Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Besuch zu empfangen (ab der 4. Woche) oder nach Hause, zu den Eltern oder Freunden zu fahren (ab der 7. Woche), läuft hier unter dem Begriff „Belastungserprobung“. Der Patient soll gewissermaßen testen, ob er schon wieder bereit ist für das normale Leben. Der Gedanke dahinter ist, dass es keinen Sinn ergibt, zu früh zur Familie oder ins gewohnte Umfeld zurückzukehren, wenn diese der Grund dafür sind, hier zu sein. Deswegen legen die Therapeuten Wert darauf, dass wir sowohl im Einzel- als auch im Gruppengespräch reflektieren, ob ein Wiedersehen zu diesem Zeitpunkt gut für uns sei. Falls jemand Ängste oder Unsicherheit verspüren sollte, wird ihm von der Belastungserprobung abgeraten. Einige Patienten bleiben die gesamten zwölf Wochen in der Klinik, ohne sich einen einzigen Besuch oder eine Wochenendfahrt genehmigen zu lassen.

Wovon ich in diesen Reflexionsgesprächen allerdings nie etwas gehört habe, ist die Belastung einer erneuten Trennung. Meine Frau nach ihrem Wochenendbesuch an der Haltestelle verabschieden und sie in den Bus steigen sehen zu müssen, war sehr bitter – so bitter wie jener Morgen vor fünf Wochen, als ich zu Hause alle umarmte und anschließend hierher fuhr.

Aber bevor wir uns am Sonntag „Auf Wiedersehen“ sagten, holte ich meine Frau aus ihrer Pension ab. Wir machten einen Spaziergang entlang der Wiesen. Der alte Schnee in seiner Schwäche hatte sich in wenige Senken zurückgezogen. Wie anders nun alles aussah, nachdem Nebel und Hochnebel verschwunden waren. Amsel, Elster, Wildgans, Spatz und die unvermeidliche Krähe waren zu hören, ansonsten herrschte Stille. Leuchtende Stille unter einer niedrigen Wintersonne, die uns ins Gesicht schien.

An der Haltestelle umkreisten wir das ehemalige Bahnhofsgebäude. Mindestens ein Raum scheint die Funktion eines kleinen Museums zu erfüllen: Schalthebel fürs Stellwerk, Signalleuchten an der Wand, eine Lampe und eine Telefonanlage aus den siebziger Jahren auf einem Schreibtisch. Die übrigen Räume dienen offenbar bis heute als Aufenthalts- oder Arbeitsbereich, möglicherweise für Angestellte der Stadt. Die obere Etage sah bewohnt aus – es hängen Gardinen vor den Fenstern, unten stehen zwei Namen auf einem Briefkasten.
Dann kam der Bus. Und eine verstohlene Träne.

Der Montag bringt nicht nur frischen Schnee nach Jerichow, sondern auch einen zweiten Neuzugang in unser Haus: Ein Mecklenburger in meinem Alter, also ein weiterer Erwachsener. Da er nach dem Tagesprogramm jemanden sucht, der ihm den Weg zum Supermarkt zeigt, gehen wir zusammen dorthin. Wir schwatzen über früher und heute, über unsere Heimat und die Klinik und stellen dabei einige Gemeinsamkeiten fest.

Später am Abend unterhalte ich mich mit unserem Neuen von letzter Woche. Er sagt, dass er vorerst nicht abreisen und der Sache eine Chance geben wolle. Falls ihm hier nicht direkt geholfen werden kann, möchte er die Zeit nutzen, um in Ruhe über seine Zukunft nachzudenken. Mir fällt auf, wie gewöhnlich ich mir im Vergleich zu dem Mittzwanziger vorkomme, wie erfahren und abgeklärt. „Und doch sind Sie hier“, würde meine Therapeutin jetzt einwerfen. Und doch bin ich hier. Im letzten Einzelgespräch kam ich den Gründen dafür wohl noch ein wenig näher. Diese zwölf Wochen haben ihre Berechtigung – denn beinahe fünf davon habe ich allein dafür gebraucht, um mir dessen bewusst zu werden.
