Frank Schott, Leipzig
Es ist ein kalter, aber sonniger Montagmorgen. In der sonst um diese Zeit menschenleeren Kleingartenanlage sprudet das Leben: Zwei Männer, die mit ihren Hunden Gassi gehen. Eine Mutter, die ihren Sohn zur Schule bringt. Ein dritter Mann, der in die mir entgegengesetzte Richtung hastet. Ich kann heute gar nicht die Abgeschiedenheit genießen.

Neben dem Aldi hole ich mir rasch Brötchen fürs Frühstück; genau wie der Mann vor mir in der Schlange – nur dass er zusätzlich eine 0,7-Liter-Flasche Wodka gekauft hat. Vor dem Laden versucht er, sie so in seiner Jeansjacke zu verstauen, dass sie nicht auffällt. Wie ein Tippelbruder sieht er mir nicht aus – vielleicht steht ihm eine stressige Woche mit nervigen Kollegen bevor? Eine Mutter reicht ihren beiden Söhnen aus der Bäckertüte Gebäck, das vermutlich das Frühstück ersetzt.

In den Hauseingängen riecht es scharf nach Urin – am Wochenende wurde wieder bis spät in die Nacht gefeiert. Die sich wie Bettwanzen vermehrenden Imbisse verkaufen zwar in großen Mengen billiges Bier, um die daraus entstehenden Bedürfnisse scheren sie sich jedoch nicht. Eine gesetzliche Lücke macht es möglich, dass sie im Gegensatz zu Cafés, Kneipen oder Restaurants keine Toiletten vorhalten müssen.

Nachdem die Temperaturen endlich auf über 12 Grad gestiegen sind, jogge ich eine Runde durch den Auwald. Amsel, Drossel, Ente und Krähe ignorieren mich, solange ich laufe – die schnaufenden, sinnlos die Wege auf und ab rennenden Menschen haben sie inzwischen als ungefährlich eingestuft. Doch wehe, ich bleibe für ein Foto stehen – dann sind sie auf und davon. Ich staune über eine Bärlauchpflanze, der aus einer Knospe vielleicht zehn sechsblättrige Blüten sprießen, die ein wenig an Kronleuchter erinnern.

Unsere beiden Katzen sind jetzt endgültig Freigänger. Da wir keine Katzenklappe haben, fordern sie mit einem jammernden Laut, den sie sich extra für diesen Zweck haben einfallen lassen, das Öffnen der Terassetür; sicherheitshalber sitzen sie mit vorwurfsvollem Schulterblick auch gleich daneben. Sind sie draußen, legen sie sich erstmal auf den Bohlen der Terrasse, putzen sich (man weiß ja nie, wen man treffen könnte) und springen dann auf die Mauer. Fort sind sie, die Könige der Nachbarschaft, die patroullierenden Wächter der Hinterhausgärten.

Jetzt gab es allerdings Ärger. Eine unserer Katzen hat doch tatsächlich „neben den Sandkasten gekackt“, so eine junge Mutter. Es geht um den kleinen Sandkasten des Vorderhauses, den sich die Bewohner selbst eingerichtet haben. Wir sind uns sicher, dass das nicht sein kann, schließlich würden Katzen alle Geschäfte immer ordentlich verbuddeln. Wir kennen schließlich das scharrende Geräusch von unserem Katzenklo, das sich so anhört, als wollten sie Leichen vergraben.

Leider liegen wir dieses Mal falsch: Zum einen gibt es einen Augenzeugen (die Nachbarschaft sieht alles!) und zum anderen geht Verbuddeln in der besagten Ecke nicht, da dort der Boden zu hart und nur von einer dünnen Schicht Schotter bedeckt ist, mit der Katzenpfoten bedauerlicherweise nichts anfangen können. Aber seien wir ehrlich: Dass unsere Katzenklos seit Wochen erstaunlich leer sind, muss ja einen Grund haben.
