Frank Schott, Leipzig
Nach dem Zehnkilometerlauf fühlt sich der restliche Sonntag merkwürdig an. Seit Jahren habe ich mich nach dem Joggen nicht mehr derart zerschlagen gefühlt. Schmerzende Oberschenkel, Blasen an den Füßen. Ich versuche mich zu erinnern, wann ich zuletzt so einen Muskelkater hatte. Es muss um 2017 gewesen sein, als ich superehrgeizig und vor allem superuntrainiert an einem Firmenlauf teilnahm, fünf Kilometer waren das. Dabei hatte ich mich im Gegensatz zu heute weder vorher erwärmt noch nach dem Rennen gedehnt. Vielleicht lag es an den neuen Laufschuhen?

Trotz alledem muss ich noch einmal hinaus in die schwüle Luft – es ist Muttertag. Unser Blumenladen um die Ecke hat sich selbst übertroffen: Schon seit Samstag bevölkern wahre Farbexplosionen Auslage und Gehweg. Entgegen dem, was viele Psychotherapeuten nahelegen, sind Eltern – und insbesondere Mütter – nicht an allem schuld, was später in unserem Leben schiefläuft. Und selbst wenn sie in der Erziehung Fehler gemacht und uns nur suboptimal ins Erwachsenenleben gestoßen haben – hätten wir an ihrer Stelle und in ihrer Zeit wirklich anders gehandelt? Ein kleiner Blumenstrauß aus Respekt und Dankbarkeit bewirkt oft mehr als Vorwürfe und Tränen.

Es gibt immer weniger Abfallbehälter im öffentlichen Raum (meist an Haltestellen) – und die quellen über. Das liegt nicht zuletzt an der wachsenden Anzahl der Spätis und Imbisse, vor denen die Frauen mit Miniflaschen voller Sekt, Aperol oder Wein anstoßen. Die Männer trinken eher Bier, was sich immerhin in Pfandflaschen befindet. Die Krähen sind frustriert wegen der vollen Papierkörbe und schmeißen alles raus, was oben aufliegt: Becher, Papier und Folie landen auf den Gehweg (nicht, dass es schmutztechnisch einen Unterschied machen würde), bis endlich die Brot- und Fastfoodreste oder das Popcorn freiliegt und rausgepickt werden kann. Ich will so einen Moment festhalten, doch bevor ich das Handy gezückt habe, ist die Krähe schon auf der anderen Straßenseite und randaliert dort weiter.

An der Stelle, wo vor sechs Tagen das Fahrzeug des Amokfahrers zum Stillstand kam, stehen Blumen und Kerzen. Die meisten gehen achtlos vorbei, sitzen wie gewohnt vor Restaurants und genießen die Sonne. Es ist kurz vor 18 Uhr und Kirchenglocken wehen durch die Stadt. Für die Ankündigung der vollen Stunde ist es zu viel Geläut, ich weiß aber nicht, welcher Gottesdienst gerade angesagt wird.

Am Montag ist der Muskelkater weiterhin heftig – aber es geht noch heftiger: Am Dienstag muss ich mich nach dem Aufstehen am Treppengeländer festhalten, um die Stufen hinabzukommen. Ans Geländer habe ich mich letztmalig vor über drei Jahren nach meinem schweren Fahrradunfall klammern müssen. Aus Erfahrung weiß ich, dass die ersten beiden Tage, nachdem ich mir einen Muskelkater zugezogen habe, am schlimmsten sind – aber so schlimm?! Na ja, vielleicht hätte ich am Montag weniger Sport machen sollen. Oder ich hätte mich beim Fußballtraining zurückhalten können mit dem Laufen und Sprinten und Vorzeigen der Übungen.

Ich tröste mich damit, dass es am Montag nicht auch noch regnet. Der angekündigte Niederschlag kommt erst am Dienstagvormittag -als kalter vom Wind begleiteter Nieselregen. Sehr zum Unwillen unserer Kater, die es deswegen nicht lange draußen aushalten, aber genau wie ich ihren Auslauf brauchen – Muskelkater hin, Regen her.

Als ich Dienstagfrüh meine Frau zur Arbeit gebracht hatte, schien trotz der empfindlichen sechs Grad noch die Sonne. Auf dem Rückweg verschwand sie jedoch hinter dicken, grauen Wolken. Die ersten Tropfen fielen. Ein eisiger Wind ließ mich frösteln. Definitiv kein Wetter für meine sommerliche Jacke – die gefütterte wäre die bessere Wahl gewesen. Ich denke, das sind die Eisheiligen.

Seit dem Ende des Klinikaufenthalts in Jerichow gehe ich jeden Montagnachmittag vor dem Fußballtraining zu einer begleiteten Gruppentherapie. Die Praxis, in der das stattfindet, liegt für mich günstig – ich brauche von dort weniger als zehn Minuten mit dem Rad zum Sportplatz. Der Therapeut ist deutlich älter als die Psychologen in Ausbildung, die mich in Jerichow begleitet haben. Ich schätze ihn auf etwa sechzig. Er ist außerordentlich belesen -sowohl in meinen drei Vorabgesprächen, als auch in jeder der bisherigen Therapierunden stellt er uns Bücher vor. Außerdem arbeitet er gerne mit Geschichten aus der Bibel, was bei mir einen Nerv trifft. Die Gruppe ist deutlich älter als in der Klinik – die beiden jüngsten sind Mitte oder Ende dreißig.
Zu Beginn der Sitzungen nennt der Therapeut einen Begriff, von dem aus einer der Patienten zu einem persönlichen Thema findet. Die anderen ergänzen das mit eigenen Erfahrungen und Gedanken.
Das gestrige Wort und somit Hauptthema war „Kontemplation“. Ich machte dieses Mal den Einstieg, indem ich sagte, dass ich am ehesten zur Ruhe käme, wenn ich Sport treibe. Das sei sowohl bei meinen yogaähnlichen Übungen für den Rücken, als auch beim Joggen der Fall, wobei ich beim Laufen durch mein mantraartiges Zählen von Schritten in eine quasimeditative Stimmung käme – Gedankenkarusselle und Sorgen würden geringer, Überlegungen weniger beladen und schwer.
Der Therapeut lenkte uns in Richtung Stille und Ruhe. Was die anderen sagten, überraschte mich: Einer meinte, dass er beim Reden mit Freunde zur Ruhe käme; ein anderer beim Wandern über lange Strecken, gerne zehn, fünfzehn Kilometer. Eine Frau mit schwerem Schicksalsschlag sagte, sie käme momentan gar nicht zur Ruhe. Eine weitere kann sich am besten von Gedanken lösen, wenn sie sich ins Getümmel stürzt, zwei Stunden in einem Einkaufszentrum sitzt und dem Hintergrundrauschen des menschengemachten Lärms und der künstlichen Beschallung lauscht. Zwei gaben an, Stille überhaupt nicht ertragen zu können, sie bräuchten immer Musik um sich herum.
Dann war wieder ich an der Reihe. Ich ergänzte, dass ich lange Wanderungen ebenfalls schätze, aber beim Laufen und Wandern nie im Leben Musik hören würde, da ich lieber den Geräuschen der Natur, dem Wind und den Vögeln, meinem Atem und den Schritten lauschen würde.
Ich fragte in die Runde, ob es diese Kontemplation, diese Einkehr, überhaupt gibt. Ist es möglich, sich ganz auf einen Moment zu fokussieren und dabei an nichts zu denken? Eine spannende Frage, die auch der Therapeut nicht unmittelbar beantworten konnte. Er, ein weiterer Patient und ich waren uns jedoch einig, dass wir einem solchen Zustand wohl beim Lesen am nächsten kommen: Indem wir uns ganz auf den Inhalt des Buches konzentrieren, können wir alles andere ausblenden.
Dann ist die Zeit um und jeder darf sich mit guten Worten für die anderen verabschieden. Die meisten wünschen einander einen schönen Feiertag und eine gute kurze Woche. Ich wünsche meinen Mitpatienten, dass sie Momente des Genusses finden und diese als solche erkennen. „Der Geruch von frischem Kaffee“, sage ich. „Oder ein mit Honig bestrichenes Brötchen vom Bäcker.“ Plötzlich kommen viele Assoziationen hoch, obwohl eigentlich Schluss ist. Die vom Schicksal geschlagene Frau denkt an den Moment, wenn sie die Tür zur Terrasse des Morgens öffnet und den Garten riecht. Der nächste denkt an den Geruch frisch gemähten Grases. Der Therapeut gibt zu, dass er plötzlich Appetit bekommt, weil er an das Honigbrötchen denkt. So hat jeder ein Bild im Kopf und geht zurück ans Tageswerk.

Ich fahre zum Fußballtraining – und stelle fest, dass es empfindlich kalt geworden ist.
