Christoph Sanders, Thalheim
In einem Anflug von Großmut die Kinder am Freitag um 7 Uhr zur Schule gebracht, damit sie eine halbe Stunde mehr Zeit für sich haben. Die wurde nicht genutzt, da die Girls um 6:55 Uhr kaum fertig frisiert waren und dann noch eine Geige vergessen wurde. Es gelang dennoch, die wertvolle Fracht auf den Punkt abzusetzen. Die endlose Kette an Fahrzeugen, die aus allen Dörfern zur Autobahn strömen, ist wie immer bedrückend. Ich bin einigermaßen neugierig, wie sich die regressiven Energienarrative der aktuellen Regierung gegenüber den selbstverordneten Klima- und Co2-Zielen verhalten werden. Die Skifahrer weichen jetzt auf die Gletscher Andorras aus, um in Europa überhaupt noch Wettbewerbe austragen zu können. Der Autothermometercheck sagt 1 Grad. Auf dem Weg zur kurzen Visite beim Hausarzt bricht mit zauberhaften Farbspielen Nebel auf.

Ein langer, strahlenden Sonnentag. Vom Arzt geht es nach Koblenz, wo ich in der liebevoll restaurierten Backsteinvilla des Radherstellers Canyon eine wunderbare Zeit verbringe. Die dort ausgestellten historischen Rennräder genießen meine volle Aufmerksamkeit.

Mein Stehvermögen ist während der Besichtigung hinreichend. Mal sehen, wann es wieder möglich ist, dass ich selbst ein Rennrad bewege – zuvor warten aber hunderte Fotos auf ihre Auswertung.

Musikunterricht, das erste Eis des Jahres, Temperaturen, die in den Frühling weisen. Viele neue Farben, vermutlich kommen sie in der Märzsonne besser zur Geltung. Notiz am Rande: Die gerade in Manchester gewählte Abgeordnete der Grünen trägt die gleiche Farbkombi wie Miles Davis 1971 bei einem Auftritt in Skandinavien.

Am Samstag bringe ich den Teenie zur Probearbeit in das erste Espressocafé am Platze. Im Ort inspiziere ich beim Syrer Laptops – der alte ist zwar noch voll betriebsfähig, nur springt ständig der Lüfter an, wenn der Prozessor stark beansprucht wird. Besonders im Sommer führten Livestreams dazu, dass das Gerät regelmäßig abstürzte. Nun also ein fast neues von 2021. Während der Syrer das Office-Paket installiert und die Aktualisierung laufen lässt, gehe ich zum Café zurück. Meine Tochter bemerkt mich zunächst nicht, was sehr angenehm ist. Ihre sicheren Bewegungen erfüllten mich mit Stolz. Die Mannschaft ist eine raffinierte Komposition multikultureller Serviererinnen rund um einen kleinen Barista. Immer neue Gäste im Sonntagsstaat betreten das Lokal, darunter viele Paare mit schönen, gebürsteten Hunden. Dann entdeckt sie mich. Der Espresso, den sie mir bringt, ist tatsächlich erheblich besser als alles, was ich in den letzten Monaten irgendwo serviert bekam. Vielleicht gönne ich mir das einmal im Monat. Mein Teenie erklärt mir, dass man dort in Vorkasse geht und eine Tischnummer mitnimmt – das erhöhe den Umsatz. Am Montag wird ihr definitiv mitgeteilt, ob Interesse an einer Beschäftigung besteht – so taktisch denkt die Jugend. Die Inhaberin schenkte ihr nach der Schicht 250g Selbstgerösteten.

Zurück nach Hause. Rauhes Märzwetter: Wolkig, windig, sonnig. Überall erklingen Motorsägen und Gartengeräte. Am Nachmittag spiele ich auf den neuen Lenovo alle Lieblingsprogramme, führe Updates durch, setze im Browser Lesezeichen, ändere mit Hilfe meiner Kids (deren Tipps ich genieße) die Sicherheitseinstellungen. Am auffälligsten ist die völlig neue Farbqualität des Bildschirms, das ultraschnelle Arbeitstempo des Arbeitsspeichers und wie lange der Akku hält. Im Familien-Computer-Status bin ich damit aufgestiegen.

Am Sonntag in die Wiesen mit meinen Girls, die so konsequent ihre Gespräche führen, dass eine teilnehmende Naturbeobachtung kaum möglich ist. Ich also mit Skistöcken hinterher, Monologe eines alten, weißen Mannes führend. Das Gehen fällt mir leichter als noch vor ein paar Tagen. Größte Nebenwirkung meiner Wanderungen sind ein schweres, straffes Bein und das nach unten wandernde Hämatom. Im Haus komme ich inzwischen problemlos ohne Gehhilfen zurecht, interessanterweise bewege ich mich hier viel mehr als in der Klinik – das Hin und Her des Alltags. Ich lese Georg Büchners „Lenz“, das ich gestern aus der Büchertelefonzelle der kleinen Stadt mitnahm. Ein verstörendes Sturm-und-Drang-Stück, eher Psychogramm als Geschichte. Danach mit dem Sohn zu dessen Sonntagsspiel. An der Tanke reger Betrieb bei sonnigem Wetter. Gerade als ich aus dem Wagen steige, lässt ein Mann eine seiner Bierpullen aufs Pflaster knallen – schäumend verläuft sich die Hopfenbrause in den Rillen der Betonfliesen. Der Sohn verliert Null zu Vier und tröstet sich später damit, dass in den 70 Minuten, die er spielte, kein Tor fiel, sowie mit einem mächtigen Proteinshake aus Milch, Banane, Kakao, Nüssen, Sonnenblumenkernen und Whey Protein. Für mich gibt es Tee. Wir beschließen neue Arbeitspläne – ab sofort werde ich dreimal wöchentlich die Kids zu Sonderveranstaltungen chauffieren, das sind dann knapp 100 Kilometer (nach aktuellen Berechnungen).

Bei Sonnenuntergang grüßen die letzten Flugzeugmotoren aus der Atmosphäre. Regulus, der Hauptstern im Doppeltrapez des Löwen steht hoch südlich neben dem Mond – ich werde das beobachten.
