Frank Schott, Leipzig
Es ist ein Wetter, um Katzen zu ertränken. Das denken sich auch unsere beiden Kater: Sie linsen kurz durch die Fliegengitter, doch weil sie selbst dort schon den Sprühregen abbekommen, drehen sie wieder ab – heute gibt es keine Abenteuer im Freien.

Scheuern sich eigentlich Katzen? Reiben sie ihren sonst so sorgsam gepflegten Pelz wie ein Wildschwein seine Haut an der Borke der Bäume? Ich weiß es nicht, doch nach allem, was ich beobachte, würde ich die Frage bejahen. So, wie sich unsere Kater auf den Steinen des gepflasterten Hofes oder in der staubigen Erde zwischen den Lavendelpflanzen wälzen, scheinen sie das Scheuern auf rauem Grund zu mögen — oder vielleicht sogar zu brauchen.

Aber was wissen wir Menschen schon von Katzen – wir wissen ja nicht einmal über uns selbst Bescheid: Weil ein Autofahrer sein Fahrzeug durch eine Leipziger Einkaufsstraße gelenkt und Tote und Verletzte zurückgelassen hat, faselt die Lokalzeitung seit Montag von einer „Stadt im Schock“; die Worthülsen purzeln aus den Seiten wie die verschossenen Patronen aus einem Maschinengewehr. „Schockstarre?“ Wenn ich mich hier umsehe, bemerke ich nichts von Schock – kein Trauerflor, keine Flaggen auf Halbmast. Nur Menschen, die ihrem Tageswerk nachgehen oder schwatzend auf den Freisitzen hocken. Gleichzeitig dreht sich das Hamsterrad des Aktivismus atemberaubend schnell: „Die Innenstadt muss sicherer werden!“ Poller müssen her! Expertenrunden! Sicherheitskonzepte!Vielleicht könnte man das Amokfahren ja auch einfach verbieten? Das wäre eine typisch deutsche Lösung.

Ich bin heute neben der Spur. Meine Hausärztin sagte mir gestern, dass sie mich weiterhin als nicht arbeitsfähig ansieht. Solange die jüngst begonnene Gruppentherapie läuft, solle ich es ruhig angehen lassen. Ha! Ruhig! Wie ein Wahnsinniger hämmere ich Bewerbungen in den Computer. „Sie sollten auch keine Bewerbungen schreiben. Nur wenn Sie etwas sehen, was für Sie wirklich der richtige Job wäre, sonst nicht. Sie sollen zur Ruhe kommen“, sagt sie.

Trotzdem schickt mir meine Frau fünf Links zu Stellenangeboten. Wütend scrolle ich mich durch Wunsch- und Aufgabenlisten der jeweiligen Arbeitgeber. Obwohl ich bereits vom grauen Himmel und vom kalten Regen elend und genervt bin, schleudere ich ihr zuliebe zwei weitere Bewerbungen raus. Sie meint es gut. Bewerbungen auf Jobs, die mir vermutlich keinen Spaß machen, gesendet an Leute, die alte Säcke wie mich höchstens als Hausmeister einstellen würden. Jung muss man sein. Und dynamisch. Und … jedenfalls nicht wie ich.

Zum allem Unglück ist bei uns wieder einmal alles aufgerissen – nur sieben Monate nach der Langzeitbaustelle mit Umleitungen und Schienenersatzverkehr wird vor unserer Haustür erneut gearbeitet. Bagger pflücken Pflastersteine aus den geschundenen Straßen und wühlen sich ins Erdreich. Hätte man das nicht damals mitmachen können, fragen Anwohner und Gewerbetreibende. Konnte man nicht, sagt die Stadt – an den Stellen, wo jetzt gebuddelt wird, mussten im Vorjahr die Container und Baufahrzeuge abgestellt werden. Jetzt stehen die Baucontainer, Radlader und Bagger auch auf der Straße, aber gegraben wird trotzdem. Das verstehe, wer will.

Dennoch haben die großen Maschinen auch ihre Bewunderer: Der Nachwuchs im Kinderwagen oder an der Hand der Eltern sieht fasziniert zu, wie Schaufeln schaufeln, Greifarme greifen und Staplergabeln stapeln. Sie werden noch fünf bis sechs Monate Freude daran haben – der Fortschritt kommt im Schneckentempo.

Bevor ich ganz im Selbstelend versinke, raffe ich mich zum Training auf. Weil es bis 16 Uhr ununterbrochen geregnet hat und zudem der Rasenplatz gesperrt ist, haben viele Kids abgesagt – zu feucht, zu schweres Geläuf. Dafür inspizieren nun zwei Gänse den Rasen und suchen nach Würmern, deren Wohnung überschwemmt wurde.

Wir weichen auf den Kunstrasen aus, haben wegen der engen Taktung aber lediglich sechzig statt der üblichen neunzig Minuten Zeit. Das Training ist entspannt. Da insgesamt nur acht Kinder in der Altersklasse F- und E-Jugend gekommen sind, haben wir zwei Trainer alles gut im Griff. Die kleinen Verrücktheiten Einzelner führen nicht zu unkontrollierbarem Chaos, da sich die verrückten Einzelnen immer wieder gut einfangen und ins Training zurückführen lassen.

Nach dem Training beginnen wieder die Schauer. Das Regengrau mischt sich mit dem Grau der Dämmerung. Auch meine Gedanken werden trüber. Und die Katzen schieben weiterhin Frust, weil sie sich nicht im Freien austoben können. In der Nacht werden sie uns wohl ein weiteres Mal zwischen vier und fünf Uhr wecken, weil sie munter sind und sich einsam fühlen. Es wird Zeit, dass es zu regnen aufhört – nach einem Tag im Auslauf sind sie abgekämpft und so müde, dass es manchmal nicht einmal der Automat mit dem herauspurzelnden Trockenfutter schafft, sie zu wecken.

