Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow

Ein ruhiger Karfreitag. Vormittags drehe ich mit dem Mecklenburger eine 13-Kilometer-Runde. Die erste halbe Stunde schweigen wir. Dann reißt uns ein wild mit den Flügeln schlagender und nach einem Konkurrenten beißender Schwan aus den Gedanken. „Der ist mies drauf“, kommentiert mein Landsmann. „Vielleicht verteidigt er auch nur sein Weibchen“, meine ich. Der Schwan jagt den Nebenbuhler von links nach rechts und wieder zurück übers Wasser. Dann gibt der Klügere nach und verzieht sich.

Der Mecklenburger erzählt mir von einem aggressiven Schwan am Lankower See in Schwerin. „Der ist gestört“, sagt er. „Wie wir“, werfe ich scherzhaft ein. „Nein, der ist wirklich verrückt. Der greift alle Vögel an, auch Enten, und versucht, sie zu töten. Er wirft sich auf sie und drückt sie solange unter Wasser, bis sie ertrinken.“

Wir gehen zum Deich, wo ich vor einer Woche meine Fahrradpanne hatte. Ich betrachte den Split, der am Rand des Asphalts liegt, aber finde keinen Stein, der dem in meinem Reifen gleicht. „Das war der perfekte Stein, geschaffen nur für den Zweck, einen Reifen tief zu durchbohren. Er hat hier vielleicht wochenlang geduldig auf diesen einen Reifen gewartet“, sage ich. „Du glaubst doch nicht etwa an Schicksal?“, greift der Mecklenburger das Grundthema unserer Therapien auf, denn fast alle Mitpatienten machen in irgendeiner Form ihre Eltern, die Kindheit oder die Umstände für ihr heutiges Los verantwortlich. „Nein“, wehre ich ab. „Ich finde es nur beachtlich, dass da ausgerechnet dieser eine Stein mit der scharfen Spitze nach oben im Asphalt lauerte. Und hätte er nicht mich erwischt, hätte es einen anderen getroffen.“

Es ist wieder einmal deutlich kälter als erwartet. Der Wind weht an der Elbe viel schneidender, als es die Wetter-App verkündet hatte. Wir sind zu leicht angezogen. Da mein Outdoormodell etwas mehr Schutz bietet als sein Trainingsoberteil, teilen mein Begleiter und ich meine Jacke – er trägt sie eine Weile, dann bekomme ich sie zurück.

Wir gehen durch die feuchten Wiesen bis ans Ufer. In etwa fünfzehn Meter Entfernung schwimmen Enten, die sich durch uns nicht stören lassen. Die Wildgänse dagegen türmen, noch bevor wir am Wasser sind. „Die müssen doch keine Angst vor uns haben“, meint der Mecklenburger. „Vielleicht haben sie schlechte Erfahrungen gemacht?“, sage ich. „Wir sind doch niemals schnell genug bei ihnen“, wirft er ein. – „Das schon, aber es gibt auch Gewehre.“

Am Nachmittag gehe ich allein eine weitere Abschiedsrunde. Die Sonne ist herausgekommen und es ist deutlich wärmer als noch am Vormittag. Mein Weg führt mich an wimmernden Windrädern entlang durch eine Allee von Blüten. Ziel ist die St.-Martin-Kirche in Kabelitz, die um das Jahr 1710 erbaut wurde, damit die Menschen Gott näherkommen und ihr Seelenheil erlangen können. Damals hätte man am Karfreitag in ihrem Inneren gesessen und der Kreuzigung gedacht. Die Ostergeschichte ist aktuell sehr präsent bei mir, da ich im Neuen Testament gerade bei den Paulus-Briefen bin. Mir war zuvor überhaupt nicht klar, dass nur die Evangelien direkt von Jesus handeln und Paulus, der eifrige Missionar und Briefeschreiber, dem Heiland nie persönlich begegnet ist, sondern nur der Erscheinung, durch die er nach dessen Auferstehung die Offenbarungen empfing. Der Weg zum Gotteshaus bietet mir viel Zeit zum Nachdenken.

Vor dem Abendessen versammelt sich der FFC („Franks Fitness Club“) im Gruppenraum Zwei unterm Dach, dort wo die Yogamatten an der Wand hängen. Eine der älteren Damen hatte gemeint, dass sie sich gerne etwas dehnen und dabei Rücken und Bauch stärken wolle. Daraufhin erzählte ihr eine andere Dame von meinen Übungen und meinte, dass ich das sehr gut machen würde. Also fragen sie mich, ob ich sie unterstützen würde. Natürlich bin ich dabei. Das spricht sich herum – am Ende sind wir zu fünft.

Ich zeige und erläutere die Übungen, die wir anschließend gemeinsam absolvieren. Unser Gruppenküken muss lachen, als ich sage, dass es nur noch eine schwere Übung gäbe und danach leichter würde. „Ha ha, das sagt er immer. Und dann wird es noch schwieriger.“ Ich muss grinsen: „Stimmt, aber ich will euch ja motivieren.“ Anschließend bedanken sich die vier bei mir und fragen nach einem nächsten Termin. „Vielleicht Sonntag, weil die meisten von uns am Samstag nach Hause fahren, spätestens aber am Montag“, sage ich. Einmal mehr denke ich daran, ob ich dieses Hobby nicht zum Beruf machen könnte – es täte mir gefallen.

Am Samstag geht es ein weiteres Mal per Bahn nach Leipzig. Der neue Fahrradschlauch hält – ich komme pünktlich und ohne Panne in Genthin an. Entgegen der Vorhersage regnet es, doch das ist mir egal, da mein Rad rollt und rollt und rollt. Seit ich den Platten hatte, ist allerdings meine Unbeschwertheit weg, weshalb ich dem Bus, der mich notfalls zum Bahnhof bringen könnte, vorausfahre.

Dadurch bin ich eine halbe Stunde zu früh da, sodass ich bis zum wenige hundert Meter entfernten Bäcker radle. Ich habe Glück und bekomme sofort eine Tasse Kaffee und eine Streuselschnecke. Gerade als ich mich setze, wird es voll. Binnen weniger Minuten bildet sich eine Schlange aus etwa zehn Personen. Am Nachbartisch sitzen vier ältere, etwas korpulente Herren und tauschen sich über ihre E-Bikes aus. Kaufland oder Fahrradladen? Abnehmbarer Akku oder festmontiert? Reichweite? Ich höre heraus, dass sich alle am Ende für die preiswerteste Variante entscheiden haben. So wie es klingt, ist aber heute niemand von ihnen mit seinem E-Bike hier.

Der Bahnsteig ist gut gefüllt. Viele junge Männer mit dem Fanschal des 1. FCM warten mit mir auf den Regionalexpress. Auch wenn ihre Mannschaft momentan auf einem Abstiegsrang steht, fahren alle weiterhin nach Magdeburg ins Stadion. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Das Wochenende daheim ist schon keine Rückkehr des verlorenen Sohnes mehr, sondern beinahe Alltag. Ich kümmere mich um die Wäsche, sauge Staub und räume auf, lese Zeitung und gucke mir einen Film an, gehe einkaufen und setze mich auf den Hometrainer. Ich bin bereit für das normale Leben, bereit für Leipzig – auch wenn mich hier in der Großstadt der Dreck anekelt. Im kleinen Jerichow stehen überall Müllbehälter, ob an Haltestellen, Sehenswürdigkeiten oder Bänken. Die blauen Beutel, mit denen sie ausgelegt sind, vereinfachen das Entleeren – ich habe noch nie einen überquellen sehen. Die Sammelcontainer für Kleidung sind gepflegt, es liegen keine dem Regen und Vandalismus ausgesetzten Lumpen davor. An den Gaststätten hängen keine Poster, die per Hausrecht das Betteln untersagen. Es stehen keine Schrottfahrräder herum. Die Menschen gehen höflicher und rücksichtsvoller miteinander um als in Leipzig.

Auf der Rückfahrt regnet es in Genthin beim Umstieg. Die letzte Etappe wird mit dem Bus zurückgelegt. War es wirklich erst gestern, dass ich mit dem Fahrrad in der Gegenrichtung unterwegs war? Die Tropfen auf der Scheibe orchestrieren meine Gemütslage.

Zurück in der Klapse verdunkeln österliche Albernheiten das Gemüt noch weiter: Die Klinik hat jedem von uns einen Osterhasen aus Schokolade hingestellt, eine Mitpatientin legte einen bonbonbunten Kugelschreiber nebst Minikarte dazu. Und am Ostermontag möchte eine weitere Patientin für jeden von uns ein andersfarbiges kleines Geschenk im Haus (zwei Etagen, drei Wintergärten und Terrassen, zwei große Gemeinschaftsräume, drei Bäder und zwei Lesezimmer) oder den Außenanlagen vom Haus verstecken – welch „Freude“!

Um alledem wenigstens kurz zu entfliehen, muss ich am Abend noch einmal raus. Unser Gruppenküken schließt sich mir spontan an. Die Regenwolken haben sich verzogen, die Abendsonne lässt Felder und Bäume glühen. Wir erzählen von unserem jeweiligen Wochenende. Wegen Ostern durfte auch sie für eine Nacht verreisen, auch wenn sie die vorgeschriebenen sechs Wochenenden in der Anstalt noch nicht erreicht hat. Da sie friert, verkürze ich meine übliche Runde.

Vor einem Garten müssen wir aber noch stehenbleiben – hier blühen unglaubliche Magnolien in verschiedenen Farben und Größen. Zwei Männer stehen am Tor. „Ein Euro“, ruft der eine scherzhaft, dann wird er verabschiedet und der andere kommt zu uns – der Besitzer des Gartens, wie sich herausstellt. Die Magnolien sind sein ganzer Stolz. Dreißig Pflanzen hat er bereits, die er alle bei einem Züchter in der Nähe von Frankfurt am Main erworben hat. Auf den lässt er nichts kommen: „Den kann ich zwanzig mal am Tag anrufen, wenn ich eine Frage habe. Die Pflanzen aus dem Baumarkt taugen nichts.“ Aktuell bereitet ihm das Wetter Sorgen, da es nächste Woche wieder Frost geben könnte. Zudem zerzaust der Wind gerade heftig die Blüten. Noch stehen nicht alle Pflanzen in voller Pracht, doch das Farbenspiel ist bereits beeindruckend. Ein schöner Tagesausklang.

Dann in der Nacht auf Montag die zunehmende Gewissheit, dass ich mich an der kollektiven Geschenksuche nicht beteiligen muss – ich habe mir einen Mageninfekt oder Ähnliches eingefangen. Der schmerzende Bauch ist prall gespannt wie ein mit Wasser gefüllter Luftballon. Irgendwann gegen sechs Uhr die zumindest teilweise Erlösung, als ich den Großteil der Mahlzeiten vom Vortag ausbreche. Jetzt liege ich mit einer Wärmflasche auf dem Bauch im Bett und trinke Kamillentee. Bereits das beides zu holen, war eine heroische Anstrengung. Das wird bestimmt ein ganz ruhiger Ostermontag.
