Frank Schott, Leipzig
Gott hat gepustet, und ein Blatt ist vom Baum gesegelt. Eine schwache Flamme ist erloschen. Meine Schwiegeroma ist zwei Tage vor dem Jahreswechsel eingeschlafen. Nein, nicht Gott hat gepustet, sie hat ihr Licht auf eigenen Wunsch erlöschen lassen.
In fast zehn Jahrzehnten haben die Winde des Krieges sie erst aus der Bukowina nach Polen und dann in einer langen und harten Flucht nach Sachsen-Anhalt geweht. Sie hatte mit zwei verschiedenen Männern Silberhochzeit gefeiert und den letzten Mann doch um fast fünfzehn Jahren überlebt. Wird sie im Jenseits jedem ihrer Männer die Gefährtin sein, auf die er sich freute? Quasi in Umkehrung der Houris des Märtyrers wird sie mit zwei Männern belohnt? Ich freue mich für sie und sehe sie kopfschüttelnd ihren beiden Männern Gutes tun. Selbst im Jenseits noch.
Wäre sie nicht ins Heim verpflanzt worden (es ging nicht anders), wie lange hätte sie noch auf Erden weilen können? Ein beständiger Quell der Liebe! Wahrhaftiger Liebe. Bedingungsloser Liebe. Das Altersheim mit seinem an die Wand gemalten Bücherregal – ein Verschiebebahnhof. Menschen so höflich wie ein Schaffner und so unpersönlich. Ein trostloser Ort, ein Durchgangsort, ein Nicht-Ort. Traurige Augen, traurige Gesten, trauriges Verharren im Rollstuhl.

Zu jeder Begrüßung und jeder Verabschiedung sagte sie zu mir: „Ich hab Dich so lieb.“ Dabei waren wir nicht einmal leiblich verwandt! Und doch hat mich dieses zarte Wesen länger begleitet als meine beiden leibhaftigen Großmütter, fast dreißig Jahre kannte sie mich. Und was immer sie in mir gesehen hat, das hat mich berührt, verändert, bereichert.
Heimlichkeiten! Niemand konnte so verstohlen Geld verteilen. Ob Verabschiedung oder Umarmung, stets verschenkte sie von ihrem Überfluss. Sie brauchte ja so wenig, denn sie hatte so viel mehr. Was ist die Umkehrung des Taschendiebs? Der Taschengeber? Jemand, der Geld in die Hände und Hosentaschen steckt? Und wie sie sich darüber freute, wenn der Beschenkte verlegen ablehnte, und wie sie darauf beharrte.
Wenn geben seliger denn nehmen ist, dann war sie wahrhaftig selig. Sie war für die Kinder, die Enkelkinder, die Urenkel da. Sogar für die syrische Familie, die vor ein paar Jahren über ihr in den unsanierten Plattenbau zog, war sie eine Großmutter. Ihr Leben lang nähte, buk und kochte sie, bis die zittrigen Hände es nicht mehr vermochten. Seit wir uns kennen, brachte sie mir Mett- und Knackwurst mit, die sie eigens für mich bei ihrem Fleischer um die Ecke besorgte: „Ich hab dich so lieb.“
Diese Oma Anni war wie ein biblischer Joseph. Immer da für andere. Und als sie nicht mehr gebraucht wurde und der Gebrechlichkeit geschuldet ihr altes Leben gegen einen Pflegeplatz tauschen musste, hat sie im Innersten entschieden, zu gehen. Und so hat sie kein Wachs mehr aufgetan, keinen Docht verlängert, sondern ihre Kerze sacht erlöschen lassen.
Ruhe in Frieden! Ich danke Dir für fast dreißig Jahre bedingungsloser Liebe. Und … wir sehen uns!

