Frank Schott, Leipzig

Der Freitag wiegt schwer: Schwer in den Beinen, schwer im Gemüt. Am Vorabend betreute ich mit den anderen Übungsleitern ein leidlich chaotisches Fußballtraining, das mit einem Spiel „Groß gegen Klein“ (zehn größere Kids gegen dreizehn kleinere plus zwei Coaches) endete. Ich ermahne die Größeren, Rücksicht zu nehmen und insbesondere den Körpereinsatz, also Drücken, Schubsen und Armausfahren, sein zu lassen. „Warum?“, fragen sie, „die Kleinen machen das doch auch!?“ Hinter der mangelnden Einsicht steckt noch etwas anderes: Sie sehen bei den Profis, wie diese sich mit solchem Gebaren Vorteile verschaffen und damit durchkommen, da der Schiedsrichter es meist als „gesunde Härte“ oder „robustes Spiel“ durchwinkt – und wie bei den Großen, so bei den Kleinen.

Der zweite Grund der Schwere war ein Anruf gegen Mittag. Die Personalerin der Stadt, die vergangene Woche eine der vier Inquisitoren in meinem Bewerbungsgespräch war, wollte mir persönlich absagen. Sie habe leider nur zwei Jobs zu vergeben gehabt – und ich sei ganz knapp auf Platz drei gescheitert. Ich bekomme noch ein bisschen Honig ums Maul geschmiert – aber der Dritte ist nun mal der erste Verlierer. Dann berichtet sie noch, dass sie verwundert sei, dass sie so viele Bewerbungen erhalten habe, obwohl es nur um eine befristete Stelle von sechs oder sieben Monaten ginge. „Gesegnet seien die Unwissenden“, denke ich mir. „Ihr schreibt eine Stelle für Projektmanager mit Eingruppierungen zwischen 4.300 und 6.500 Euro im Monat aus und wundert euch über eine Vielzahl an Bewerbern? Noch dazu, wo jeder weiß, dass sich fast immer ein Weg zur längerfristigen Beschäftigung findet, wenn man einmal einen Fuß in der Tür des öffentlichen Dienstes hat.“ Ich bedanke mich für den Anruf. Ich hatte nicht viel von der Bewerbung erwartet, dennoch ärgert mich die Absage.

Um Frust abzubauen, gehe ich joggen. Es ist bitterkalt unter dem grauen Himmel. Ein eisiger Wind weht. Zwar zeigt das Thermometer knapp über null Grad, aber es fühlt sich an wie frostiges Mützen- und Handschuhwetter. Kopf und Beine sind deprimierend schwer. Aber ich will nicht aufgeben – mit Schwermut und Schwerfuß schleppe ich mich über meine übliche Distanz von neun Kilometern.

Auf dem Fluss sind einige Sportruderer unterwegs, die einen mit dem Wind im Rücken, die anderen mit dem Wind im Gesicht. Auch bei ihnen sieht der Sport heute eher nach Tortur als nach Vergnügen aus. Ich sehe nur wenige Jogger, dafür umso mehr Menschen mit Hunden und die an mir vorbeipreschende Radfahrer. Während die sächsischen Winzer Feuer entzünden, um die wertvollen Weinblüten vor dem Erfrieren zu schützen, strecken die aufblühenden Bärlauchpflanzen unbeirrt ihr weißes Haupt in die kalte Morgenluft.

Am Nachmittag hole ich meinen Sohn vom Hauptbahnhof ab. An der U-Bahnstation drängeln sich Menschen und warten auf verspätete S-Bahnen. In der aus Halle ist es so voll, dass viele stehen müssen – mit dem Öffnen der Türen fluten hunderte Passagiere den schmalen Bahnsteig. Auch vier angetrunkene Fans von Union Berlin werden ausgespuckt – ihre Mannschaft spielt um 20.30 Uhr gegen RB.

Unser Sohn kommt aus Sondershausen zurück, wo er gemeinsam mit anderen jungen Leuten aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt am Bildungszentrum des Bundesfreiwilligendienstes eine Woche lang einen Bufdi-Lehrgang absolviert hat. Ich hatte ihn am Montag mit dem Auto dorthin gebracht. Das BZ-Gebäude versprühte vom Parkplatz aus gesehen den robusten Charme einer Schule für Marxismus-Leninismus. Meine inhaltlichen Assoziationen gingen daher in Richtung GST-Lager mit Staatsbürgerkundeunterricht – doch meinem Kind hat es offenbar gefallen. Aus dem, was er erzählt, werde ich allerdings nicht ganz schlau, worum es inhaltlich ging – auf jeden Fall auch darum, wie man verhindern könne, dass die AfD noch stärker wird. Vielleicht war es doch ein bisschen wie Stabü. Das Essen und die Zimmer waren okay, es gab einen Fitnessraum und sogar einen Kinosaal, zudem war man unter Gleichgesinnten, so berichtet er weiter, nur einer, der schon zwei Jahre in der Bundeswehr gedient hat, sei ein etwas schwieriger Zeitgenosse mit komischen Ansichten gewesen. Aber es traten immerhin keine Werber der Armee auf – damit hatte ich ihn vorab etwas aufgezogen. Er und die anderen sind sich einig: So, wie der Staat mit ihnen in der Coronazeit umgesprungen ist und immer noch umspringt, will keiner von ihnen diesem Land an der Waffe dienen.

Am Abend fahre ich mit ihm ins Stadion. Auf den letzten paar hundert Metern kommen uns erneut angetrunkene Fans des 1. FC Union Berlin entgegen. Das Spiel verläuft einseitiger, als es das Endergebnis von 3:1 für RB vermuten lässt: Die Leipziger treffen viermal Latte oder Pfosten, was wahrscheinlich so eine Art Rekord ist. Weitere Schüsse gehen nur äußerst knapp am Tor vorbei – für uns Heim-Fans ist es zum Haareraufen, was an Großchancen versemmelt wird. Ein wenig heiser, aber zufrieden verlassen wir gegen 22.30 Uhr die Arena. Nebel zieht auf. Es wird wieder eisig.

