Christoph Sanders, Thalheim
Nachdem die Girls am Donnerstag gerade noch die Kurve zur Schule gekriegt haben, schlafe ich nach, und bin trotzdem müde (so müde und schlapp wie das Orchester, das gerade Ashkenazys Prokofiev begleitet). Vormittags der erste Rasenschnitt, keine kleine Aufgabe, auch wenn der Mäher knapp sechzig Zentimeter Schnittbreite hat.

Aufbau eines Rennrads, was eine Einstellungssache ist – danach mit dem blauen Rad ins Blaue. Meine Girls sind ebenfall unterwegs, während der Sohn in einem einsamen Tal in Klausur ist (man nennt es „Kreativwerkstatt“). Nebenan helfen Kinder/Enkel/Urenkel das Haus der Mutter/Großmutter/Urgroßmutter umzubauen – jeden Abend sind sie da, am Wochenende den ganzen Tag. Sie ist 92 und kann noch per Rollator nach draußen. Zum Abendbrot Rührei mit Paprika und Tomaten. Bio-Eier waren gleich in mehreren Märkten ausverkauft; wenn es welche gab, kosteten sie 40 Cent – das ist happig. Ein wundervoller Apfelbaum im kristallklaren Abendlicht.

Am Freitag ein weiterer sonniger Morgen, wobei die Kerosinbilder den Himmel doch merklich abtönen – der Wind wird sie vertreiben. Nach Blog-Korrekturarbeit weitere Besorgungen. Am Nachnmittag zum Musikunterricht und anschließend zum Schülerkonzert in Bad Ems. Mein Luxus des Tages: Eine Herrenkugel Zitronen-Basilikum-Eis; für die Jüngste gibts zwei Kinderkugeln: dunkle Schokolade und Zitrone. Nach einem deutschen Feldsalat mit dem Bücherzellenfund „Afrikanische Totenklage“ vom hellsichtigen Scholl-Latour zu Bett.

Der nächste Tag startet sogleich mit einem Familieneinsatz. Gegen zehn drängen auf der Vierspurigen PKW- und LKW-Kohorten mit Hochgeschwindigkeit an mir vorbei auf die Kreisstadt zu. Dort das übliche belebte Bild eines einkaufsseligen Samstags – man will was erleben. Der Teenie muss zu einer schulischen Bildungsmesse, bei der man nur mit Attest fehlen darf. Sie informiert sich in Sachen Medien und Kommunikation sowie Medizin. Nicht weil sie das für besonders aussichtsreiche Optionen hält, sondern, weil sonst nichts Interessantes dabei ist. Mein Sohn trainiert virtuelle Basketballmoves und „erlernt“ so feinmotorische Kniffe – Festplatte und Controller sind das Hammer und Sichel der neuen Arbeiter- und Bauernschaft.

Wieder zuhause bekomme ich jede Menge Wäsche in die Brise. Dann gehts zum bestimmt zwanzig Jahre alten Rasenmäher, einem kräftigen Benziner, der nach der Winterpause sofort anspringt. Anschließend bin ich erstmals seit dem Unfall drei Stunden auf dem Rennrad – ich taste mich heran. Heutiger Fortschritt: Auf einem sehr langen Anstieg kann ich durch Tiefenatmung die Bronchien maximal durchoxygenieren. Wenn diese letzten Verästelungen der Lunge aufgehen, kommt sofort mehr Sauerstoff in die Beine, so kann ich den Gang halten, an dem ich fast geplatzt wäre. Die Espe zeigt ihre eigenartig grauweißen Blüten – es ist die letzte Frühlingsetappe.

Beim Waldgang mit meinem Teenie versuche ich am Sonntag die Theoroie zu entwickeln, nach der wir an der Schwelle zu einem neuen „Betriebssystem Welt“ stünden. Sie meint dazu, dass ein einfacher KI-Prompt so viel Energie verbraucht wie zwanzig Minuten elektrisches Licht. Und Prompts sind heutzutage absolut wichtig – wer keine schreiben kann, ist raus, ein Verlierer; das sei das neue Betriebssystem. Also keine Renaissance, sondern eher ein Übergang wie es das Mittelalter war – die Brücken zum Alten werden lautlos abgerissen. Wer sich die Energiequellen aneignen kann, bestimmt die Entwicklung. Das geht weit über den Konsumismus hinaus – die Amazon-Pakete sind nur die Zuckerstückchen, die man uns hinwirft.

Noch ein Tag, dann ist die Dorf-Baustelle fertig und mich wecken wieder die Geräusche von der Landstraße – es ist unglaublich, wie sich das noch aus 400 Metern bemerkbar macht. Und am 9. Mai wird der Netto-Markt meines Vertrauens abgerissen – Hintergrund: Solche Gebäude gehören nicht dem Discounter, sondern werden von einer Wohnungsbaugesellschaft errichtet und vermietet. Nach der vereinbarten Laufzeit (sagen wir 25 Jahre) wird das Ding einfach zusammengeschoben, dem Mieter stellt man anheim, ob er den Standort aufgeben oder einen Neubau anmieten will. Man reißt kerngesunde Gebäude ab, zündet den „Bauturbo“ und stellt das dann als Wachstum dar. Was für ein Irrsinn. Ich halte dieses Modell für schlecht – aber was weiß ich schon über Abschreibungsmodelle.
