Christoph Sanders, Thalheim
Am Sonntag sind bereits um zehn alle wichtigen Gänge erledigt – so auch die tägliche Übungsrunde zum Hagebuttenstrauch. Wunderbar frische Luft; es ist etwas diesig, dabei sonnig. Vierter Advent – ich zünde im Haus vier Kerzen an. Nach der Hockergymnastik spiele ich auf der Violine unser Weihnachtsprogramm durch – was locker geht und angenehm vom Schmerz ablenkt (der aber inzwischen von Tag zu Tag erträglicher wird). Das Bein ist noch sehr geschwollen, und schon bei der allerkleinsten Bewegung melden sich die gereizten, langsam heilenden Nervenfasern rund um die Operationsnarben.

Die Frau ist verreist, meine beiden jungen Damen kümmern sich lieb um alles – meist stimmen sie lachend Backrituale ab. Als der Sohn von seiner Freundin zurück ist, stellen wir uns der Herausforderung, eine Fahrleuchte am Automobil zu tauschen. Da meine Hände für so eine knifflige Steck- und Drehaktion zu breit sind, könnte ich das auch gesund kaum – was aber hauptsächlich an den neuen PKW liegt: In den alten hattest du mehr Platz und Spielraum, da war so ein Wechsel in drei, vier Minuten erledigt, nun ist ein Werkstatt- oder ADAC-Termin quasi eingepreist. Aber: Vater und Sohn haben das vor Jahren schon mal hinbekommen – und so schaffen wirs auch heute.

Die mittelarmen Pauschaltoristen hinterlassen auf ihrer Flucht vor dem Christkind am Himmel kilometerlange Streifen. In der Presse die Nachricht, dass die US-Firma iRobot pleite ist – man rätselt, was nun aus den Roomba-Saugrobotern wird. Ich wette auf Löschung der „Sauberkeits-add-ons“ und massenhaft Sperrmüll nach Ablauf der Garantiezeit. Die Robotorsache berührt ein grundlegendes Problem: Das Verhältnis von Herr zu Knecht, der nicht einmal mehr mit seinem Namen gerufen werden muss, um in Aktion zu treten. Etwas arbeitet für die Beruhigung meines Gewissens, während ich mich darum nicht kümmern kann/will/muss. Ich habe den Erfolg solcher Geräte nie verstanden – die Wasserbehälter sind so winzig, dass man damit eigentlich nur faktisch saubere Böden wischen lassen kann. Ein 10-l-Putzeimer und ein großer Lappen haben die hundertfache Kapazität.

Meine Girls sitzen um mich herum, hören Influencergebrabbel und machen für ihre Freunde aus alten Magazinfotos Collagen zum Weihnachtsfest. Sie fragen mich, ob sie kreativ seien. Kreativ sein. So ein ulkiges Bild – Du bist es halt oder nicht, willst es oder nicht. Was sie eigentlich wissen wollen, ist, ob ich schön finde, was sie machen – ja, ich finde es sehr sweet, wie sie da analog vor sich hin werkeln. Nachdem sie fertig sind, räumen sie zu Wes Montgomerys Swinggitarre den Schnipselkram weg. Der kurze Tag geht ultramarin in den Abend über, die xenonorangene Festbeleuchtung der Kirche steht im Komplementärkontrast. Geigenproben mit einer Familie im Dorf. Es ist wirklich wunderbar, nicht im Alltag der anderen zu leben.

Ein grauer Montag bei trockenkühler Witterung. Ich habe verpennt, dass die Blutabnahme bei meinem Doc nur bis 9 Uhr läuft. Eine mürrische Helferin erklärt sich bereit, das noch schnell zu machen – aber nur wenn wir selbst die Röhrchen abliefern. Sie benötigt zwei Einstiche. Nun weiß ich, wo das Zeug hingeht: an einen „Healthcare-Logistiker“ namens „Global Flash“ auf einem Hinterhof in Limburg Nord. Es ist einiges los auf den Straßen – die letzen Bevorratungen für die Festtage stehen an. Beim Aldi keine Bio-Eier und keine Grapefruit mehr, alle Clementinen und Mandarinen sind matsch. Den letzten beißen die Hunde. Zu hause Lee Morgans 1966er Blue-Note-LP „Search For The New Land“ und weiter bastelnde junge Grazien.

Die letzte Runde vor dem Fest. Die Töchter studieren neue Rezepte, der nächste Teig wird angesetzt. Aber egal, was sie backen – die schlichten Sablés sind immer noch das feinste. Die Jüngste krank aus Berlin zurück – da war wohl der Infekt noch nicht auskuriert. Ein uniformgrauer 23.12. Mein gutes Müsli mit Mandeln versanftet mir den Einstieg in einen weiteren Rekonvalseszenztag. Obwohl ich das kranke Bein nach wie vor nur mitführe, wird es immer beweglicher -Ziel: Irgendwann wieder eine echte Hose anziehen … (Heiligabend bekomme ich einen leuchtendroten zweiteiligen Schlafanzug – mit Einstecktuch!) Die Nachricht, dass gestern Chris Rea gestorben ist. Der hatte etwas unverechselbares. Nachdem ich 2023 die Alpen überquert und meine Etappe in Menton beendet hatte, legte bei einem Strandkonzert der DJ „On the beach“ auf. Ein wundervoll milder Juliabend. Die roségelben und hellen Häuser einer der letzten noch vom Größenwahn verschonten Städte der Côte d’Azur. Alte Hotelpalazzos, Orangen als Alleebäume, Italien nur einen Sprung entfernt. Das sanfte Leben zu Beginn der großen Ferien … „Forever in my dreams my heart will be / Hanging on to this sweet memory …“

Auf Krücken hinüber in die 12 Grad warme Kirche zur letzten Probe des Weihnachtsquartetts. Unser Abschlusslied wird „In the bleak midwinter“ sein. Ich stellte mir dazu ein singendes, englisches Fußballstadion vor. So gehts. Der Rest wird hier von fünf Helfern erledigt.
