
Am Mittwoch sehe ich auf dem Weg zum Yoga in Wilmersdorf die ersten Frühblüher, ab da, bei Temperaturen, die an manchen Tagen bis 16 Grad steigen, überall weitere. Große Freude am Montag, als ich auf meinem Balkon einen Eichelhäher sichte – leider fliegt mein bester Verbündeter im Kampf gegen die Tauben schnell vondannen; ich wünschte, ich könnte ihn und ein paar Artgenossen dauerhaft ansiedeln. Die Taubenpopulation in unserem Hof wächst von Jahr zu Jahr., haben die Vögel erst einmal begonnen, (an einer eigentlich unmöglichen Stelle) Zweige anzuhäufen, kann man sie kaum mehr vertreiben. Alles ist voller Futterreste, Federn und vor allem Kot – zum Glück sieht man nicht auch noch all die Parasiten, die damit verbunden sind. Das Institut für Schädlingskunde im hessischen Reinheim hat bei Stadttauben Wanzen, Käfer, Spinnen sowie zwölf für Menschen potenziell schädliche Insektenarten nachgewiesen. Auch die ebenso gefundenen Zecken, Rote Vogelmilben und Flöhe können humanpathogene Erreger übertragen, darunter die Auslöser von Pilzinfektionen des Gehirns und der Lunge, der Salmonellose oder der Papageienkrankheit. Wie sagte mal ein Kammerjäger über unsere Hoftauben zu mir: „Dies ist ein Krieg – und der ist verloren.“

Der Kampf gegen den Müll im öffentlichen Raum scheint genauso aussichtslos. Da Aufgeben keine gute Option ist, organisierten ein Freund und ich auch in diesem Jahr wieder die Müllsammelaktion im moabiter Fritz-Schloss-Park. Eine gute halbe Stunde bevor es am Sonntag losging, tauchte bereits der erste Sammler auf – und das mit einem vollen Müllsack! Wir stellten einander vor – Hassan, ein feiner älterer Herr, erzählte, dass er täglich in dem Park joggen gehe und einfach schon mal loslegen wollte, weil er später anderweitig verplant sei. Da er noch etwas Zeit hatte, bat er um einen weiteren Sack – that’s the spirit! Mein Kompagnon Gregor, der Erfinder der Initiative, bog ums Gehölz. Wie üblich war er besorgt, dass außer uns niemand erscheinen würde. Seine Angst erwies sich schnell als unbegründet – aus allen Richtungen strömten Menschen herbei. Nach der Begrüßung und einer kurzen Einführung griffen alle zu Handschuhen, Abfallzangen, Warnwesten, Eimern und Müllsäcken, hochmotiviert, sofort anzupacken. Den Großteil des Materials hatten im vergangenen Jahr die Berliner Stadtreinigungbetriebe gestellt.

Es kamen gut achtzig Leute zusammen – üblich sind bei solcherart Aktionen acht bis zehn. Ein entscheidender Faktor dürfte sein, dass Gregor und ich im Kiez leben und keines dieser Ufos sind, die kurz landen, Steuergelder einsacken und dann zum nächsten Fördertopf fliegen. Außerdem erhalten wir im Gegensatz zu NGOs keinerlei Vergütung, was wir transparent machen. Zielgruppenorientierte Werbung und jeglicher Verzicht auf politische Belehrungen dürften ebenfalls nicht nachteilig gewesen sein; die selbstreferenziellen Ökotrupps im Stil der achtziger Jahre erreichen inzwischen ja nicht einmal mehr ihre eigene Blase. Wir wollen einfach nur Müll sammeln, bevor die Brutsaison beginnt – und das mittlerweile im fünften Jahr.

Einige, die kamen, sind bereits seit 2022 dabei – und alle stellten unabhängig voneinander fest, dass der Park seit der Aktion insgesamt sauberer geworden ist. Ich denke, dass dies die Broken-Windows-Theory bestätigt, die besagt, dass bereits kleinste Anzeichen von Verwahrlosung wie zerbrochene Fenster, Müll oder Graffiti signalisieren, dass in dieser Gegend die Regeln für ein gesittetes Zusammenleben ins Wanken geraten sind. Viele verstehen dies dann als Freibrief, ebenfalls gegen diese Regeln zu verstoßen. Die Studien, die der Theorie zugrunde liegen, wurden 1969 in der Bronx und im kalifornischen Palo Alto durchgeführt und sind oft bestätigt worden – nahezu jeder dürfte aus seiner eigenen Hood solche rasch anwachsende Müllplätze kennen. Umgekehrt vermittelt eine gepflegte Umgebung den Eindruck stabiler sozialer Normen und erhöht die Hemmschwelle, geltende Regeln zu missachten.

Was definitiv zugenommen hat, ist der Drogenkonsum im Fritz-Schloss-Park: Während 2025 noch drei, vier Spritzen in unseren Extra-Eimerchen landeten, waren es diesmal bestimmt dreißig. Wir entsorgten sie anschließend in einem Spezialbehälter – im Bezirk Mitte gibt davon es achtzehn Stück. Besonders interessant waren die Berichte und Einschätzungen der anderen zum Themenkomplex – niemand glaubte, dass man das Problem komplett aus der Welt schaffen könne, außer man setzt wie Singapur oder Indonesien auf Totalüberwachung und harte Strafen. Mit einem Hamburger machte ich ein paar sarkastische Witze über St. Georg und Ronald Schill, sprach mit anderen über das chinesische Social-Credit-System, mit dem auch hierzulande zunehmend geliebäugelt wird, und konnte ein paar Erste-Hand-Erlebnisse aus der Drogenhochburg Parchim in den Neunzigern beisteuern. Dass es auch in Klein- und Mittelstädten Dealer und Konsumenten gibt, ist ja kein neues Phänomen, durch GPS und Drohnen haben sich lediglich die Transportnetze erweitert. Vor zwei Jahren bestätigte mir eine Krankenschwester, die auf einer Entzugsstation arbeitet, dass heute bis ins letzte Dorf geliefert wird.

Meine absoluten Heldinnen und Helden waren die dreißig Kinder, die bei der Aktion mitgemacht haben. Empathische, abgeklärte berliner Kiddies, denen man nicht erklären musste, dass man die Kleidung und anderen Sachen in den Obdachlosenunterschlüpfen liegenlässt, da das deren Eigentum und Wohnung ist. Die wussten, warum alle stichfeste Handschuhe anzogen. Die sich ohne zu murren vor dem Essen der Hageläpfel, Datteln und Möhren die Hände desinfizierten. Eine Zehnjährige hatte auf eigenes Betreiben hin das Familien-E-Bike mit zwei Körben versehen und fuhr zwischen den weitflächig verstreuten Sammlern hin und her, um ihnen neue Säcke oder anderes zu bringen. (Es versteht sich von selbst, dass wir ihr für das kommende Jahr eine personifizierte Team-Weste beplotten werden.) Die Aktion war auf zwei Stunden angelegt – traditionell waren dann einige fast doppelt so lang da. Die vollen Säcke stellten wir an den vielen, zuvor mit der BSR ausgemachten Plätzen ab, am Tag darauf wurde das dann von denen abgeholt. Ein rundum schöner Tag voller toller realitätsgesättigter und trotzdem optimistischer Gespräche.

Am Dienstagabend treffe ich meinen iranischen Nachbarn im Hof. Er, ein ehemaliger Fußball-Erstligaspieler und topfitter Mann, wirkt, als ob er in sich zusammengefallen wäre. Ich traue mich kaum zu fragen, wie es ihm und seiner Familie in der alten Heimat geht. Mit ganz leiser Stimme antwortet er: „Alles Scheiße.“ Dann sagt er, dass ihm nicht nur seine Landsleute leid tun, sondern alle, die dort gerade geopfert werden: junge US-Amerikaner, Israelis, der gesamte Nahe Osten. Mein Nachbar ist Pazifist. Davon gibt es nicht mehr allzu viele in meinem Umfeld. Weil ihn die Mullahs töten wollten, floh er 1989 nach Westberlin. Er weiß, wie es auf der Welt zugeht.

Das Institut für Schädlingskunde über Tauben: https://schaedlingskunde.de/veroeffentlichungen/gesundheitsrisiko-durch-verwilderte-haustauben/
„Broken Windows“ by James Q. Wilson & George L. Kelling: https://media4.manhattan-institute.org/pdf/_atlantic_monthly-broken_windows.pdf
Sozialwissenschaftliche Reportage über den ökonomischen und sozialen Verfall Baltimores (später Grundlage für die großartige HBO-Serie „The Wire“): https://www.socialnet.de/rezensionen/13365.php
Buch über den aktuellen Drogenhandel:https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/300503/kristall/
Die nicht genug zu lobpreisende Aktion „Kehrenbürger“ der BSR: https://www.kehrenbuerger.de/
Fotos: Gregor Dill & Helko Reschitzki
