Christoph Sanders, zur Zeit Erbach
Bericht aus dem Kreiskrankenhaus in Erbach im Odenwald – Teil 1.

Über die letzte Straße, auf der ich am Sonntag mit den Radkumpels unterwegs sein sollte, war von einer Garage aus straff eine Kette gespannt. Ich hatte keine Chance: schwerer Unfall. Mein Glück war, dass einer der Mitfahrer Rettungssanitäter ist und die örtliche Klinik nur ein paar Minuten entfernt war. Dort Operation meiner Hüfte; die alte Dysplasie wurde gleich mit gerichtet, ich wäre damit irgendwann sowieso unter das Messer gekommen. Die Orthopädieabteilung der Klinik genießt einen guten Ruf. Am Dienstag langsames Schwinden der Narkosenachwirkungen – der rauhe Hals von der Intubation und die Konzentrationsschwierigkeiten bleiben vorerst. Ich nehme leichte Schmerzmittel ein. Aus der Wunde suppt es. Einrichtung W-Lan – Anrufe von besorgten, mitfühlenden Radfahrern; Frau und Kinder melden sich permanent aus allen Richtungen. Der Sohn berichtet aus Szeged von einem außergewöhnlich engagierten Friseur, den Oberleitungsbussen und dem Kreischen der Tram auf den Schienen.

Die Nächte verlaufen insgesamt gut, obwohl ich natürlich immer mal wieder aufwache, aber der Schlaf ist schön tief und ohne Alpträume. Konnte am Mittwoch zum ersten Mal das Bett verlassen. Fünf Meter auf Krücken sind eine Weltreise! Die Ausdünstungen der kleinen Stationsküche trieben mich aber zur Umkehr. Habe versucht, ohne Schmerzmittel auszukommen, was funktionierte – doch der Pfleger mahnte zur weiteren Einnahme, da der Wirkspiegel gehalten werden müsse. Eine ganze Reihe von sehr netten Leuten in blau und grün und auch weiß schaut immer mal wieder ins Zimmer rein. Ein etwas gröberer Umgangston (im odenwälderischen Dialekt) herrschte nur im Maschinenraum vor dem OP-Saal – was mich nicht weiter störte.

So ein Kreiskrankenhaus ist der Arbeitgeber für die Umgebung. Es gibt hier viele sympathische nahöstliche Helferinnen – ohne diese ginge es doch gar nicht! Sie haben einen ganz anderen Blick und sind emotional nicht so gebrochen wie ihre deutschen Kolleginnen. Insgesamt sehe ich aber handfeste, positive, engagierte Menschen, die ihren Beruf gern machen. Am Mittwoch sagte mir der Arzt, dass die neue Pfanne (aus Keramik und Titan) gut sitzt. Das Hüftmaterial war noch brauchbar; der Bruch wurde geflickt – man muss sich den Knochen wie ein Bambusrohr vorstellen, auf den ein Keil geklopft wird. Die Reha beginnt in sechs Wochen – mal sehen, wie das zu hause mit den Krücken klappt. Die Whatsappgruppe mit meinen Kids ist sehr nützlich – so kann ich ruckzuck Röntgenbilder verschicken. Die Narbe ist zwanzig Zentimeter lang. Die Heilung wird dauern.

Meine Bettwäsche hat dasselbe Muster wie die in der Charité – über diesen Aspekt des Standorts Deutschland ist nichts Negatives zu sagen. Ebenso postitiv, dass zum Abendbrot Weißkraut mit Paprika angeboten wird, aber auch Brie und Fisch aus der Dose. Das einzig Ärgerliche ist, dass ich kaum Lesen kann, da jede Haltung nach kurzer Zeit Schmerzen auslöst und ich auch noch zu unkonzentriert bin. Ich verbringe eine wunderschöne Dämmerstunde mit dem Cherubini Quartet und Mendelssohns Streichquartetten – eine zarte, schwungvolle, einfache Musik. Beim pianissimo schlägt mein Herz im Kopfhörer im Takt. Maximale Entspannung und Vertiefung.

Grafiken: Helko Reschitzki
