Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Jetzt will ich einfach nur noch, dass alles vorbei ist. Vielleicht war es richtig, den Ostermontag zum größten Teil dämmernd oder schlafend zu verbringen. Abwarten und Tee trinken, wie man so schön sagt, obwohl ich nach der sechsten Tasse Kamillentee bereits das Gefühl hatte, mein Mund würde austrocknen. Mit einem Klecks Honig wurde es besser. Und so waren dann zwei Kleckse Honig und eine kleine Banane alles, was ich dem nervösen Magen anvertraute. Die Brech-Kotz-Diät, wie ich sie nenne: Zwei Kilo in zwei Tagen.

Am Dienstag fühle ich mich noch etwas flau im Magen, jedoch kräftig genug für den Therapietag. Zum Frühstück zwei Scheiben Toast mit Honig, eher der Vernunft wegen, als aus Appetit oder gar Hunger. Das Mittagessen, drei Wochen vorher bestellt, ist natürlich nicht diätisch. Ich bekomme Kartoffeln, etwas zerkochtes Gemüse und eine Geflügelboulette; das Ganze ertränkt in einem kräftigen Schwapp brauner Soße. Ich esse das matschige Gemüse, Möhren und Brokkoli sind noch zu erkennen, spicke die am wenigsten aufgeweichten Kartoffeln heraus und nage ein bisschen an der industriell gefertigten Boulette. Die Hälfte der Mahlzeit geht in den Bioeimer, aber die andere Hälfte bleibt im Magen – kleine Erfolge.

Weil es meine letzte Stunde ist, darf ich heute beim Sport etwas vorschlagen. Ich wähle Fußball inklusive einer typischen Erwärmung. Mir ist klar, dass unsere Gruppe aus Männlein und Weiblein unterschiedlichen Alters keinen hochwertigen Fußball spielen wird. Aber das Ergebnis überrascht mich dann doch: Eine Frau verweigert sich gleich von Beginn an, so dass wir drei gegen drei spielen. Zwei vom gegnerischen Team gehen so engagiert zur Sache, dass ihnen nach wenigen Minuten die Puste ausbleibt. Zur Erholung machen wir eine Runde Ballübungen – und das sogar mit allen sieben. Dann eine Runde Handball, eine weitere Ruherunde und noch einmal Fußball. Am Ende hatten alle Spaß.

Zweite Einheit ist Bewegungstherapie, die mit der obligatorischen „Sagen Sie mit einem Wort, wie Sie sich fühlen“-Runde beginnt – wobei ich einige Wörter mehr sagen muss, weil die Therapeutin mit meinem „flau“ nichts anfangen kann. Vermutlich hat noch niemand jemals dieses Wort zur Beschreibung seiner Gemütslage verwendet. „Wie flau? Flau im Kopf?“, fragt sie. „Flau im Magen“, sage ich und erläutere meine Situation. Ich darf auch hier einen Wunsch äußern, weil es meine letzte Stunde ist – ich wünsche mir eine Übung, in der sieben Leuten sieben Bälle in der Luft halten, die sie sich zuwerfen. Mir geht es um Synchronisation und Vertrauen, ihr um Ängste und Erfahrungen – wir sind also einer Meinung.
Zuerst beginnen wir mit einem Ball. Wir sollen einen Rhythmus finden, bei dem jeder einen exakten Zuspieler und Empfänger hat, jeder den Ball erhält und kein Ball direkt zum rechten oder linken Nachbarn geht; reden dürfen wir dabei nicht. Die Lösung ist naheliegend: Man wirft den Ball jedem zweiten zu. Trotz der Hinweise, von denen, die das Spiel kapiert haben und zwei Finger hoch zeigen, findet die Gruppe keinen gemeinsamen Rhythmus.
In der Nachbesprechung sagt einer der Mitpatienten, dass er unsere Hinweise nicht verstanden habe. Andere wollten partout zu einer Lieblingsperson werfen. Wieder andere waren einfach überfordert. Natürlich wird nachgehakt: „Was macht das mit Ihnen, wenn Sie nicht zu der bestimmten Person werfen können?“ Die Antworten: „Ich werde traurig, verärgert …“ Was weiß ich. Schlimm.
Ich werde auch befragt und sage, dass ich von Anfang an auf den Zweier-Rhythmus hingearbeitet habe. „Warum?“ – „Weil es die einfachste und vernünftigste Lösung ist.“ Natürlich komme ich damit nicht durch: „Aber Sie wissen, dass die vernünftige Lösung nicht immer die beste ist?“ Ja, das weiß ich – hier war sie es aber schon.
Dann sollen wir den Rhythmus beibehalten und die Therapeutin will nach und nach sechs weitere Bälle hinzufügen. Was passiert? Selbstverständlich das totale Chaos, da die meisten den Ball wieder einfach zu irgendjemandem werfen. Dann ist die Zeit um. „Sind Sie traurig, dass wir Ihren Wunsch mit den sieben Bällen nicht erfüllen konnten?“ Nein, bin ich überraschend für mich selbst nicht; es sollte offenbar nicht sein und so wichtig war es mir dann auch nicht.

Vor und nach dem Mittag döse ich mehrfach für eine Weile, weil ich merke, dass mir doch noch etwas die Kraft fehlt. Um 16 Uhr brechen wir zu meiner letzten therapeutischen Wanderung auf. Der Pfleger führt uns fünfundsiebzig Minuten durch die ergrünenden Wälder, womit es eine eher kurze Wanderung ist. Offenbar ist sie auch nicht intensiv genug, denn einer der Mitpatienten redet ununterbrochen.
17:15 Uhr sind wir zurück und ich verabschiede mich von dem Pfleger, der ungefähr so alt ist wie ich. Wir hatten einige schöne Gespräche in den vergangenen Wochen. Ich sage ihm, dass ich die Ruhe und Abgeschiedenheit hier vermissen werde.

Ich genieße noch etwas die Abendsonne, welche das Blütenmeer zum Leuchten bringt. In einem Spinnennetz hängen Blätter, die in der sanften Brise wie ein Windspiel schaukeln. Die Vögel grüßen einander, als hätten sie sich wochenlang nicht gesehen. Ich habe den Moment für mich allein, bevor ich zum Abendessen erscheinen muss. Drei Stück Toast mit Butter und Salz, anschließend leichte Magenkrämpfe. Na ja, irgendwas ist immer.
Zumindest habe ich mein Zimmer weiterhin für mich allein, so dass ich zeitig zu Bett gehen kann. Noch zwei Nächte bis zur Abreise.

