
Davon, dass es seit der Wintersonnenwende jeden Tag ein wenig länger hell ist, merke ich noch nichts – nachtschwarze Morgen, die gegen vier mit Musik beginnen: polyphone Messen und Motetten, Requieme, gregorianische und byzantinische Choräle, manchmal Jazz: Don Cherrys Radio- und TV-Aufnahmen, zuletzt der komplette John Coltrane. Nebenher gieße ich ein Minz-Eukalyptus-Dampfbad auf und inhaliere. Das frisch zubereitete Müsli steht auf der Heizung, um ein wenig anzuwärmen (Advantage Winter), Kerzen brennen, ein Räucherstäbchen glimmt. Jetzt, im Dezember, dreht sich dazu die Märchenpyramide, die ich zu meinem ersten Geburtstag geschenkt bekam – sie ist der älteste Gegenstand, den ich besitze. Es ist wichtig, sich das Leben jederzeit so schön wie möglich zu machen.

Den Lungeninfekt, den ich mir am Nikolaustagwochenende einfing, habe ich Dank meines bewährten Protokolls innerhalb kürzester Zeit auskuriert – die Dame, die eine Woche vor mir daniederlag (und die ich mit Brühe und Kräutern versorgte), hüstelt noch immer vor sich hin. Im Unterschied zu mir hat sie aber (ohne, dass ihr fahrlässiger Arzt überhaupt vorher testete, ob es sich um einen Bakterienbefall handelt) Antibiotika genommen und bis auf ein paar Tassen Tee im Prinzip so weitergelebt wie gewohnt – nur, dass sie halt flachlag. Meine vermeintliche Disziplin hat sie kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen – dabei bin ich gar nicht diszipliniert, sondern einfach nur stumpf monton: So wie ich bis zum 7. Dezember draußen bei bis zu 4 Grad Wassertemperatur schwimmen war („Hirn ausschalten und rein.“) – so verhalte ich mich auch, wenn ich krank bin: Nicht nachdenken und Bromhexin, Spitzweegerich- und Thymianextrakt einnehmen, Lindenblütentee trinken und so viel frisch geriebenen Meerrettich wie möglich beim Essen verwenden. Die Badesaison beenden, auch wenns schwer fällt. Und wenn die Lunge nicht mehr zwickt, den Körper weiterhin schonen – viele böse, langwierige Krankheiten entstehen durch die Verschleppung von mutmaßlich auskurierten Infektionen. Bei alledem nicht stärkende Spaziergänge vergessen. (Außerdem lief mein gewohntes Alltagprogramm mit Inhalationen, Ingwergeknabber, Teemischungen, einer ballaststoff- und proteinreichen sowie pro- und präbiotischen Ernährung weiter.)

Nach längerer Umbaupause wurde der Rewe in der Turmstraße wiedereröffnet. Der Alkohol steht nun im Sichtfeld des Kassierers -der wurde gleich ganz weggeschlossen. Es gibt dort jetzt sechs Selbstscankassen, die, als ich da bin, obwohl es voll ist, allesamt boykottiert werden. Von zwanzig Selfscannern wird einer genutzt. Viele wissen, dass Maschinen nicht in Pflege-, Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung einzahlen und entscheiden daher, lieber etwas Zeit „zu opfern“ und sich in die Schlange zu stellen, die zu einem Menschen führt. Vielleicht ahnen sie es auch nur oder mögen einfach echte soziale Kontakte. Ich beobachte in meinem Umfeld eine massive Wesensveränderung bei denen, die oft Social Media nutzen, sich und andere mit dieser oft vollkommen kaputten Kommunikation kirre und traurig machen, sehe, dass die dortige Dauererregtheit, das Überemotionale und all diese wirklich üblen manipulierenden Verhaltensweisen nun ins Analogleben schwappen und wir es verstärkt mit Ghosting, Gaslighting, Slow Fade, Love Bombing, Zombieing, Benching, Cushioning etc. zu tun haben – und damit vollkommen überfordert sind, zumal es eben auch die betrifft, die nicht Social Media nutzen. Passend dazu Wirtschaftsberater, Bildungsunternehmer, Mitglied im Hessischen Rat für Digitalethik, Pero Mićić im Gespräch mit Martin Burckhardt („Ex nihilo“) über KI und Maschinenarbeit: „Wenn Robotik alles kann, müssen wir sein, was die nicht sein können, nämlich Mensch. Ein exzellenter Mensch, auf den man sich verlassen kann, dem man vertrauen kann, mit dem man es gern zu tun hat.“ Genau das vermisse ich bei all den TikTok-, Insta-, Whatsapp-, Telegram-, Snapchat-, Datingapp-Junkies immer öfter – vielleicht sind sie ja bereits die ersten MenschMaschinen?!?

Am frühen Sonntagmorgen hat bei mir um die Ecke jemand den Kältebus der Stadtmission angezündet, der dadurch vollständig ausbrannte. Typisch Berlin: Unternehmer boten sofort Ersatzbusse an und in nicht einmal vierundzwanzig Stunden kamen von der Bevölkerung so viele Geldspenden zusammen, dass nun ein neues Fahrzeug gekauft werden kann. Die begleitenden Kommentare, was man dem Täter wünsche, waren sehr fantasievoll – ich schließe mich hier und da an. Am Sonntagnachmittag bei sehr kalter klarer Luft und knallblauflächigem Himmel zum Flohmarkt am Rathaus Schöneberg. Finale Verramschung von Büchern, CDs und DVDs – Preise zwischen 50 Cent und 2 Euro, da muss man nicht mal mehr handeln. In meinen Rucksack wandern: Haydns „Die Schöpfung“ mit Karajan und den Wiener Philharmonikern, der Ratzeburger Domchor mit Werken von Boyce, Tocotronics „Rotes Album“, eine Supraphon-Einspielung von Schuberts „Messe Nr. 5“, eine Compilation mit Songs aus der Zeit der afrikanischen Unabhänggkeitsbewegungen in den 1960ern, der Roman „Herzköng“ der großen Polin Hanna Krall und die mir bislang unbekannte Marie Luise Kaschnitz mit „Beschreibung eines Dorfes“ – eine sehr schöne, sehr eigene Sprache und angenehme Weltsicht.

Und dann, am Morgen des 31. Dezember doch noch einmal Schnee. Letzter Aufruf für die Schaffnerin der ODEG, die mir Heiligabend zwischen Parchim und Schwerin sagte, dass sie nicht mehr an die Zukunft der Deutschen Bahn glaube, aber trotzdem optimistmisch bleibe; für den Mann der Bahnhofsmission Schwerin, der mir einfach so ein Geschenk überreichte; für den Spätkaufmann, der mir das BVG-Januarticket verkaufte und sich nichts so sehr wie Frieden in der Ukraine wünscht; für die moabiter Woolworth-Verkäuferin, die sich bei mir über ihren neuen Chef auskotzte; für den Handwerker, der mir erklärte, dass die Havariehäuser, in die er gerufen wird, für ihn wie menschliche Körper seien, durch die er mit seinen 3D-Sonden fährt, um zu schauen, wo man mit der Heilung ansetzen kann; für den Freund, der durch eine Gruppengesprächstherapie endlich zur inneren Ruhe fand; für die höflichen Süchtigen, die sich im Hintereingang öfter mal ihren Stoff aufkochen und spritzen; für all jene, die vor Überforderung vom Leben verstummt sind und für die, die aus Angst und Verunsicherung ununterbrochen senden; für die 85jährige Helga Schubert aus Neu Meteln, die so über das Sterben spricht, dass einen tröstet – Abflug 2026 in 7h54min. Gute Reise!

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