Walter Kintzel, Parchim
Die Pilze – ein Reich für sich
Neben dem Tier- und Pflanzenreich gibt es ein eigenständiges Reich der Pilze. Obwohl die Wissenschaft Pilze lange Zeit den Pflanzen zuordnete und diese Auffassung landläufig bis heute verbreitet ist, unterscheiden sie sich von der Pflanzenwelt unter anderem durch Zellwände aus Chitin statt Zellulose. Allen drei Reichen ist gemein, dass ihre Organismen Zellen mit einem echten Zellkern besitzen.

Pilze faszinieren den Menschen seit jeher durch ihren Farbreichtum, ihre vielfältigen Formen und ihr scheinbar über Nacht einsetzendes rasantes Wachstum. Viele Arten bereichern als nährstoffreiche und aromatische Speisepilze unsere Küche, während Hefepilze Wein und Bier zur Gärung bringen und beim Backen als Triebmittel dienen.

Als Destruenten (vom lateinischen destruere = „zerstören“) bauen Pilze im Ökosystem organische Rückstände wie Nadeln, Zweige, Laub oder morsche Baumstümpfe ab. Durch diese Remineralisierung führen sie Nährstoffe in den Stoffkreislauf zurück und tragen maßgeblich zur Humusbildung bei. Ein Paradebeispiel dafür ist der Purpurfilzige Holzritterling: Dieser spezialisierte Fäulnisbewohner („Saprobiont“) besiedelt totes Nadelholz und zersetzt den Holzstoff Lignin. Zurück bleibt die weiße Zellulose – ein Prozess, den man als Weißfäule bezeichnet. Als reiner Humusbildner greift er kein lebendes Gewebe an und ist somit ein idealer Entsorger.

Der fortwährende Abbau der organischen Rückstände schafft Platz und liefert Nährstoffe für die nächste Pflanzengeneration. Es ist ein vollkommener Kreislauf aus Selbstversorgung und natürlicher Düngung – man denke dabei etwa an den herbstlichen Laubfall.
Über ihre Funktion als Destruenten hinaus sichern Pilze durch eine als Mykorrhiza bezeichnete Symbiose das Überleben vieler Waldbäume. Dabei umschließt das unterirdische Geflecht feiner Pilzfäden („Myzel“) die Baumwurzeln. Aufgrund ihrer enormen Feinheit dringen diese Fädchen selbst in jene winzigen Bodenporen vor, die für das gröbere Wurzelsystem der Bäume unerreichbar sind, wodurch sich die Aufnahme von Wasser und Nährsalzen für den Baum signifikant verbessert. Im Gegenzug versorgt der Baum den Pilz mit den bei der Photosynthese entstandenen Kohlenhydraten.
Diese unterirdischen Allianzen können sich zu einem komplexen Geflecht zwischen verschiedenen Gehölzen ausweiten – dem „Wood Wide Web“. Über dieses pilzbasierte Netzwerk tauschen die miteinander verbundenen Pflanzen nicht nur essenzielle Nährstoffe und Wasser aus, sondern leiten über biochemische und elektrische Signale auch Informationen weiter. So können Bäume beispielsweise bei einem Schädlingsbefall benachbarte Pflanzen warnen, damit diese rechtzeitig eigene Abwehrstoffe aktivieren. Manche dieser Verbindungen bestehen exklusiv zwischen zwei bestimmten Arten, wie der Birke und dem Birkenpilz oder der Lärche und dem Lärchen-Röhrling. Viele unserer heimischen Orchideen können ebenfalls nur dann gedeihen, wenn sie in solch einer singulären Symbiose stehen.

Die Gesundheit eines Waldes hängt maßgeblich von der Biodiversität seiner Pilzgemeinschaften ab. Ihre fein verzweigten Netzwerke stabilisieren das Wurzelsystem der Bäume und dienen zugleich als Lebensraum und Nahrungsgrundlage für zahlreiche Organismen. Pilze sichern so das Überleben unzähliger Arten – von Mikroben und Käfern über Vögel bis hin zu Säugetieren. Dieses Zusammenspiel stärkt das ökologische Gefüge und verleiht dem Wald die Fähigkeit, sich an Umweltveränderungen anzupassen.

Pilze spielen eine entscheidende Rolle im Kohlenstoffkreislauf und damit für das Klima. Während Pflanzen Kohlendioxid binden, geben Pilze den Kohlenstoff beim Abbau von Biomasse wieder an die Atmosphäre ab. Dieses fein austarierte Gleichgewicht droht durch die Erderwärmung zu kippen, was zur beschleunigten Freisetzung von Treibhausgasen führen könnte. Die globale ökologische Bedeutung der Pilze kann man daher nicht hoch genug einschätzen.

Auch für die Humanmedizin sind Pilze von unschätzbarem Wert: Aus ihnen stammen unter anderem das Antibiotikum Penicillin, das die Sterblichkeit bei bakteriellen Infektionen massiv senkte, sowie das in der Transplantationsmedizin unentbehrliche Immunsuppressivum Ciclosporin. Die zur Reduktion des Cholesterinspiegels eingesetzten Statine gehen ebenso auf Pilzukulturen zurück wie die neuen onkologischen Medikamente, die das Wachstum von Tumorzellen blockieren oder das Immunsystem im Kampf gegen den Krebs stärken. In der Psychotherapie und Psychiatrie gewinnen Wirkstoffe wie das aus „Magic Mushrooms“ isolierte Psilocybin zunehmend an Bedeutung – die entsprechenden Zulassungsstudien befinden sich aktuell in der finalen Phase.

Kommen wir nun nach Parchim. Dass wir über das Pilzreich der Stadt im Südwesten der historischen Region Mecklenburg so glänzend informiert sind, verdanken wir der Grundlagenarbeit des Lehrers, Botanikers und Mykologen Walter Dahnke (1890–1972).

Für seinen Heimatkreis Parchim gab Dahnke im Jahr 1968 1.571 Pilzarten an. Das waren weitaus mehr als in den Nachbarkreisen Lübz (555 Arten) und Ludwigslust (739 Arten). Fragt man nach den Ursachen des Unterschieds, liegen diese primär in der geologischen Struktur: Neben Sandergebieten und der Grundmoräne kommen im Kreis Parchim auch ausgeprägte Endmoränenzüge vor, wie etwa im Buchholz oder am Sonnenberg, einem hügeligen Waldgebiet südlich von Parchim. Da die Endmoränen für den Ackerbau ungeeignet waren, blieben diese Flächen dauerhaft bewaldet und stets mit Holzgewächsen bestockt. Darüber hinaus wurde dort die ohnehin reiche Pilzflora durch den Anbau fremdländischer Baumarten bereichert, da mit dem Pflanzgut und den Samen die Sporen neuer Pilzarten mitgeführt wurden. Walter Dahnke schrieb dazu:
„So meldet Lübstorf bereits 1896 den Elfenbein-Röhrling, der offenbar mit der Strobe eingeschleppt wurde. Auch durch Aufforstungen, so auf dem ehemaligen Brunnenacker, am Rande des Buchholzes, auf dem Wüsten Felde, am Ostufer des Wockertales von der Markower Mühle bis zum Kannenberg etc. treten bisher nicht beobachtete Pilzarten auf.“
Im Jahr 1952 fand er allein im Sonnenberg 461 unterschiedliche Arten, darunter 21 Röhrlinge. Diese gehören neben den Pfifferlingen und verschiedenen Champignonarten zu den volkstümlichsten Vertretern, da sich unter ihnen viele beliebte Speisepilze wie Steinpilz, Marone, Butterpilz, Birkenpilz und die Hexenröhrlinge befinden. Im Parchimer Stadtforst konnte Walter Dahnke folgende Röhrlinge erstmals für Mecklenburg nachweisen: Hasen-Röhrling (1931), Blut-Röhrling (1932), Hohlfuß-Röhrling (1935), Anhängsel-Röhrling (1937) sowie den Schwefel-Röhrling (1955).
Viele der von ihm dokumentierten Arten stehen heute auf der Roten Liste der gefährdeten Großpilze in Mecklenburg-Vorpommern.

Neben den Speisepilzen kommen im Parchimer Stadtforst natürlich auch giftige Arten vor. Dazu zählen unter anderem der Fliegenpilz, der Grüne Knollenblätterpilz, der Kahle Krempling, der Pantherpilz, der Grünling sowie der Kartoffelbovist. Ein interessanter Sonderfall ist der Schmarotzer-Röhrling, der eigentlich ungefährlich ist, aber direkt auf dem giftigen Bovist gedeiht. Generell gilt: Da sich Giftpilze ausschließlich an ihren botanischen Merkmalen erkennen lassen, ist in Zweifelsfällen der Gang zu einem Pilzberater unerlässlich.

Während meines Biologie- und Chemiestudiums am Pädagogischen Institut Güstrow regte mich Walter Dahnke an, ihm unbekannte Pflanzen- und Pilzfunde zur Bestimmung zuzusenden. Im Herbst 1957 fand ich den Wetterstern. Obwohl mir die Art unbekannt war, spürte ich intuitiv, dass es sich um einen außergewöhnlichen Pilz handeln musste; mit etwas Zeitverzögerung sandte ich ihm zwei Exemplare. Dahnke schrieb darüber im naturkundlichen Fachorgan „Archiv der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg“:
„Im Januar 1958 erhielt ich von Herrn Walter Kintzel, Quaslin (Kreis Lübz), Pilze, die ich zunächst als Erdsterne ansprach. Um bei einer näheren Untersuchung nichts zu beschädigen, leitete ich ein Exemplar sofort an Herrn Kreisel, Greifswald, weiter, der sich besonders mit den Bauchpilzen beschäftigt. Der Quasliner Pilz ist der Wetterstern (Astraeus hygrometricus Pers. Morg.) Der Pilz ist, soweit ich übersehen kann, aus Mecklenburg bisher nicht gemeldet worden. Genauer Fundort: Quasliner Tannen südlich des Weges Wahlsdorf – Marienfließ, also nahe der Südgrenze des Kreises Lübz, unter Birken neben Kiefernwald auf sandigem Boden.“
Das war der Erstfund des Wettersterns in Mecklenburg – heute würde man sagen „Erstnachweis für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern“. Das ist mir, dem Hobby-Mykologen, in meinen nunmehr fast neunzig Lebensjahren nur dieses eine Mal geglückt.

„Rote Liste der gefährdeten Großpilze Mecklenburg-Vorpommerns“: https://www.lung.mv-regierung.de/static/LUNG/dateien/fachinformationen/natur/artenschutz/rote-listen/rote_liste_grosspilze.pdf (Stand 1999)
Aktuelle Forschung an aus Pilzen gewonnenen psychedelischen Substanzen an der Charité: www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/psychedelika_wem_koennen_sie_helfen_wem_schaden_sie_stattdessen
Über Walter Dahnke: http://www.kdfeige.de/Dahnke-Walter_Dahnke-ein_Parchimer_Florist-1999.pdf
Die zugrundeliegende sowie weiterführende Literatur und andere Quellen können gern beim Autor angefragt werden. (botaniktrommel@posteo.de)
