Walter Kintzel, Parchim
Der Neue Friedhof in Parchim – eine Oase in der Stadtlandschaft
Der Neue Friedhof wurde von 1920 bis 1922 angelegt. Er liegt am östlichen Stadtrand auf dem Eichberg, einer leichten Anhöhe innerhalb des überwiegend flach geprägten Stadtgebiets. Am nordwestlichen Ende schließt der Wockersee an.

Die parkähnlich konzipierte Anlage geht auf Entwürfe des Parchimer Architekten und Regierungsbaumeisters Werner Cords zurück, von dem auch die Pläne für die Feierhalle und das Verwaltungsgebäude stammen, die im Heimatschutzstil mit den regionaltypischen Backsteinen errichtet wurden. Die Planung folgte der seinerzeit aufkommenden Reformidee, die Friedhöfe nicht nur als reine Begräbnisstätten, sondern auch als Orte der Ruhe, Erinnerung und landschaftlichen Gestaltung verstand. Durch die Einbindung von Wegen, Grünflächen und Wasserelementen wurde ein Raum geschaffen, der sowohl der Trauer als auch der Erholung dient.

Im Lauf der Zeit wurde der Neue Friedhof immer wieder erweitert und ergänzt, unter anderem durch Kriegsgräberstätten für die Opfer beider Weltkriege sowie eine jüdische Gedenkanlage.
Heute umfasst das Gelände rund 132.000 m² mit etwa 9.000 Grabstätten, darunter anonyme Urnenwiesen, Reihengräber für Särge und Urnen, ein Kindergräberfeld und ein 2022 eingeweihter Bereich für sogenannte Sternenkinder. Aufgrund seiner Bedeutung steht der Friedhof inzwischen unter Denkmalschutz und erfüllt neben der Funktion als Hauptbegräbnisort Parchims auch eine wichtige kulturelle und stadtgeschichtliche Rolle.

Während der Neue Friedhof für die Menschen in Parchim ein Ort der Trauer, Ruhe und der Besinnung ist, bedeutet er für Tiere und Pflanzen eine Oase in der „Steinwüste Stadt“. Naturschützer haben für diese Lebensräume den Begriff „Paradies aus Menschenhand“ geprägt. Je heterogener die Umweltbedingungen in so einem Habitat sind, desto größer ist die dort mögliche Artenvielfalt.
Klimatische Bedingungen sowie die Eigenschaften des Bodens sind wesentliche Standortfaktoren und beeinflussen die Ausbildung der Vegetation und der Pflanzengesellschaften.
Die Vegetation stellt einen zentralen Bestandteil des Ökosystems dar, da sie Tieren Schutz-, Lebens- und Nahrungsraum bietet und dadurch deren Vorkommen, Verteilung und Populationsdynamik beeinflusst.
In ökologischen Systemen wird zwischen abiotischen Einflussgrößen wie Temperatur, Niederschlag, Lichtverfügbarkeit, Bodenstruktur, Nährstoffgehalt, Wind und Wasserverfügbarkeit sowie biotischen Faktoren wie Symbiosen, Konkurrenz, Räuber-Beute-Beziehungen oder Parasitismus unterschieden. Das Zusammenspiel dieser Faktoren bestimmt die Struktur, Stabilität und Entwicklung der jeweiligen Lebensgemeinschaften.
Bäume

Für die Flora und Fauna in unserer Kulturlandschaft ist der Mensch der bestimmende biotische Einfluss, der sowohl positiv als auch negativ wirken kann. Im Beispiel unseres Mecklenburger Friedhofes tritt er als förderlicher Mitgestalter auf, indem er hier gezielt bestimmte Bäume und mannigfaltige Zierpflanzen angebaut hat.

Der Neue Friedhof beeindruckt durch den parkähnlichen Charakter mit Bäumen und Sträuchern, durch das reizvolle Spiel von Licht und Schatten und die Farbenpracht der Blüter und Blätter, insbesondere im Herbst. Alleeartige Baumpflanzungen prägen die Anlage; schon am Haupttor empfängt uns eine Reihe Birken.

Die Birke ist eine Lichtholzart. Die weiße Färbung ihrer Rinde stammt vom Pflanzenstoff Betulin, der Sonnenlicht reflektiert und so vor übermäßiger UV-Strahlung schützt. Zusätzlich wirkt er antifungal und antimikrobiell, hält also auch schädliche Bakterien und Pilze fern. Ihr schlanker Wuchs, die lichtdurchflutete Krone und die helle Farbgebung wecken im menschlichen Gemüt keinerlei dunkle Assoziationen, sondern strahlen Freundlichkeit, Lebendigkeit und eine gewisse Frische aus. In der Antike wurden Birken oft mit Fruchtbarkeit und Frühlingserwachen assoziiert; ihr symbolischer Wert steht in Zusammenhang mit dem Brauch des Aufstellens und Schmückens der Maibäume.

Mögen die Birken zwar das Bild des Neuen Friedhofs dominieren, so sind es die Nadelbäume, die dem Ort seine würdige und ernste Ausstrahlung verleihen. Neben einheimischen Arten wie der Beeren-Eibe mit ihrem leuchtend roten Samenmantel, der Gewöhnlichen Fichte, der Gewöhnlichen Kiefer und dem Gewöhnlichen Wacholder, der auch als Zypresse des Nordens bekannt ist, schmücken einige eingeführte Arten den Friedhof. Dazu zählen die Blau- oder Stech-Fichte mit ihren spitzen, bläulich-grünen Nadeln, die Serbische Fichte mit ihrer schmalkronigen, dichtnadeligen und bis zum Boden bewachsenen Form, die immergrüne, pyramidale Scheinzypresse, die Douglasie mit den nach Zitrone duftenden Nadeln, die Schwarz-Kiefer und die schattentolerante Hemlock-Tanne.
Nicht unerwähnt dürfen die einheimischen Laubbäume Rotbuche, Stiel-Eiche und Winter-Linde bleiben, die besonders prächtig wachsen, wenn sie solitär stehen und ihre Äste sich nach allen Seiten ausbreiten können.

In jüngerer Zeit ist mit dem Ginkgo ein Baum angepflanzt worden, der aus mehreren Erwägungen beachtenswert ist. Da er der einzige noch verbliebende Vertreter seiner Art ist wird er oft auch als „lebendes Fossil“bezeichnet. Ebenso interessant ist, dass die Ginkgogewächse weder zu den Nadel- noch zu den Laubbäumen gehören, sondern eine eigene Gruppe bilden.
Die ursprüngliche Heimat des Ginkgo ist Asien. In Europa ist er ein Neophyt, das heißt, eine Pflanze, die nach der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 aus anderen Erdteilen zu uns gelangte. Der Ginkgo wurde vor etwa dreihundert Jahren von niederländischen Seefahrern nach Europa gebracht. Ein 1758 in Harbke (heute Sachsen-Anhalt) gepflanzter Baum gilt als das älteste Exemplar Deutschlands. Auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern wurde der erste Ginkgo 1787 im Schlosspark von Putbus (damals zu Schwedisch-Pommern gehörend) gesetzt.
Im Jahre 2001 erklärte das Kuratorium „Baum des Jahres“ den Ginkgo biloba zum „Mahnmal für Umweltschutz und Frieden“ und zum „Baum des Jahrtausends“.

Der Farbreichtum auf dem Neuen Friedhof wird besonders durch die Vielzahl an Sträuchern mit ihren bunten Blüten und Früchten betont. Zu den auffälligsten Arten gehören Feuerdorn, Herbst-Flammen-Ahorn, Heckenkirsche, Japanische Zierkirsche, Rhododendron-Hybriden, Rot-Ahorn, Mehlbeere, Pfaffenhütchen und Schneebeere.

Ein wahrer Augenschmaus ist die herbstliche Laubverfärbung der Rot-Eiche, eine Art, die ihren Ursprung in Nordamerika hat und den „Indian Summer“ mit seinen warmen Tönen widerspiegelt. Im Gegensatz dazu, bildet die europäische Blutbuche ihre farbigen Laubblätter ganzjährig aus. Im Schatten der Bäume gedeihen Pilze sowie niedere Pflanzen wie Moose und Flechten. Diese besiedeln nicht nur den Bodenbereich, sondern auch die Borke.

Pilze
Pilze ziehen das Interesse des Menschen unter anderem durch ihre seltsamen Formen, den Farbreichtum, das schnelle Wachstum und die delikaten kulinarischen Genüsse, die sie bieten können, auf sich.
Darüber hinaus spielen sie eine wichtige Rolle als Destruenten, das heißt, sie zersetzen abgestorbene organische Substanz (Detritus) und mineralisieren diese zu anorganischen Nährstoffen, die so wieder dem Ökosystem zur Verfügung stehen. Dadurch tragen sie wesentlich zur Stoffrückführung in den Naturhaushalt bei. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist der Komposthaufen des Kleingärtners, auf dem Pilze (und andere Zersetzer) helfen, organische Abfälle in Humus umzuwandeln.

Die Ernährungsweise von Pilzen ist sehr vielseitig – sie können als Fäulnisbewohner (Saprophyten) oder als Schmarotzer (Parasiten) leben. Viele größere Arten gedeihen auf toten, verwesenden Stoffen wie abgefallenen Blättern, Totholz oder Baumstümpfen.

Auf den Rasenflächen unter den Bäumen, insbesondere jenseits des Eichkampweges, wächst eine Vielzahl von Pilzen. Hier kann man über zehn verschiedene Arten finden, darunter den den Steinpilz, den Fliegenpilz und den Birken-Röhrling.
Der Birken-Röhrling bildet mit der Birke eine Ektomykorrhiza (griech. ekto = außen, mykēs = Pilz, rhíza = Wurzel). Dabei umhüllen die Pilzfäden (Hyphen) die Feinwurzeln des Baumes. Durch ihre Feinheit können sie in winzige Poren und somit in entfernte Bodenschichten vordringen und dort Wasser und Mineralstoffe aufnehmen und an die Baumwurzel weiterleiten. Im Gegenzug erhält der Pilz von der Birke energiereiche organische Stoffe, vor allem Zucker aus der Photosynthese. Beide profitieren von dieser Lebensgemeinschaft.

Flechten
Flechten sind langsam wachsende Pionierpflanzen, die aus einer Symbiose von Blau- oder Grünalgen und Schlauchpilzen bestehen. Sie gelten als Bioindikatoren für die Luftqualität: Ein häufiges Vorkommen an Bäumen, Stubben oder Steinen deutet auf saubere Luft hin, während starke Umweltverschmutzung Flechten verdrängt. Darüber hinaus tragen sie zur Bodenbildung bei, indem sie vor Erosion durch Wind und Wasser schützen, Rohhumus bilden und als Wasserspeicher wirken.
Moose
Was im allgemeinen Sprachgebrauch oft als „Moos“ bezeichnet wird, sind in der Regel Laubmoose. Diese zeichnen sich durch kleine, blattartige Strukturen auf aufrechten Stängeln aus und variieren in ihrem Wachstum und Aussehen je nach Umweltfaktoren wie Mikroklima sowie den Baumarten, auf denen sie gedeihen.
Die Rinde mancher Laubbäume ist aufgrund ihrer chemischen und physikalischen Eigenschaften besonders reich bewachsen. Der Anblick der Epiphyten (nichtparasitäre Aufsiedler, die auf Pflanzen leben) erinnert mitunter an den tropischen Regenwald, wo die Epiphytenflora besonders üppig ausgeprägt ist.
An feuchten Standorten wie dem Neuen Friedhof sind auch Lebermoose zu finden, die sich von den Laubmoosen durch ihre flache („leberartige“) Struktur unterscheiden.
Die ebenfalls vorkommenden Schlafmoose fanden im Mittelalter in den waldreichen Gegenden Nord- und Nordwesteuropas als Füllmaterial für Kissen und Leinensäcke Verwendung; der spätere Begriff „Matratze“ für eine solche Schlafstatt leitet sich vom arabischen maṭraḥa („Unterlage“) ab und ist seit dem Spätmittelalter im Deutschen belegt.
Moose sind wie Flechten Pionierpflanzen, die Rohhumus bilden und so die Grundlage für nachfolgende Pflanzenarten schaffen. Auch sie speichern Wasser, schützen vor Erosion und bieten Verstecke für kleinere Tiere.
In Max Merners und Franz Boerners „Das nie verlorene Paradies – Ein Bilderwerk vom Pflanzenreich“ heißt es: „So trugen die Moose wie Algen und Pilze ihr reichliches Scherflein zur Bereitung des Bodens für die stolze Nachfolge der höheren Pflanzen bei.“

Blütenpflanzen
Auf den Rasenflächen zwischen den Grabreihen sowie auf den für künftige Gräber vorgesehenen Bereichen wachsen zahlreiche Blütenpflanzen. Besonders erwähnenswert ist eine Wildwiese im neuen Teil des Friedhofs, die 2020 auf einer Fläche von 800 m² angelegt wurde. Pflanzen wie Natternkopf, Färber-Hundskamille und Graukresse bieten mit ihren Pollen und Nektar eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten und tragen so zur Artenvielfalt bei.

Auf den Gräbern selbst wachsen viele Zierpflanzen. Da sie zur Verwilderung neigen, können sie den ursprünglich zugewiesenen Kulturraum verlassen und in angrenzende Pflanzengesellschaften vordringen – der Mecklenburger würde sagen, „sie büxen aus“. Dort bilden sie durch vegetative und/oder generative Fortpflanzung eine mehr oder weniger stabile Population. Bei manchen Arten erfolgt die Verschleppung durch Tiere, beispielsweise durch Ameisen.
Eine besondere Gruppe der Zierpflanzen sind die Stinsenpflanzen. Darunter versteht man eingebürgerte, krautige Gewächse, die in früheren Jahrhunderten in der Garten- und Parkgestaltung Verwendung fanden. Zu den bekanntesten Stinsenpflanzen auf dem Neuen Friedhof in Parchim gehören das Maiglöckchen, die Garten-Tulpe und das Garten-Stiefmütterchen.

Vögel
Die Zierpflanzen, Sträucher und Bäume auf dem Neuen Friedhof bieten zahlreichen Vögeln Nahrung, Verstecke und Nistplätze. Untersuchungen von Parchimer Ornithologen aus den Jahren 1977 und 1998 belegen den Artenreichtum.
1998 wurden zur Brutzeit dreiunddreißig Arten beobachtet – darunter der Buchfink, die Nachtigall und die Amsel. Besonders im Frühling ist der Friedhof ein beliebtes Ziel für Vogelstimmenexkursionen.

Einführender Text zur Historie des Friedhofs: Helko Reschitzki
Fotografien: Kai-Michael Reschitzki, Walter Kintzel, Lore Morr, Helko Reschitzki
Weiterführende Literatur: „Die Vogelwelt des Landkreises Parchim“ von Lothar Daubner, Walter Kintzel mit Ernst Schmitt, Horst Zimmermann; herausgegeben von der Kreisfachgruppe Omithologie/Vogelshutz im NABU-Kreisverband Parchim, 2006
