
Bevor für mich die demnächst die Badesaison beginnt und ich für Ausstellungen und Konzerte nur noch wenig Zeit erübrigen werde, nutze ich auch die Karwoche zum Kulturtanken. Im Hamburger Bahnhof, dem Museum für zeitgenössische Kunst im Osten Moabits, schaue ich mir Shilpa Guptas „What Still Holds“ an. Ich verstehe die cleveren Ideen, die hinter den Arbeiten der Mumbaierin stecken, nur spricht mich leider die Umsetzung nicht an – irgendetwas fehlt mir da. Ihre Installation „Listening Air“ ist immerhin ganz schön, da sich die Schatten der Besucher und Besucherinnen in die räumliche Lied-Licht-Text-Bild-Montage einfügen. Ebenso grundsolide, aber eben nicht mehr, ist die Ausstellung „Sabotage“ von Giulia Andreani im gleichen Haus. Vornehmlich Acrylmalerei, oft nach Fotos und immer mit Hintergedanken; die Texttafeln und Titel der Venezianerin leider viel zu lenkend. Klar, kann man Kinderportraits von Trump und Putin nebeneinanderhängen, dazuschreiben, wer das ist, und das „The lord of (f)lies“ nennen – man könnte es aber auch subtiler machen. Vor ein paar Tagen sah ich einen Podcast mit Marcus Staiger und Wolfgang M. Schmitt, in dem sie sich über Agitprop unterhalten und wo der schöne Satz fällt: „Kollwitz meinte es gut – Goya ist gut.“ Ich wünschte sowohl Gupta als auch Andreani mehr Vertrauen in die Aura ihrer Werke und vor allem in die Robustheit des Publikums, das Rätselhaftes und Hintergründiges durchaus zu ertragen vermag.

Gänzlich anders geartet ist der Familienausflug zum Analog-Festival im Nachtasyl, einem kleinen Club unter dem Dach des Hamburger Thalia Theaters am Gründonnerstagabend. Nachdem die endlos erscheinende Treppe gemeistert ist und wir den Eingangsstempel aufgedrückt bekommen haben, fühle ich mich sofort willkommen: Was dem Romantiker der Mond, ist mir der Spiegelball – und genau dieser strahlt mich von der sehr hohen Decke an. Ich strahle zurück.

Es ist voll, circa zweihundert Leute, ausverkauft, die Jüngsten wohl gerade so volljährig, die Ältesten etwas älter als ich, das Publikum ist diverser als bei jedem Multikulti-Fest der NGO „Bunte Republik Deutschland“. Es geht vollkommen verrückt los – nämlich pünktlich! Herzliche Begrüßung und Ansagen zum Konzept: Jede Band spielt vierzig Minuten, wir achten alle aufeinander. Geht klar. Die erste Combo legt los: Bleach TV – wie bei allen Bands des Abends junge Musiker, Anfang, Mitte zwanzig. Die Crowd beginnt sofort zu tänzeln und hat sichtlich Spaß. Ich ebenso, denn die Songs katapultieren mich in das Jahr 1983 – offenbar hat jemand aus der Band in der Plattensammlung der Eltern irgendwann A Flock of Seagulls und Real Life entdeckt. Selbst mein jeglicher popkulturellen Überbildung unverdächtiger Bruder hört eine The-Cure-Referenz heraus. Trotz der Vorbilder ist das eigen und gut, also schlage ich mich nach dem letzten Song zum Merchandisestand durch, um zu schauen, ob es einen Tonträger gibt. Den gibt es, und wie: als selbstaufgenommene Kassette! Große Freude bei den Musikern, als ich diese erwerbe.

Weiter gehts mit Astrid. Postrock und Crustpunk mit Jazz-Fusion-Einsprengseln und einem den Saal hochkochenden minutenlangen Boogie-Stomper. Sehr smarte und poetische deutsche Texte, die oft von der Angst handeln, die uns gemacht wird und die viele von uns lähmt. Dann eine kleine politische Rede! So etwas kann ja in Zeiten der parolenddumpfen Udos, Herberts, Sebastians oder Belas immer in die Hose gehen. Der Musiker bleibt aber zum Glück bei sich und seiner Generation, redet von den hohen Mieten und dem Wahnsinn der Militarisierung. Ein punktgenaues antikapitalistisches Statement, das vom Publikum zurecht heftig beklatscht wird. Zum Abschluss der erste Monsterhit des Abends: „Endlich wieder Sommer in der Festung Europa“. Freunde der Band entern die Bühne, werden mit uns zum Chor – Euphorie nur Hilfsausdruck! (Leider kein Tonträger.)
Danach sind Picture Of A Red Seagull dran, die Band meiner kleinen Nichte. Die haben mit Soundproblemen zu kämpfen, was sie durch ihre Energie und catchy Songs locker wettmachen – wir hören den zweiten Hit des Festivals: „Frei“. Der könnte sofort im Radio laufen. Bei einem anderen Lied erlebe ich zum ersten Mal ein Lichtermeer aus Handytaschenlampen. Als ich jung war, machte man das noch mit Feuerzeugen, wobei immer die Gefahr bestand, dass eine der Haarspraybomben um einen herum explodiert – da ist digital besser. Ansonsten bleiben die Phones den Abend über die meiste Zeit in den Taschen – alle sind lieber im Hier und Jetzt. Dann hören meine alten Ohren diese wunderschönen Zeilen:„Wir tanzen, wir tanzen wie C-3PO beide nicht im Takt, dafür aber synchron. / Wir singen, wir singen zu den Songs von Fleetwood Mac, ist zwar nicht perfekt, aber dafür ist es echt.“ Solange die Kids Fleetwood Mac hören und der gute Geist von Stevie Nicks über uns schwebt, wird alles gut!

Würdiger und krönender Abschluss dieses hochklassigen kleinen Festivals sind EatMe, die gleich mal alle zum Moshen bringen – alles hüpft und headbangt. Und dann zieht die Sängerin den Stecker, sagt, dass sie ein kleines Experiment wagen will, singt A cappella mit sich selbst, schickt dafür ihre Stimme durch ein Effektgerät mit Echo und viel Flanger. Ein Interferenzraum entsteht, und das in so einer Intensität, dass es ganz still wird im Publikum – jeder spürt, dass da gerade Außergewöhnliches passiert. Der anschließende Jubel dürfte bis zum Hafen zu hören gewesen sein. Dann wird wieder gehüpft. Es würde mich nicht wundern, wenn man EatMe bald auf den riesigen Festivals sehen würde – die Ausstrahlung, die Lieder und das Handwerk haben sie allemal dafür. Ich werde alle vier Bands im Auge behalten und freue mich auf das noch Kommende.

Am Karfreitag ist dann Schluss mit Rock und Pop – mein österliches Musikprogramm kommt aus dem liturgischen Folterbesteckkasten der Christenheit: Nova Schola Gregoriana singen „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“, „Er wurde verwundet – durch seine Striemen sind wir geheilt“, „Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt“. Bei Pertis „De lamentatione Jeremiae Prophetae“ wirds nicht friedlicher: „Er hat mich geschlagen – meine Knochen zerschmettert“, „Seine Pfeile stecken in meinen Nieren“, „Die Soldaten flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt“, „Und sie kreuzigten ihn“, „Einer der Soldaten öffnete seine Seite mit einer Lanze“. Etwas weniger brutal gehts mit Rachmaninows „Всенощное бдение“, Haydns „Die letzten sieben Worte unseres Erlösers am Kreuz“, Desprez‘ „Miserere mei Deus“, Chören aus der Kathedrale in Canterbury und dem Kloster St. Martin Beuron, Bachs „Osteroratorium“, Brumels „Missa et ecce terrae motus“, der Choralschola der Capella Antiqua München sowie Schola Cantorum Basiliensis mit „Ludus de Passione“, Vertonungen aus der mittelalterlichen Gedichtsammlung „Carmina Burana“ weiter. Dann ein Abstecher zu Abt Alexios und den Mönchen des Klosters Xenophontos und die vollkommene Entrückung von allem Irdischen mit den Liedern der Äbtissin Hildegard aus dem Kloster Rupertsberg bei Bingen, gesungen von Grace Davidson. Die Wunder, Visionen und die Auferstehung aus der Jesusgeschichte mögen tendenziell ja nicht unsympathisch sein, aber die Folterfixierung und vor allem die regelmäßigen Treffen der Gläubigen, um seinen Leib zu verspeisen und sein Blut zu trinken, sind – machen wir uns da mal nüscht vor -maximal gruselig -; die christliche ist die einzige große Religion mit symbolischen Kannibalismusritualen. Aber viele Gebäude, Gemälde, Skulpturen und Musiken von denen sind dann doch ziemlich schön.

Ansonsten läuft das übliche weltliche Osterprogramm mit Minijobber im Hasenkostüm, der im Einkaufscenter schreienden Kindern hinterherflitzt, Nachbarn voller Frühlingsgefühlen, einer erblühenden Natur und sehr schönen Himmelsbildern. Am Ostermontag besuche ich meinen serbischen Freund Zlatomir, der wieder außerordentlich Interessantes aus seinen neunzig Jahren hier auf Erden erzählt.

Analog-Festival: https://www.instagram.com/analog_fstvl/
Picture Of A Red Seagull: https://www.deezer.com/de/artist/372911501?host=2142005824&deferredFl=1
EatMe: https://www.deezer.com/de/artist/5835972
Bleach TV: https://www.deezer.com/de/artist/367215452
