Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Der Freitag beginnt übel für meinen Zimmerkollegen und mich. Und das schon in der Nacht: Mein Bettnachbar flieht auf das öffentliche Sofa, nachdem er mir mehrfach applaudiert hatte, also laut in die Hände klatschte, um mich aus dem schnarchenden Halbschlaf zu wecken. Ich kann nicht richtig schlafen, weil die Nase dicht ist und der Kopf dröhnt. Der Schnupfen ist da. Seit zwei Wochen hatte meine nervöse Blase angedeutet, dass etwas im Anflug sein könnte. Ich hoffe, dass es nicht allzu schlimm wird. Nasenspray habe ich da.
Der Pfleger empfiehlt mir, versorglich zum Stationsarzt zu gehen, um mir für den Bedarfsfall Ibuprofen und Neoangin bewilligen zu lassen. Am Wochenende sei das schwieriger, da das Pflegepersonal ohne Zustimmung des Arztes keines der bewährten Hausmittel abgeben dürfe. Sich selbst zu versorgen ist nicht erlaubt. Gesagt, getan. Am Ende komme ich jedoch nur mit dem Spray bereits gut über den Tag. Nach dem Abendessen besorge ich mir noch Ingwer im Supermarkt. Das Wochenende kann kommen.
In der nächsten Nacht ist mein Schlaf weiterhin unruhig, aber der Kopf ist frei und das Atmen durch die Nase fällt leichter. Den Samtagslauf lasse ich dennoch lieber aus und entscheide mich stattdessen für eine ausgedehnte Wanderung. Kurze Frage in die Frühstücksrunde: „Will jemand mitkommen?“ – „…“ – „Nein? Na dann eben alleine.“ Diese Wanderungen durch die weite Landschaft werden mir eines Tages fehlen, also carpe diem!

Am Ortsausgang sehe ich eine Großmutter mit Enkelsohn, die Zweige zu sammeln scheinen. Zwanzig Meter später bemerke ich meinen Irrtum: Es ist ein Arbeitseinsatz der Gemeinde oder eines Vereins, bei dem ein Krötenzaun am Straßenrand errichtet wird. In einer Parkbucht stehen Autos, doch die meisten sind mit Rad gekommen. Ich gehe die Runde um den Altarm der Elbe, die ich witterungsbedingt wochenlang aussetzen musste. Fantastisch!

Die Sonne, die jetzt seit drei Tagen kräftig scheint, lässt die Tierwelt frohlocken. Eine Schar Elstern fliegt über mich hinweg, acht, vielleicht auch zehn Vögel. Leben Elstern wie die Spatzen in Schwärmen, frage ich mich kurz, bevor die Kühe auf der Weide meinen Blick fesseln. Es sind die ersten Nutztiere, die ich hier außerhalb ihrer Ställe erlebe. Hunderte Wildgänse stärken sich auf den Feldern und Äckern. Eine einzelne Gans am Himmel (vielleicht ein Kundschafter oder Nachzügler, der noch etwas zu erledigen hatte) kündigt laut schnatternd ihre Ankunft an, bevor sie Kreise ziehend nach ihrem Trupp sucht und landet. Zwei Fasane brechen wild flatternd und lamentierend aus einem Gebüsch. Hoch über den Wiesen schwebend beäugt ein Adler kritisch das Essensangebot – er erinnert mich an meine veganen Mitpatienten. Dutzende Rehe springen in kleinen oder größeren Gruppen davon, bevor ich nah genug für ein Foto herankomme – Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Auf dem Deichweg liegen Federn, die aussehen, als wären sie kurz zuvor noch ein vollständiger Vogel gewesen. War hier ein Fuchs am Werk?

Zwei Wildgänse erschrecken mich, als sie aufgeregt gackernd und mit wilden Flügelschlägen aus einem hinter Schilf verborgenen Weiher aufsteigen. Doch vermutlich sind sie gar nicht meinetwegen aufgescheucht, denn ich sehe einen Waschbär durchs flache Wasser patschen. Der lässt sich von mir überhaupt nicht stören, genausowenig wie das Fellbüschel, das zusammengerollt unter einem Baum liegt und sich von der Frühlingssonne wärmen lässt – ein zweiter Waschbär. Auch mein Pfeifen irritiert ihn nicht, Catcalling prallt von ihm einfach ab. Er hat ein dickes Fell und keine Feinde.

Der Boden ist noch feucht, aber bis auf das letzte Teilstück nicht schlammig. Dadurch federt er unter den Füßen und macht die Schritte leicht. Die abgeernteten Zweige der Weiden liegen immer noch in großen Bündeln am Wegesrand. Körbe zu flechten, lohnt sich offenbar nicht mehr. Ein paar hundert Meter weiter wird klar, warum die Zweige hier liegen: Hügel aus Holzspänen zeigen an, dass sie geschreddert werden.

Wenn Bewegung in der Natur therapeutisch sein sollte (was ich im Gegensatz zu den meisten anderen Patienten so empfinde), habe ich am Samstag zwei Therapieeinheiten absolviert. Denn am Nachmittag folgt der obligatorische Marsch nach Tangermünde. Ich sehe Wildgänsen, Reiher, Schwäne und Rehe. Die Sonne strahlt so warm, dass ich im T-Shirt unterwegs bin – zumindest bis der Wind dreht und ich die Jacke überstreife. Endpunkt der Wanderung ist, wie in den vergangenen fünf Wochen, mein Bäcker des Vertrauens.

Meine Plastik „Schrei“ ist inzwischen gebrannt und kann nun von mir gekauft werden. Die Glasur ist nicht ganz so gelungen, wie ich es geplant hatte, aber auch nicht so schlimm wie befürchtet. Die weiße Farbe war zäh und klumpig und ließ sich trotz Aufschwemmens nicht gut auftragen. Das führte beim Brennen dazu, dass sie überkochte wie zu heiße Milch. Jetzt sieht es so aus, als wären die Augen ausgelaufen. Vielleicht hätte das Munch sogar gefallen.

Von unseren Therapeuten wird viel Wert auf den Austausch mit den anderen Patienten gelegt, auf das Aussprechen und die öffentliche Reflexion der eigenen Befindlichkeiten und Gefühle, als wesentliche Voraussetzung für den Therapieerfolg. Könnte es nicht ebenso sein, dass man nur für sich allein, durch Nachdenken und Nachfühlen, durch Zuhören und Beobachten, zu Fortschritten kommt? (Ich frage für einen Freund, wie man so schön sagt.)

Ich habe mittlerweile Viktor Frankls „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ zu Ende gelesen. Das Buch hatte mir noch in Leipzig ein Therapeut empfohlen. Es sind die persönlichen Nachbetrachtungen eines Psychologen über seine Gefangenschaft in Konzentrationslagern, die unmittelbar nach seiner Befreiung aus Dachau entstanden. Was er schildert, ist grauenvoll. Ich vermute, dass es meinem Leipziger Therapeuten bei seiner Empfehlung nicht um das billige „anderen geht es noch schlechter, hab dich nicht so“ ging, sondern um den Umgang mit Leid, unvorstellbarem Leid, und die Art und Weise, sich diesem zu stellen. Einer der Kerngedanken des Autors dreht sich um das Handeln, das richtige Verhalten:
„Leben heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.“
Leid zu durchstehen, kann eine dieser Aufgaben sein, an denen ein Mensch wächst.
Würde ich das in der Gruppentherapie ansprechen, hieße es, ich solle weniger lesen und keine fremden Gedanken wiedergeben, sondern über mich selbst reden.
Und so liege ich auf meinem Bett, starre an die Decke und Tränen rinnen über mein Gesicht. Und während ich über den Sinn des Lebens, die im Leid liegende Größe, über mich und das „wer-ich-sein-will“ nachdenke, wandert leichtfüßig ein Lüftchen aus dem Darm in Richtung Gesäß auf und stiehlt sich davon. Ich kann nicht anders, ich muss lachen und denke mir: Das Leben hält tatsächlich die richtigen Worte parat – man muss nur zuhören.
Also Schluss mit Grübeln, Schuhe an und raus an die frische Luft.

Dort ist auch Leben.
