Christoph Sanders, zur Zeit Erbach
Bericht aus dem Kreiskrankenhaus in Erbach im Odenwald – Teil 3.

Zuhause liegt die Jünste seit ein paar Tagen mit einer Grippe im Bett. Sie sagt, der Infekt sei heftiger als Covid. Ihre gerade aus Frankreich zurückgekehrte siebzehnjährige Schwester läuft zur Höchstform auf. Beruhigend. Am Donnerstagabend doch noch ein neuer Zimmergenosse. Er wurde für eine Hüftoperation aus dem Altersheim hergebracht; Pflegestufe 2, extrem starkes Übergewicht, künstliche Blase, Zahnvollprothese. Hat sicher vierzig Jahre fleißig am Wohlstand gebastelt. Man duscht ihn, kleidet ihn ein, nimmt ihm Blut ab. Das Einschlafen neben ihm wird zur Prozedur, die mir nur dank Ohropax gelingt – mit dem Geschnarche und Geschnaufe hätte er einen ganzen Hafen wecken können. Es wird trotzdem eine kurze Nacht für mich. Nachdem er am Freitag aus der Narkose erwacht ist, hat er absurde Forderungen an die Schwestern, will bekommen was ihm „zusteht“. Von einem Hilfsmittelversorger erhält er per Phone die Nachricht, dass das mit den neuen Krücken, dem Greifer und der Toilettensitzerhöhung aus Gummi klappt, was er dankend quittiert. Er kommt mir vor wie jemand, der eine innere Liste abhakt, um das „herauszubekommen“, was er eingezahlt hat. Als ich später mit meinem Sohn Organisatorisches bespreche, beschwert er sich, dass meine Familientelefonate zu lange dauern würden und verlangt seine Verlegung in ein anderes Zimmer. Die wird zum Glück genehmigt!

Fortschritte: Der Schwindel ist weg. Ich habe keine Hämatome oder Thrombose. Die nochmals vernähte Wunde ist dicht. Gut. Ich werde mobil und patroulliere den fünfzig Meter langen Gang auf Krücken auf und ab und versuche, ganz sanft aufzutreten und das von der OP betroffene Bein gerade zu setzen. Es funktioniert – und warum auch nicht, mein Körper konnte vor ein paar Tagen noch hunderte Kilometer im Sattel sitzen. Ich verbessere meine Technik, schaffe vierhundert Meter. Treppensteigen geht auch, darf ich aber nur unter Aufsicht – jedes Sturzrisiko muss ausgeschlossen werden. Ich gehe auf Stoppersocken in die Kantine, treffe dort auf bekannte Mitpatientengesichter. Nach fünf Tagen endlich Koffein für mich! Dazu ein Vollkornbrötchen mit Honig. Eier werden nicht angeboten, aber ich erwische den letzten Becher Naturjoghurt. Obst gibts nur als Kompott, gegartes oder gedünstet Gemüse nur einmal in der Woche. Später schenkt mir eine der persischen Pflegerinnen eine Mandarine – welch Wohltat! Ich lerne einen superjungen Ukrainer kennen, der wegen eines ziemlich üblen Daumeninfekts da ist. Er ist spindelldürr und isst alles, was man ihm gibt. Zudem bekommt er Vitaminspritzen. (Die bräuchte ich auch so langsam …) In seiner Heimat hatte er massiven Haarausfall, das hat hier nun aufgehört.

Ich erkenne auf der 4B die junge Pflegerin, die am Morgen gestresst und völlig platt den Aufzug erreichte – sie war vom Bahnhof zur Arbeit gelaufen. Eine andere, noch minderjährig, steht um 4:30 Uhr auf, damit sie um sechs zum Dienst da ist. Heldinnen! Auch die hervorragende Sozialarbeiterin und die Ärztin, die mir die Sorge um vollständige Heilung genommen haben! Trotz dieser wundervollen Menschen sehe ich ein System, das eher am Kipppunkt steht als die Nordsee. Wenn man wirklich wollte, könnte man das ändern. Nach dem Mittagsschlaf schaue ich das Fußball-WM-Finale von 1970 – was für ein Spiel! Mir wird mitgeteilt, dass es am Samstag zu meiner Entlassung kommen könnte! (Wahrscheinlich hat man die Dauerläufe auf dem Flur bemerkt.) Telefonate wegen des Abtransports – wenn alles hinhaut, mittags große Familienvereinigung am Flughafen Hahn. Ich bin voller Vorfreude. Und genieße die Einsamkeit im Zimmer – in der Nacht keine Posaunen, kein Röcheln, kein Grunzen, kein Japsen.

Ich wache am Samstag gut erholt auf. Beneide alle, die da draußen zum Frühstück einen richtigen Grünen Tee trinken können – bei mir seit fünf Tagen nur Beutelchen und konfektioniertes Graubrot. Heute immerhin ein ganz ordentliches Schokomüsli. Mein Körper wartet auf Kalorien. Dusche und auf den Transport warten. Vor dem Fenster eine dichte Wolkendecke. Der dienstneue Oberarzt kommt herein und teilt mir mit, dass er wegen meiner gestrigen Blutwerte alarmiert sei – mit dem Hämoglobin und den Leukozyten stimmt etwas nicht. Ich verlange besseres Essen. Immerhin ist die Wunde immer noch dicht. Ein neuer Wundverband und Massage. Ich kleide mich an. Warten. Dann überschlägt es sich – es gibt Probleme mit dem Bein! Ich bekomme ein Notmittel. Ab zur Computertomografie – fünfzehn Minuten Totenstarre unter dem rotierenden Ring aus „2001: Odyssee im Weltall“. Zum Glück keine innere Blutung! Flüssigkeitsstau im Bein. Der kommt von den Hämatomen, der Blutverlust vom Unfall und der OP. Transfusionen sickern in den Körper, was spürbar wirkt.

Meine Familie schaut rein, bringt Rote-Bete- und Grapefruitsaft – und Brot vom Bäcker! Wäschetausch. Meine Hand wird gehalten. Mir wird vom Genesungszimmer erzählt, das man mir zu hause gerichtet hat. Nach dem Abschied übernehmen wieder Schwester Jeida und Pfleger Patrick, die sich unglaublich lieb um mich kümmern. So viele tolle junge Leute! Mache die Bekanntschaft mit Patrick aus Kinshasa, der seit zwei Jahren in Erbach lebt und eine Ausbildung zum Chirurg bestreitet. Im Kongo hatte er bereits einen Abschluss, der hier aber nicht anerkannt wird. Sein Deutsch ist hervorragend, aber es tut ihm sichtlich gut, mal wieder mit jemandem (mir) Französisch zu reden.

Nach dem abendlichem Rundgang wird der nächste Beutel an die Kanüle gehängt. Interessantes Detail: Hier vor Ort wird zwar die CT und das MRT gemacht, aber die technische Auswertung erfolgt in München bei Siemens. Damit erstellt ein heidelberger Radiologe dann den Befund. Ausgelagerte Dienstleistungen. Gute Nachricht: Ich darf wieder so viel laufen wie ich will – nur so wird das massive Hämatom abgebaut. Nachdem die Transfusion durch ist, gerhts also acht mal den Flur rauf und runter. Zurück im Zimmer Waschungen und Zahnputz. Die Älteste ruft immer wieder an, überhaupt strömt gerade sehr viel Liebe auf den Vater ein. Auch da wird gespürt, dass es immaterielle Dinge sind, die das Leben ausmachen.
Zwei letzte Tranfusionen für heute – die eine in den Arm, die andere Mozarts Klavierkonzert Nr. 24 und Nr. 25 mit Mitsuko Uchida.

Grafiken: Helko Reschitzki
