Christoph Sanders, Thalheim
Am Morgen des Heiligabends bei uns nicht alles Ton in Ton, eher bunt verschlafen. Schmerz weckt mich – Ibuprofen wirkt, Kalorien auch. Ab 11 Uhr gehts mir gut: Rasur, das Rotkrauttuning und die Mousse au Chocolat (immer beste Eier verwenden!) sind perfekt gelungen. Ich blättere durch Lepertz-Kataloge, in denen ich mir New-York-Fotos der 1940er ansehe und Assoziationen zu „Billy Bathgate“ bekomme (atemberaubendes viertes Kapitel!) Man muss richtig in ein Thema eintauchen. Dazu läuft Art Blakeys Big Band – was für eine Truppe, was für eine Scheibe (Coltrane auf „Pristine“)! Die Familie schmückt den Baum. Draußen Märzwetter bei Ostwind.

Meinen Teeniegirls gelingt es bravourös eine Ente à point zu garen – ein ganz fabelhaftes Essen, nichts ist übrig, wunderbar. Die Keulen wurden am Tag zuvor auf Schalotten gebettet und in Fett eingelegt, damit sie in der Kälte durchziehen können. Bescherung zwischen zwei Gängen, anschließend noch Käse und die Mousse au Chocolat. In unserer Familie schenkt man sich Kleinigkeiten, Praktisches, auch Selbstgemachtes und das Reparieren von Dingen (dieses Mal wars eine wacklige Workstation). Bücher sind auch immer gern gesehen. Der Band „500 Weltmeisterwerke der Kunst“ wurde von den Damen regelrecht verschlungen, ebenso passgenau ein T-Shirt und eine CD von Nina Chuba. Ich bekam einen Hausschlafanzug, der farblich perfekt zur Lego-Orchidee auf unserem Tisch passt, ein Bekannter hat im Selbstverlag einen schönen Band über Fotobücher in der DDR hergestellt (Druckauflage: 99 Exemplare). Nachdem alles kreuz und quer unterm Baum überreicht war, Tagesausklang mit Gesprächen und Wunschmusik von CD – diesmal traf es Antonio Carlos Jobim.

Der erste Weihnachtstag hellblaugrau und ostwindig frisch. Das Bein schwillt ab, der Allgemeinzustand wird langsam besser. Situps und Hockergymnastik. Ein skuriller Moment, als ich mit meinem Teenie allein und ohne dass sich jemand blicken lässt, mitsamt Violine in der St. Stephanus Kirche stehe – wir hatten uns mit unserem Auftritt um einen Tag geirrt. Nichtsdestotrotz spielen wir in aller Ruhe die beiden geplanten und ein paar Extrastücke und genießen wie dabei die Sonne allmählich den Raum verzaubert, bestaunen die schlichte Schönheit und Sauberkeit des bunten neugotischen Baus und die handgemalten Namensverzeichnisse im Eingang der Kirche. Meine Frau äußert später die Angst, dass es beim Gottesdient zu kalt sein könnte. Es gelingt uns, sie zu beruhigen: Morgen ist die Heizung an.

Lektüre: Walter Kempowskis überragendes 1989er Tagebuch „Alkor“. Kempo bekommt die kommenden Veränderungen im Ostblock von Anfang an instinktiv mit (im April die ersten Russlanddeutschen aus Kasachstan im Zug). Wunderbare Schlussfolgerungen: Wenn über die Ostmedien lauthals verkündet wird, das 99,1% der DDR-Bürger ihr Land TOLL finden, dann könne man die Mauer ja auch abreißen … Das Familienleben im Hintergrund wird nicht durch blöde Sprüche kaschiert, sein typischer Humor, wenn er bis auf das Nachkomma die Preise der Hotelmahlzeiten aufschreibt. Während ich lese, zockt unser Sohn mit seinen Kumpels FIFA – der Aufstieg in die nächste Liga bleibt aber aus. Zum Glück spielen die Jungs just for fun und schaffen es auszuschalten – da droht keine Offline Loneliness. Sehr schöne Gespräche mit meinen Mädchen. Der Teenie hat in den drei Monaten Le Mans Dank der Selbstbegrenzung des Provinziellen einen Sprung gemacht, der ihr gut tat. Als sie die Geschichten ein paar ihrer Mitschüler durchgehen, nimmt die ältere Schwester so eine Art Rolle der mütterlichen Ratgeberin an – auch das ist gut!

Der zweite Weihnachtstag beginnt mit einem Musik-Mini-GAU: Weil die beiden Mitspieler erkrankt sind, muss unser Streichquartett den Kirchenauftritt absagen – für ein Duett ist mein Teenie nicht zu haben. Wie schön, dass wir am Vortag ganz für uns die Stücke vor Ort geprobt haben. Gutes Frühstück, letzte Mandarinen, Tee, Kaffee. Frost bei strahlendstem Sonnenschein. Merkwürdigerweise denke ich gar nicht an die Radtouren, die ich gerade verpasse. Ich denke an die Heilung, bin jetzt ein Anderer, in einem besonderen Sport. Ich plane jede Bewegung, alles dauert lange, geht aber von Tag zu Tag etwas schneller. Ich genieße die Kinder um mich herum, das Lesen und Ausschlafen, die kleinen Balgereien und Reibungen der Familie. Bitter um all die über Social Media lose Gekoppelten, die so etwas nicht haben und unter einer komisch bunten, perfekten Oberfläche mit suggerierter Totalkommunikation agieren – Sozialkrüppel in Verunsicherungshöllen, in denen man sich auf nichts mehr festlegen mag. Inmitten all dieser Verletzten brauchst du reelle Freunde. Das große Geschenk des Christentums ist die Nächstenliebe – Zahn um Zahn, war das alte Gesetz, das überwunden werden sollte. Nächste Hockergymnastik. Das Bein baut allmälich die Flüssigkeit ab, keine Infektionen. Ich rufe die Familie zum Singen christlicher Lieder auf.

Der Samstagmorgen frostig und beinahe klar. Der Himmel um 7:30 Uhr orange. Lange Schlafunterbrechung nachts, warum auch immer; konnte das nachholen. Um neun sitzen alle gesund beim Frühstück, auch der Jüngsten geht es wieder besser. Der Halbbruder, der über Weihnachten zu Besuch war, ist inzwischen wieder auf dem Weg ins ferne Berlin (auffallend, wie ausdauernd er Scrollen kann!) Die Girls ab nach Wiesbaden, auch wegen des schönen Landesmuseums. Der Boy ist bei seiner Freundin, Rückkehr gegen Mittag. Ich selbst gehe auf Krücken zur Sonne. Die Wade wird weicher – eine Beinsehne, die zwei Wochen unter Gewebeflüssigkeit verschwunden war, ist wieder zu sehen! Dennoch steht das gesamte Unfallbein nach wie vor unter sehr hoher Spannung – ich muss irgendwie hinbekommen, dass ich die ganzen Meidhaltungen überliste. Im Haus dann weitere Youtube-Hockerübungen mit der Tölzer Gymnastiklehrerin Gabriele Fastner.

Während die Kinder unterwegs sind, verschlinge ich das Geschenk meiner Ältesten: Ein schmaler Mehrgenerationenroman namens „ë“ von Jehona Kicaj, einer Kosovo-Albanerin – Traumabewältigung und Nacherzählung des Krieges der Serben gegen das Kosovo, inklusive Kindervergiftung per Chemiewaffen. Einige, die das durchmachten, leben mitten unter uns. Wir ahnen nicht, was in ihnen vorgeht, wie verletzlich sie sind, wie wenig an die Oberfläche darf. Das ist alles so schade. Meine Tochter kam auf das Buch, indem sie auf die Shortlist des Buchpreises schaute und Parallelen zu Güçyeters Gastarbeiterfamiliengeschichte „Unser Deutschlandmärchen“ sah. Die Teenies kommen zufrieden mit dem Bus aus Wiesbaden zurück, der nur eine Stunde für die gut fünfzig Kilometer braucht und somit schneller als die Bahn ist, die um das Aarmassiv herumkurven muss.

Sonniger Sonntag, flugzeugvoller Himmel – Fly jet as long as your Weihnachtsbonus reicht. Fußnote zum Kalenderblatt: Zwei Planeten am Himmel der Stars in Konjunktion: Die Knef wäre heute 100 Jahre alt geworden, die Bardot stirbt mit 91. Die Nachkriegsdeutschen haben das mit Knef verpasst, was den Franzosen mit Bardot gelang: Eine kluge, selbstbewusste, schlagfertige und schöne Frau zum Bannerträger über den Ruinen zu machen – man wollte lieber Atze Brauners Schwarzwaldmärchen. Kleine Familienfeier mit zwei Brüdern und Kindern. Angenehme Gespräche rund um die große Tafel, mit den Vettern über Dartwettbewerbe und den Cousinen über Popsongalterraterunden übers Smartphone. Meine Schwägerin gibt wertvolle Hinweise und Erläuterungen zu meiner Verletzung. Ich verstehe jetzt was eine Dysplasie ist, begreife, warum man beim Oberschenkelhalsbruch knapp unter dem Hüftknochen mit Längs-Fissur nach unten das Gelenk tauscht, statt es mühsam zu nageln oder zu verschrauben. Sie bestätigte die Wichtigkeit von Vitamin D und Calcium im Heilprozess: Knochenwuchs geht nur mit Geduld vonstatten. Meine Bewegungen müssen (bis zur Röntgendiagnose) eingeschränkt bleiben, aber die Thrombose verhindert ohnehin jeden Exzess. Ich habe bisher nichts falsch gemacht, weiter so, abwarten – so die Zusammenfassung. Wertvoll, auch mental – darauf ein Schälchen Riesling-Sekt! Stolz auf meine Kinder, die sowohl das Kochen als auch den Abwasch und das Aufräumen übernehmen.

Juli Zeh im taz-Gespräch sehr gut, vor allem als sie die Interviewer persönlich anspricht mit deren journalistischer Voreingenommenheit und politischer Haltung konfrontiert. Da ich ja des öfteren in der Prignitz unterwegs bin: Gut, wenn mit Zeh jemand da lebt, der pro domo sprechen kann, freilwillig kommt so schnell kein Schreiberling nach Rhinow. (Daran dürften die paar taz-Abonennten ein wenig zu kauen haben: https://taz.de/Juli-Zeh-ueber-Nachbarn-die-AfD-waehlen/!6137251/)
