
Was macht man, wenn die Freundin nach einem Horrorsturz plötzlich im Krankenhaus liegt? Sich natürlich zuerst einmal Sorgen – dann aber: ihr nach der Entlassung von der Intensivstation den Aufenthalt im Spital trotz der Umstände etwas angenehmer, so weit das von außen überhaupt möglich ist. Und so hab ich im Zeitungskiosk im Bahnhof Zoo sämtliche Lifestyle-Magazines und im Drogeriemarkt das (Bio-)Naschwerk-Regal abgeräumt und ihr nebst Blumen ins Vierbettzimmer auf der Neurologiestation gebracht. (Zigaretten beschafft sie sich heimlich vom Pförtner und dem Pflegepersonal – ihr Vater und ich tun so, als ob wir das nicht mitbekommen oder sehen darüber, wie bei den gelegentlichen Fastfoodbestellungen, zwar etwas sorgen- aber dann doch liebevoll hinweg – ja, was denn auch sonst, bitteschön?) Die Patientin meines Herzens war zuvor erst einmal im Spital, was ewig her ist. Das hat den Nachteil, dass sie die wirklich sehr gute Organisation auf ihrer Station gar nicht so richtig einordnen kann, während wir anderen staunen, dass man dort am späten Freitagnachmittag noch Untersuchungen macht oder am Montag im Laufe des Tages alle relevanten Ärzte, Therapeuten und Ansprechpartner vorbeikommen und sich Zeit für Screenings, Tests, Übungen, Gespräche nehmen. Bis auf eine sehr rüde Oberschwester und eine schnippische junge Pflegerin sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der Station trotz vieler Arbeit patientenzugewandt und haben auch für uns Besucher ein offenes Ohr. So konnte ich (bis an Tag fünf Nurse Garstig den Dienst aufnahm) auch mal außerhalb der Besuchszeit reinschauen und meine Freundin im Rollstuhl in die Cafeteria, an den Kaffeeautomaten oder den wirklich gemütlichen Wintergarten fahren – sie muss ja auch mal raus aus ihrem Zimmer, wo Langeweile und schlechte Luft den Lagerkoller dauerbefeuern.

Am Sonntag hatte ich zu hause vorgekocht und das Essen in einem Thermosbehälter und in Vorratsdosen und Gläsern samt Geschirr in den Wintergarten gebracht, wo wir im sonnendurchfluteten Zimmer Tortellini mit allerlei Dips, frischen Kräutern, Oliven und Pepperoni aßen und dazu einen wirklich sehr gut schmeckenden alkoholfreien „Fruchtsecco“ aus schwarzen Johannisbeeren tranken – ein feines Mahl! Am Tag darauf briet ich die restlichen Tortellini in Olivenöl und schwenkte darunter Weißkohlstreifen, Rauke, Radicchio, Möhren- und Tomatenstückchen, Sonnenblumenkerne, Datteln, Walnüsse, allerlei Kräuter, Sprossen und Saat und ließ darauf dann Mozzarella schmelzen. (Die Patientin fragte mich sogar nach dem Rezept!)

Der Weißkohl enthält Calcium, Magnesium und Kalium, die für das Nervensystem und die Muskeln und Knochen wichtig sind, viel Zink und Vitamin C, die das Immunsystem stärken, und Senfölglykoside, die entzündungshemmend und antibakteriell wirken – wichtig bei den offenen Wunden meiner Freundin. Das Krankenhaus liefert in Sachen Heilung durch Lebensmittel keine Empfehlungen – immerhin hängen überall Plakate zur allgegenwärtigen Mangelernährung.

Das Thema ist trotz all des verfügbaren Wissens und sehr populären Sendungen wie den großartigen „Ernährungsdocs“ im NDR noch nicht bei der Masse angekommen – Theorie und Praxis klaffen da maximal weit auseinander. Da ich als selbst Betroffener jahrelang eine große Internet-Kochgruppe für Schwerkranke leitete („Iss Dich gesünder“), weiß ich, dass sich Ernährungsgewohnheiten nur sehr mühsam ändern lassen und die meisten am Ende lieber dauerkrank bleiben als irgendetwas anders zu machen (zuvor wird meist noch vergeblich und oft kontraproduktiv mit Nahrungsergänzungsmitteln herumexperimentiert) – liest sich einigermaßen seltsam, ist aber so.

Total begeistert bin ich von der Zusammenarbeit der institutionellen Unterstützer der Kranken: Da steht der Sanitätsdienst mit den Ärzten und Therapeuten in Kontakt und bespricht häusliche Erleichterung; da hilft der Sozialdienst der Klinik beim Ausfüllen der Formulare für die Kranken- und Pflegekasse, greifen auf kurzen Wegen Prozesse ineinander; man kennt sich, hat oft genug zusammengearbeitet. Eine riesige Erleichterung für alle Patienten, Angehörigen und Freunde!

Am Montag hatte ich ein sehr schönes, berührendes Gespräch mit einer jungen Multiple-Sklerose-Patientin über die innere Haltung zur Krankheit („Immer sehen, was man noch alles kann! Es sich trotz alledem immer schön machen. Nicht aufgebeben.“) und über die im Alltag eines halbwegs Gesunden oft zu kurz kommende Demut und Dankbarkeit für das, was als selbstverständlich hingenommen wird: Ein funktionierender Körper, die Abwesenheit von Schmerz. Wichtig ist der eigene Wille zur Heilung – da der Physiotherapeut meiner Freundin uffen Punkt: „Sie müssen den Arm im Geiste bewegen! Der Körper folgt dann oft.“ Ich hab mich 2025 viel mit Krankheiten und Behandlungsmethoden im Mittelalter und der Neuzeit beschäftigt – damals spielte das „Wecken der Lebensgeister“ der Patienten eine zentrale Rolle im Heilprozess, was in unserer heutigen (westlichen) Welt etwas aus dem Fokus geriet und das durchinstitutionalisierte Gesundheitssystem eher als Reparaturwerkstatt angesehen wird, in das ja man ja schließlich via Beiträgen investiert hat. (Eine kleine Kehrtwendung ist aber bereits zu beobachten: Es gibt in den Kliniken zunehmend begleitend pyschologische Betreuung, Sozialarbeiter und spirituellen Beistand durch Pfarrer, Pater und Imane – ein Segen!

Mal schauen, wie das noch alles wird mit dem Körper und der Seele meiner Lieblingspatientin, das ist ja total neu und frisch und der Kopf noch gar nicht bereit, das zu erfassen. (By the way: Auch meiner nicht.) Aber wo der Verstand noch etwas Zeit braucht, kann dann oft das Herz ganz viel übernehmen – darauf lässt sich doch aufbauen. Wie sang der große Soulman Xavier Naidoo einst: „Dieser Weg wird kein leichter sein …“ Aber ich bin ja ein ausdauernder Wanderer.
