
Mittwoch, 18:30 Uhr, Hauptbahnhof. Der ICE 1902 nach Lüneburg fährt pünktlich ab. Die Digitalanzeigen über den Sitzen zeigen das kundenunfreundliche „GGF. RESERVIERT“. Wie man das stressfreier als das Staatsunternehmen Deutsche Bahn organisiert, zeigt der Privatanbieter FlixTrain: Dort ist mit jedem Ticket automatisch eine Platzreservierung verbunden. Ich habe diesmal Glück und werde im Laufe der Fahrt nicht weggescheucht. Nach einer Weile fällt mir auf, dass es im Waggon außergewöhnlich still ist – ich bin zufällig im Ruhebereich gelandet, was sehr angenehm ist. In den zwei Stunden, die ich unterwegs bin, höre ich lediglich das Auf- und Zuknipsen von Brotdosen, das Auf- und Zudrehen von Flaschen, das Knacken und Zischen von Getränkedosen, das Rascheln von Tüten, die Schritte der Durchgehenden, Kofferrollen, Atmen und Flüstern, zu Beginn das Piepen des Phones als es im „WIFIonICE“ einloggt (in meiner Umgebung sitzen, gut zuortbar: „Marie B“, „Thore“ und „Kim Kira“), sowie die Durchsagen der Zugbegleiterin: „Wer jetzt schon mag, kann gern auf ein Bierchen ins Bordbistro kommen.“ Das „jetzt schon“ gefällt mir – im Zug zwischen Prag und Westerland, mit dem ich ab und an fahre, wird das bereits morgens um neun angesagt.

Ich mache es mir bequem und trinke Tee aus der Thermosflasche. An den leicht verdreckten Abteilfenstern fliegen vorbei: bewohnte, unbewohnte und verfallene Häuser, Felder, Wälder, einzelne Bäume und Sträucher, Teiche, Flüsse, Seen, Kanäle, Hochsitze und Vögel …

… Windräder, Sonnenkollektoren, Strommasten, Trafohäuschen, Baustellen, Baufahrzeuge, Personenkraftwagen, Lastkraftwagen, Schutthaufen, Sandhaufen, Kohlehaufen, Steinstapel, Holzstapel, Verkehrsschilder, Silos, tote und halbtote Bahnhöfe und Erdwälle …

… Schallschutzwände, Brücken, Unterführungen, Warntafeln, Züge, Gartenlauben, Brennholzstapel, Radwege, Radständer, Parkplätze, Recyclingcontainer, eine Feuerschale, diverse Straßen, darunter ehemalige KAP-Straßen, kapitalistische und private Feldwege …

… Gärten, Garagen, Kirchen, Mauern, Friedhöfe, Schornsteinrauch, Straßenlaternen, Sportplätze, Tankstellen, Dixieklos, Fahrzeughöfe, Wegmarken, Städte, Dörfer, Brachland, Fabriken, Uhren, Menschen, Graffitis, Wolken geschlossene Schranken und offene Schranken …

In Stendal haben wir acht Minuten Verspätung, was die Schaffnerin nicht davon abhält, in aller Seelenruhe auf dem Bahnsteig auf- und abgehend eine Zigarette zu rauchen: Sehr gut – das Allerletzte, was ich möchte, ist, mit jemandem mit Suchtdruck in einem Raum ohne Fluchtweg eingesperrt zu sein. Dann geht blutorangenorange die Sonne unter und ich sehe nur noch unser gespiegeltes Abteil im Fenster. Wir treffen in Lüneburg drei Minuten nach der Zielzeit ein.

Bevor mich am Karfreitag meine großen Nichte zum Lüneburger Bahnhof bringt, muss erst einmal das Eis von den Autoscheiben und -spiegeln gekratzt werden. Dann geht es mit dem ICE 1901 um 7:21 Uhr nach Berlin zurück – auch dieser Zug ist pünktlich; wir sind am Ende sogar zu früh da und müssen vor dem Hauptbahnhof darauf warten, dass unser Gleis frei wird. Im Gegensatz zur Hinfahrt sehe ich durch das Abteilfenster auch Nebel und Raureif. Weder auf der Hin- noch auf der Rückfahrt erblickte ich, den sogenannten Homo sapiens einmal ausgenommen, Säugetiere, nicht einmal Hunde. Aber wer weiß, im Zweifelsfall gilt das, was der französische Historiker Benjamin Gastineau 1861 in „La vie en chemin de fer“ schrieb:

„Die Dampfkraft, dieser machtvolle Maschinist, verschlingt einen Raum von 15 Meilen pro Stunde und reißt dabei die Kulissen und Dekorationen mit sich; sie verändert in jedem Augenblick den Blickpunkt, sie konfrontiert den verblüfften Reisenden hintereinander mit fröhlichen und traurigen Szenen, burlesken Zwischenspielen, mit Blumen, die wie Feuerwerk erscheinen, mit Ausblicken, die, kaum daß sie erschienen sind, schon wieder verschwinden; sie setzt die Natur in Bewegung, so daß diese nacheinander dunkel und hell erscheint, sie zeigt uns Skelette und junge Liebende, Sonnenschein und Wolken, heitere und düstere Anblicke, Hochzeiten, Taufen und Friedhöfe.“ (zitiert nach Wolfgang Schivelbuschs superbem Buch „Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert“, Carl Hanser Verlag, München, 1977)

