Christoph Sanders, Thalheim

Der Samstag wundervoll grün, die Luft wird immer schwüler, fast subtropisch. Ich erweitere meine Radroute vom letzten Sonntag auf insgesamt einhundert Kilometer und besuche das Ehepaar Jacobi in Bad Ems. Andrea zeigt mir ihre neueste Kleidungskollektion und die Bilder des dazugehörigen Fotoshootings in Weimar, das an Orten ihrer Kindheit stattfand – Wohnblock, Datscha, Garagenzeilen usw. bilden eine harten Kontrast zu ihren edlen, seltenen Stoffen. Ihr Mann Jens beobachtet bei den Designern aktuell einen durch Künstliche Intelligenz befeuerten Trend zur Verunsicherung und Selbstabschaffung – nur die Dinge, die mit hohem handwerklichem Aufwand entstehen, sind unberührt von diesen Entwicklungen; für diese ist der Markt aber äußerst klein. Auf der Strecke massenweise Motorräder, dazwischen Rennräder und Autos, viele Holländer – das gewohnte Bild des Lahntals im Mai. Lange Schlangen an Tankstellen. Ich versorge mich bei Aldi mit Quark, Bananen und einer Packung Sushi, die ich mit einem 1-Euro-Suppenlöffel aus dem Regal mit den Sonderangeboten verzehre. Nach dem allerletzten Anstieg komme ich stolz und völlig leer zuhause an. 100 Kilometer – es geht voran!

Am Sonntag komplett müde nach der Tour am Vortag. Angenehm warme Temperaturen, windig. Noch bevor die drohenden Wolken da sind, ist die Wäsche trocken. Im Dorf Vorgartenflohmarkt. Da keines meiner Kinder mitmachen will, schiebe ich zwei kleine Fahrräder (zum Verschenken) hinunter zum Stand der Nachbarn. Dort liegt bereits ihre überdimensionierte Weihnachtsbeleuchtung – vermutlich haben sie mal auf die Stromrechnung gesehen. Am Nachmittag zur 2. Halbzeit des Punktspiels meines Sohnes. Sein Team, Schwarz-Weiß Dorndorf II, gewinnt 4:2 gegen TuS Waldernbach. Er machte sich umsonst warm und ist dementsprechend sauer. Ich sehe Schrottfußball – athletisch gut, spielerisch schlecht, mit ein, zwei Einzelkönnern und massenhaft weiten Pässen und Abschlägen. Das Stadion ist sehr gut besucht, auf den Parkplätzen stehen ungefähr einhundert Automobile. Nach dem Abpfiff spielt noch die erste Mannschaft. Die löst sich zum Saisonende auf. Der Kern verlässt den Verein für höherklassige Teams – es knistert bei Schwarz-Weiß, wie mein Sohn berichtet. In der Dämmerung jagen Fledermäuse und Rotschwänze übers Grundstück. Der Garten duftet. Alles ist friedlich.

Am Montag Temperatursturz von 24 auf 14 Grad. In den Nachrichten Hantavirusinfektionen auf einem Kreuzfahrtsschiff – Panik an Deck der Systemstabilisatoren. Leider wird über so etwas in der Regel nur dann berichtet, wenn Weiße und das Geschäftsmodell „Urlaub in der Karibik“ bedroht sind. Mit der Kleinen laufe ich in einen riesigen Regenschauer hinein – zum Glück haben wir einen stabilen Schirm der Universität Wismar dabei. Wir finden schnell Deckung in einem Wäldchen. Während wir warten, verstehe ich, was die Bilder Jean-Baptiste Camille Corots auszeichnet: Durch lockere Pinselstriche gelang es ihm, die Bäume und das Unterholz im Wind, die Bewegung von Zweigen und Blättern darzustellen, das gedämpfte, diffuse Licht ohne Konturen festzuhalten. Wir hören einen Kuckuck – und dann entdecken wir ihn auch schon mit dem Fernglas: ein langgestreckter Körper, etwas größer als der einer Drossel, die Flügel eher wie die eines kleinen Falken, die Schwanzfedern weit gefächert im Flug.

Dienstag. Die Deutsche Post heißt nun DHL. Vielleicht werden wir auch bald neue Parteinamen haben. Weitere Radblogüberarbeitung. Nachdem ich gerade die Wäsche rausgehängt habe, ab 15 Uhr Regen. Der Ofen wärmt alles und alle. Pleite beim Ausflug nach Westerburg: Da mein kleines Girl aus ihrer Ballett-Signal-Gruppe ausgetreten ist („Das wurde gehackt!“), bekam sie als einzige keine Nachricht über den Ausfall der Stunde. Ich als Handyloser ahnte ebenfalls nichts und bin wieder mal der Familientrottel – wenn du bei diesem Spiel nicht 24/7 mitmachst, bist du raus. Moderne Zeiten.

Mildgrauer Mittwochmorgen. Auf dem Weg zum Zug fällt mir eine weißlilane Päonie in Vollblüte auf. Ich selbst sitze mit meinen fünf Purpur-Knospen in den Startlöchern. Am Vormittag verbringe ich fast eine Stunde mit diversen Filterwechseln bei einem Miele 315i, mit dem jemand groben Mörtel im Keller gesaugt hat, wofür er dann doch nicht geeignet ist. Ich bekomme das Gerät wieder startklar – für einen großen Haushalt mit hohen Decken und Treppen ist es ideal, auch wegen der Kabelreichweite von drei Metern. Details aus einer Epoche, die längst vorüber ist – inzwischen haben Roboter mit winzigen Staubbehältern und Akkus übernommen, aber die Größe der Haushalte und der darin lebenden Personen nimmt ja ebenso ab. Genau wie die Zahl der auf der Straße spielenden Kinder im Mai.

Ich mache drei Entwürfe für eine Kondolenzkarte – der Vater eines Klassenkameraden meines Sohns starb mit vier Angestellten bei Reinigungsarbeiten in der Klärgrube seiner Gerberei. Als Einzelkind wird sein Sohn wohl direkt in die Verantwortung des Weiterführens der kleinen Firma gehen müssen … Ein kühler Tag mit Schauern und einigen kurzen Sonnenmomenten neigt sich seinem Ende zu.
