aus einer urbanen Sicht heraus geführt werden – Steingarten, Rasenkantenfetischismus und Gabionenzaun verengen das Blickfeld.

Der FC Dorndorf II feiert das Auswärts-Unentschieden bei der SG Waldbrunn II wie einen Sieg. Mein Sohn durfte eine Viertelstunde beitragen – die Flanke, die vier Minuten vor den Abpfiff direkt ins Tor geht und für den Ausgleich sorgt, galt eigentlich ihm. Für das Spiel überwinde ich 300 Höhenmeter – eine nette Sonntagsspazierfahrt.
