Christoph Sanders, Thalheim

Zu Wochenbeginn lässiges Gleiten durch Nordfrankreich. Maximale Enttäuschung an der belgischen Pommesstation, die von meiner Familie seit Jahrzehnten aufgesucht wird – die Portionen wurden verzwergt, die Preise verdoppelt. Dabei wiesen die flämischen Pommesfabriken noch vor Kurzem Lastkraftwagen voller Kartoffeln zurück. Vermutlich wird jetzt „Hormus“ als Schlagwort für alle Preissteigerungen verwendet – so wie 2022 bis 2024 „Ukraine“.

Auch im Flächenstaat Frankreich heftige Debatten um die Spritpreise – was ich vorher nicht begriffen hatte: lediglich Staatskonzern Total nimmt einen „freiwilligen Maximalpreis“, auch auf Autobahnen, wo ohnehin ein saftiger Zuschlag durchgesetzt wird. Das macht zurzeit Differenzen von 4 Cent pro Liter, was dazu führt, dass es an den anderen Tankstellen am Nachmittag lange Schlangen gibt, bis alles ausverkauft ist – die Säule zeigt dann statt des Preises 9999999. Finanzminister Lescure erklärt am Abend in einer TV-Fragerunde, dass seine Macht bei den international verflochtenen Raffinerien endet; erst wenn im Mai die Kontrakte mit den Lieferanten erneuert werden, könne man mit Änderungen rechnen. Spannende Zeiten.

Ankunft und ein angenehmes Leben in der Nachbarschaft der Kathedrale von Le Mans. Ein interessantes Bauwerk, weil sich da mehrere Epochen ineinanderschieben – vorn romanisch, hinten gotisch. Rings um diese fantastische Kirche die alte Stadt: Stein und Fachwerk seit dem 14. Jahrhundert. Mitten in der Straße der Königin Berengaria der Antiquar für Bücher vor 1960 nebst seiner Katze. Er führt auch Comics – ich kaufe meiner Kleinen für drei Euro das Lucky-Luke-Album „Western Circus“, das liegt unter dem Preis einer seriösen Tageszeitung. Hier in der Universitätsstadt mit den großen Neubauzonen, die wie Luxusplattenbaukomplexe anmuten, gibt es reichlich Buchquellen – ich lese gerade Éric Neuhoffs „Pentothal, eine wunderbare Erzählung aus der Sicht eines Unfallpatienten.

Ansonsten findet man in der neuen Altstadt eine bunte Kette von Einzelhandelsläden des Franchisezeitalters: Schuhe, Klamotten, Tee, Kaffee, Konditoren und Cafés für alle Altersklassen. Ich frage meine Mädchen immer, für welchen Typ Kundin das Geschäft ist, sie sagen dann „verheiratet“, „unverheiratet mit Kind“, „Öko“, „jung“, „jung und fürs Date“, „fürs Büro“, „für ihre Kinder“ (in drei Varianten). Es ist einfach alles dabei in diesen propperen Läden – Amazon hat noch nicht überall gewonnen! In den Straßen am Bahnhof die les grands magasins – vier Warenhauspaläste, die rund um die vorletzte Jahrhundertwende erbaut wurden und gerade renoviert werden. Hier und da Kamelien, Kirsch- und Lorbeerblüte, frühlingshaft kühl.

Mittwoch bei dunstig grauem Wetter und Nieselregen ein Ausflug nach Paris. Ergebnisloses Shoppen für die Girls, was aber locker von der Lebendigkeit der Stadt, der Vielfalt, einfach allem kompensiert wird. Mein Fang: King Sunny Adé als CD-Doppelpack. Auf den Jùjú-Klängen des Nigerianers schweben wir dann nach Le Mans zurück.

Am Donnerstag Fahrt nach Chartres, das inzwischen zur Schlafstadt für nach Paris pendelnde Arbeiter geworden ist. Eine Altstadt gleichen Musters wie Le Mans – die Kathedrale ein gewaltiger, etwas steifer Bau mit riesigen Rosettenfenstern. Am Freitag mit dem Teenie zum Graal aller Automobilisten – dem Rennkurs südlich von Le Mans, auf dem seit 1923 das berühmte Langstreckenrennen ausgetragen wird – die „24 Heures du Mans“. Wir besuchen das gleichnamige Museum sowie das im Jahr 1799 eröffnete Kunstmuseum Tessé gleich um die Ecke. Auf dem Hinweg die endlosen Folgen der Gewerbeflächen Süd; wir sehen Traktoren, Baumaschinen, PKW … Marken, die bei uns niemand kennt – China setzt seine Pflöcke. Die kommunale Rennstrecke ist von Sichtblenden umrandet, so wie einst Schlossherren ihre Ländereien einmauerten. Nur der öffentliche Teil, die Straße nach Tours, bleibt zwangsläufig frei; früher führte das Rennen ausschließlich über Landstraßen. Die berühmte Gerade von Tertere Rouge nach Mulsanne und Arnage ist erstaunlich schmal. Die „24h“ sind wichtiger für die Stadtkasse als es die Pilger waren.

Wenn ich morgens erwache, höre ich kaum Singvögel, ab und an mal eine Amsel. Das Samstag beginnt mit zwei Blaumeisen im Baum nebenan. Es ist unser letzter Tag in dieser schönen, ausgedehnten Stadt. Unser Teenie hat mit ihren Freunden vom Schülertaustausch eine Woche Wiedersehen gefeiert, uns empfahl sie die besten Bäcker am Platze. Nun läuft das Osterprogramm, vereinzelt strömen Gläubige der Kathedrale zu. Zweites Frühstück bei mildem Wetter.

Am Nachmittag dann Aufbruch Richtung Süden.
