Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Am Sonntag sehe ich in meinem Amazon-Account, dass der Versand des dringend benötigten Fahrradschlauchs mit DHL erfolgt. Früher stellte der ehemalige Postkonzern Privatpakete binnen eines Tages zu – inzwischen hofft man, dass eine Sendung innerhalb einer Kalenderwoche ankommt. Erreicht mich der Schlauch nicht bis Donnerstag, muss ich mein Fahrrad schieben und zugleich hoffen, dass der Bus nach Genthin es auf dem Weg zum Bahnhof mitnimmt – falls nicht, bin ich aufgeschmissen.
Am Mittwoch werde ich erlöst – die beiden Schläuche sind da! Mein Zimmerkollege unterstützt mich beim Wechseln, was angesichts des straff sitzenden Mantels sehr hilfreich ist. Den ersten der Schläuche beschädigen wir beim Versuch, den Mantel wieder über die Felge zu hebeln. Zum Glück habe ich noch einen zweiten bestellt – dieser Versuch gelingt. Zwar fühlt sich der Mantel etwas unrund an, doch ich hoffe, dass die Luft hält. Um am Samstag bei meiner Heimfahrt auf der sicheren Seite zu sein, werde ich am Karfreitag wohl auf eine Ausfahrt in Jerichow und Umgebung verzichten.

Nach elf Wochen habe ich nun den Dreh raus, wie ich mich am besten verhalte, wenn wir in komischen Therapien komische Sachen machen: Einfach mal die Klappe halten.
In der Bewegungstherapieeinheit bekommen wir die Aufgabe, eine Bewegungsart und einen Rhythmus finden, um von einem äußeren, großen Kreis in einen engen inneren zu gelangen und anschließend wieder nach außen. Nach kurzer Verwirrung setzt sich das Naheliegende durch: gleichzeitig klatschen und schreiten.
Okay, soweit – das klappt. Nun sollen wir, ohne Wörter zu benutzen, einen Laut oder Ton finden, mit dem wir die Ankunft in der Mitte und die Rückkehr in den äußeren Kreis begrüßen – es werden „Juhu“ und „Jeeih“. Also schreiten sieben erwachsene Menschen klatschend in die Mitte, rufen „Juhu“, verlassen die Mitte rückwärts schreitend und klatschend, rufen „Jeeih“ und beginnen dann wieder von vorn.
Sieht albern aus, fühlt sich albern an, ist albern.

In der Nachbesprechung sagt eine Mitpatientin, was ich genauso hätte ausdrücken können: Sie empfand keine Freude an der Übung, nur Ärger. Dafür muss sie sich anhören, dass sie mal in sich hinein horchen und fragen solle, was der tiefere Grund für ihre Ablehnung und Verärgerung sei – und das ausgerechnet von der Therapeutin, die letzte Woche noch betont hatte, dass sie uns nur Angebote unterbreite, was wir damit dann machen, sei unsere Sache. Das Naheliegende, dass die Übung für einen normalen Erwachsenen einfach nur dämlich ist, spricht niemand aus. Ich auch nicht, denn ich habe inzwischen ja gelernt, dass es hier zwar explizit gefordert, in Wirklichkeit aber gar nicht erwünscht ist, seinen echten Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Ansonsten fällt, weil das Personal größtenteils schon im Osterurlaub ist, an den letzten Tagen fast jede Therapie aus. Die Teamvisite findet statt. Ich werde gefragt, wann ich kommende Woche die finale Heimfahrt antreten wolle. Ich antworte, so früh es geht, am besten gleich nach zehn Uhr. „Dann vermeiden Sie also den Abschied und die Visite?“ – „Ich möchte lieber so schnell wie möglich nach Hause fahren.“ – „Aber Sie wollen schon bewusst dem Abschied aus dem Weg gehen?“ Ich sage, dass ich das nicht wolle. Die Chefärztin hakt nach: „Sie verstehen meine Worte? Dass Sie sich Ihrem Abschied entziehen?“ Immer das gleiche Spiel mit Worten: „Ja, ich habe Sie sehr wohl verstanden. Aber ich sehe das mit dem Vermeiden nicht so, denn immerhin habe ich ja jetzt eine ganze Abschiedswoche.“ Ein Nicken – und dann ist auch dieses Gespräch geschafft.

Am Donnerstag ist mein Zimmerkollege abgereist. Auch er wollte nach dem Frühstück schnellstmöglich fort – eine Umarmung, einige Frotzeleien, mehr braucht es für uns nicht.
Er weiß bereits, dass er wiederkehren wird – vermutlich nächstes Jahr zur gleichen Zeit; es wäre dann sein dritter Aufenthalt hier.
Am Dienstag verließ uns eine Patientin. Ihr Vater holte sie ab. Als sie ins Auto steigen sollte, bekam sie eine Panikattacke und verblieb weinend im Haus. Der Vater fuhr mit dem Gepäck los, sie folgte Stunden später mit Bus und Zug.
Dass zeigt, dass keiner von ihnen ernsthafte Fortschritte gemacht hat. Woran liegt das? Sicherlich an ihnen selbst, da sie sich lieber mit Hobbys oder mit romantischen Verwicklungen ablenkten, anstatt sich ernsthaft ihren Dämonen zu stellen. Und hier trägt für mich ganz klar die Klinik eine Mitschuld, weil ausschließlich aufs Reden, Reflektieren und Beobachten der eigenen Gefühle („Wie geht es Ihnen damit?“) Wert gelegt wird, statt aufs Tun („Okay, wir kennen jetzt die Gründe. Wie könnte es nun weitergehen?“). Ich will den Therapeuten keine mangelhafte Methodik unterstellen, aber könnte nach zwölf Wochen nicht ein wenig mehr an Ergebnis stehen?

Dazu kommen die nicht-therapeutischen Angebote, die die beiden nicht wahrnehmen wollten: Wald und Wiese, Schnee und Eis, Sonne und Regen, Nebel über den Feldern, leuchtende Blätter und Blüten in der tiefstehenden Abendsonne, also das heilsame Wirken der Natur nach dem Motto „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“.

Ich drehe weiter meine Runden. Zur Zeit haben wir wechselhaftes Wetter – Sonne, Regen und fantastische Wolkengebilde wechseln sich ab. Dazu weht ein böiger Wind, sodass ich froh bin, die Winterjacke noch nicht zuhause in Leipzig gelassen zu haben.

Am Gründonnerstag sehe ich während meines Spaziergangs, wie eine Mutter und ihre Tochter auf der Weide zwei Pferde ausführen. Auf dem Zufahrtsweg tuckert ein Traktor mit großem Anhänger, um Mist auf die Felder zu bringen. Das Wintergetreide steht grün und kräftig. Der Specht klopft Würmer und Maden aus dem Winterschlaf. Wo eben noch Krokus und Schneeglöckchen ums Licht buhlten, machen sich Tulpen und Narzissen breit. Eine dicke Hummel sucht nach der passenden Blüte. Die Spatzen, Meisen und Stieglitze führen ihre Paarungstänze aus – die Katze schaut zu und sieht Gelegenheiten. Die ersten Storchenpaare diskutieren die Einrichtung der gemeinsamen Wohnung. Das vergessliche Eichhörnchen versucht verzweifelt, sich zu erinnern, wo es verflixt noch mal die anderen Eicheln versteckt hat. Auf einem Hinterhof watscheln entspannt drei Laufenten auf mich zu … Leute! Wo, wenn nicht hier, könntet ihr mit allen Sinnen erfahren, wie schön es ist zu leben?

Ich breite die Arme weit aus und strecke mein Gesicht in die Sonne.
